© Henning Rogge

Ein Haus für die Photographie

Mit dem Haus der Photographie im südlichen Gebäude der Deichtorhallen erhielt Hamburg 2005 ein Ausstellungshaus mit einer großen fotogrfischen Sammlung von hohem internationalen Niveau. Das Haus der Photographie zeigt internationale Wechselausstellungen zur Fotografie, von historischen Positionen des 19. und 20. Jahrhunderts bis hin zu jungen Fotografen der Gegenwart und Aspekten der digitalen Revolution 

© Hans-Jürgen Wege / Deichtorhallen

Deichtorhallen Hamburg

Die Deichtorhallen Hamburg sind eines der größten Ausstellungshäuser für zeitgenössische Kunst und Fotografie in Europa. Die beiden historischen Gebäude von 1911/13 bestechen durch ihre offene Stahlglasarchitektur und bieten heute Raum für spektakuläre internationale Großausstellungen. Seit 2011 werden die beiden Gebäude am Übergang von der Hamburger Kunstmeile zur Hafencity durch eine Dependance in Hamburg-Harburg mit der Sammlung Falckenberg ergänzt.

Zwischen 1911 und 1914 wurden die Deichtorhallen auf dem Gelände des ehemaligen Berliner Bahnhofs, des Hamburger Gegenstücks zum »Hamburger Bahnhof« in Berlin, als Markthallen errichtet. Sie stellen eines der wenigen erhaltenen Beispiele der Industriearchitektur der Übergangsperiode vom Jugendstil zu den Ausdrucksformen des 20. Jahrhunderts dar. Die beiden Hallen sind offene Stahlkons- truktionen: die nördliche Halle ein dreischiffiger Langbau mit 3800 qm Grund äche, die südliche Halle (1800 qm) ein Zentralbau mit Laterne. 

Nach der ursprünglichen Nutzung als Markthalle übernahm der Architekt Prof. Josef Paul Kleihues die Restaurierung der beiden Hallen zum Ausstellungszentrums für Kunst und die Neugestaltung des Außengeländes.

Die Deichtorhallen wurden durch die Körber-Stiftung restauriert und befinden sich im Besitz der Stadt Hamburg. 1989 wurden sie der Deichtorhallen-Ausstellungs GmbH übergeben. Am 9. November 1989 eröffnete mit der Ausstellung »Einleuchten« von Harald Szeemann das internationale Kunstausstellungsprogramm der Hallen. Im Laufe ihrer Geschichte haben sich die Deichtorhallen Hamburg zu einem Ausstellungshaus für Fotografie und zeitgenössische Kunst mit drei ins- titutionellen Standbeinen − drei Häuser unter einer Dachmarke – entwickelt.

Seit 2009 ist Dr. Dirk Luckow Intendant der Deichtorhallen Hamburg, die er gemeinsam mit dem Kaufmännischen Direktor Bert Antonius Kaufmann leitet. 

© Deichtorhallen Hamburg

Spannende Ausstellungen in modernem Ambiente
In der Halle für aktuelle Kunst − mit rund 3800 qm die größte zusammenhängende Ausstellungs äche für zeitgenössische Kunst in Europa − werden in Großprojekten künstlerische Positionen der Gegenwart vorgestellt. Einzelausstellungen von Malern, Bildhauern und Designern mit internationalem Ruf stehen dabei im Vordergrund. Die Projekte werden dabei zumeist ortsspezifisch in enger Kooperation mit den Künstlern entwickelt. Darüber hinaus werden Themen- und Grup- penausstellungen sowie große internationale Kunstsammlungen gezeigt. Die Halle für aktuelle Kunst beheimatet außerdem eine Buchhandlung sowie das Café Fillet of Soul.

Internationale Fotogra e mit höchstem Anspruch
Mit dem Haus der Photographie im südlichen Gebäude der Deichtorhallen erhielt Hamburg 2005 ein Ausstellungshaus nur für Fotografie von hohem internationalen Niveau. Das Haus der Photographie zeigt internationale[ Wechselausstellungen zur Fotografie, von historischen Positionen des 19. und 20. Jahrhunderts bis hin zu jungen Fotografen der Gegenwart und Aspekten der digitalen Revolution. Im Haus der Photographie finden Sie außerdem die Bibliothek F.C. Gundlach mit ihren 9.000 Bänden, die Fotobuchhandlung und das Restaurant Fillet of Soul.

Zeitgenössische Kunst am Puls der Zeit
Seit 2011 werden die beiden Gebäude am Übergang von der Hamburger Kunstmeile zur Hafencity durch eine Dependance in Hamburg-Harburg mit der Sammlung Falckenberg ergänzt. Die Sammlung Falckenberg umfasst etwa 2000 Arbeiten der zeitgenössischen Kunst. Ihr Schwerpunkt liegt auf deutscher und amerikanischer Gegenwartskunst der letz- ten 30 Jahre. Neben Sonderausstellung sind wechselnde Sammlungs- und Themenpräsen- tationen sowie dauerhafte Installationen von John Bock, General Idea, Thomas Hirschhorn, Mike Kelley, Jon Kessler, Jonathan Meese oder Gregor Schneider zu sehen. 

Prof. Dr. Dirk Luckow, Intendant der Deichtorhallen Hamburg. Foto: © Michael Schipper

INTERVIEW
mit Prof. Dr. Dirk Luckow Intendant Deichtorhallen Hamburg

Was macht für Sie ein gutes Foto aus?
Wenn es mich irritiert, in sich schlüssig ist und mir mit Selbstbewusstsein entgegentritt.

Ist Fotografie erklärungsbedürftig oder selbsterklärend?
Es gibt die allgemein gängige Ansicht, dass eine Fotografie sehr direkt von den meisten Menschen nachempfunden und verstanden wird. Doch die Leute möchten heute auf vielen Ebenen Informationen erhalten. Deshalb sind die Geschichten, die über das, was auf dem Foto zu sehen ist, hinausgehen, immer interessant. Ist bei einer Fotografie etwas vorgetäuscht oder echt? Handelt es sich um einen Schnappschuss oder ist das Bild von langer Hand vorbereitet? Was ist die innere Stringenz eines Bildes? Gegen welche Fotografie wird sich abgegrenzt? In einer guten Fotografie bündelt sich eine Summe subjektiver Sichtweisen zu einer neuen Objektivität. Diese Logik im Bild und die Geschichten rund um eine Fotografie erklären die Haltungen hinter den Bildern, lösen das Bildrätsel und tragen zum Verständnis bei.

Wann und wie entstand die Idee zu einem Haus der Photographie in Hamburg?
Es gibt eine lange Tradition für Fotografie in Hamburg. Alfred Lichtwark, Direktor der Hamburger Kunsthalle, holte bereits Anfang des 20. Jahrhunderts die Fotografie ins Museum. Fotografie hat die Menschen in der Medienstadt Hamburg immer brennend interessiert. 1999 begeisterte die erste Triennale der Photographie das Publikum. 2002 beschloss der Hamburger Senat, die südliche Deichtorhalle in ein „Haus der Photographie“ umzuwidmen. F.C. Gundlach hatte der Stadt seine Sammlung als Dauerleihgabe angeboten. Die Deichtorhallen waren der logische Ort dafür, ein lebendiges Haus dem neuen Medium Foto auf der Basis einer hervorragenden Fotografie-Sammlung zu widmen. 2003 wurde mit dem Umbau begonnen. Die Eröffnung folgte 2005 mit einer Martin Munkácsi Ausstellung. Das war bahnbrechend. Heute tragen die Deichtorhallen Entscheidendes dazu bei, dass Hamburg als eine Stadt der Fotografie wahrgenommen wird, in der wichtige Dinge rund um die Fotografie passieren.

Gäbe es dieses ohne F.C. Gundlach und seine Sammlung?
Nein. F.C. Gundlach ist Gründungsdirektor und als empfindsamer Beobachter fotografischer Entwicklungen großer Fürsprecher für die Fotografie seit Langem weit über Hamburg hinaus. Das begann 1971, als er noch als Modefotograf die Firma Professional Photo Service (PPS) im Bunker auf dem Heiligengeistfeld eröffnete. 1975 ergänzte er dieses Fotolabor durch eine Galerie in einer Zeit, als der Kunstmarkt für Fotografie noch gar nicht richtig existierte. Bis 1992 hatte Gundlach über 100 thematische und monografische Ausstellungen gezeigt, von Richard Avedon über Robert Mapplethorpe bis Wolfgang Tillmans. Als Nächstes wurde die Triennale der Photographie von ihm ins Leben gerufen. Immer wichtiger wurde ihm auch das Sammeln von Fotografien. Was Gundlach nicht über seine Galerie verkaufte, hat er privat weitergesammelt. Die Sammlung bildete ein Gegengewicht zu seiner eigenen Tätigkeit als Fotograf und Galerist. Sein eigenes fotografisches Werk umfasst 20.000 Fotografien, seine Sammlung rund 15.000 Exponate. Das The- ma „Das Bild des Menschen in der Fotografie“ wurde zum Leitfaden seiner Sammlung im Haus der Photographie und nach wie vor wichtiger Orientierungspunkt für unser Programm. 

© Deichtorhallen Hamburg

Wie ist das Ausstellungskon- zept des Hauses der Photo- graphie im Spagat zwischen Sammlungsbestand und Neuem? Und dies als Ergänzung oder Abgrenzung zum Programm in der Halle für aktuelle Kunst?
Im Haus der Photographie zeigen wir junge und arrivierte Foto- Positionen, immer wieder noch zu entdeckende Berühmtheiten wie Lilian Bassmann, Saul Lei- ter, Harry Callahan, Guy Bour- din oder Sarah Moon, um nur einige zu nennen. Häu g sind fotogra sche Positionen aus der Sammlung F.C. Gundlach Aus- gangspunkt einer Ausstellung. Die Sammlung lädt immer auch dazu ein, das ganze Spektrum der Fotogra e zu erfassen. Da- rüber hinaus eröffnen wir neue Sichtweisen auf die Fotogra e, etwa in dem alljährlichen Projekt „gute aussichten – junge deutsche fotogra e“. Darin grenzt sich das Programm des Hauses der Photo- graphie von der Halle für aktuelle Kunst ab, in der wir früher auch Fotografen wie Andreas Gursky, Annie Leibovitz oder Wolfgang Tillmans gezeigt haben. Das war allerdings noch vor der Eröffnung des Hauses der Photographie. Heute werden dort künstlerische Gesamtinszenierungen, Retros- pektiven oder Kunstsammlungen präsentiert. Das Medium Foto- gra e bleibt dem Haus der Pho- tographie überlassen, wenngleich die Grenzen zwischen den Genres immer ießender werden und wir völlig undogmatisch vorgehen.

Sie bespielen mit der Halle für aktuelle Kunst, dem Haus der Photographie und der Sammlung Falkenberg
in Hamburg-Harburg drei unterschiedliche Häuser. Wie wichtig ist das Ergebnis jedes einzelnen Hauses für das Gesamterlebnis und die Wirt- schaftlichkeit der Deichtor- hallen? Und welchen Anteil hat dabei die Photographie?
Die drei Häuser stehen wirt- schaftlich auf eigenen Füßen, wenn man einmal von der ins- gesamt prekären wirtschaftli- chen Lage unserer Institution absieht. Ausstellungen im Haus der Photographie sind in der Re- gel deutlich kostengünstiger als Ausstellungen etwa in der fast doppelt so großen Halle für ak- tuelle Kunst. So nanzieren sich die Ausstellungen im Haus der Photographie schon über die Be- sucherzahlen, während die Aus- stellungen in der Nordhalle stär- ker durch Sponsoren, Stiftungen, private Geldgeber oder den För- derkreis mit nanziert werden. Das Budget in der Sammlung Falckenberg ist komplett getrennt von denen der beiden anderen Häuser. In Harburg zeigen wir, um das noch zu ergänzen, sper- rigere, eigenwillige Positionen. Das sind häu g Künstler, die für andere Künstler eine wichtige Rolle gespielt haben, aber auch Universal-Künstler wie William Burroughs, Wim Wenders oder Bob Wilson. Auf diese Weise rundet sich das Ausstellungspro- gramm in den drei Häusern inte- ressant ab.

Sie haben ein großes und breit aufgestelltes Angebot im Bereich „Kulturelle Bildung, unter anderem sind sie für Ihr Angebot „Kunstlabor“ ausgezeichnet worden. Wie wichtig ist dieses für Ihr Haus?
In den Deichtorhallen haben wir Besucher, die kommen, weil sie et- was verstehen wollen. Diese sind oftmals weit entfernt von den rei- nen Insidern der Kunstwelt. Ein Angebot wie das „Kunstlabor“ erwarten die Leute von uns. Sie wollen hier ihren Horizont erwei- tern. Deshalb spielt die kulturelle Bildung automatisch und auch immer schon eine wichtige Rolle in den Deichtorhallen – mit über 1200 Führungen und Workshops im Durchschnitt ist das ja auch eindrucksvoll belegt. Wir fragen uns, was können Kunst und Fo- togra e leisten, um Menschen unterschiedlichster Schichten und kultureller Voraussetzungen an- zusprechen, ohne dass die eigenen Ansprüche an die Qualität aufge- geben werden müssen. Wie errei- chen wir vor allem auch jüngere Menschen, die einfach mal etwas kennenlernen oder austesten wol- len? Besonders bei den von Künst- lerinnen und Künstlern geleiteten Workshops mache ich nur gute Erfahrungen. Jetzt haben wir mit „YAP – Young Artists Perspecti- ves“ ein Projekt angeschoben, bei dem Kunststudenten durch die Ausstellungen führen. Wir sind und bleiben ein sehr künstlerisch orientiertes Haus. Wir eröffnen den Künstlern Handlungsspiel- räume, bieten ihnen ein Forum, auch im Bereich der kulturellen Bildung. Die Kunst ist zugleich in den Deichtorhallen kein eli- täres Projekt. Sie ist aber auch kein nettes gutbürgerliches Fort- bildungsprojekt. Wir stehen mit unserem Haus mitten drin in der Gesellschaft.

Was bieten Sie speziell zum Thema Fotogra e und den Ausstellungen im Haus der Photographie an?
Bezug nehmend auf das in- haltliche Thema der jeweiligen Ausstellungen erstellen wir ein Rahmenprogramm. Das ist indi- viduell gestrickt und sehr exibel. Unser Angebot umfasst öffentli- che Führungen, Kuratoren- und Sammlerführungen, Führungen mit besonderen Gästen, Jugend- führungen, Künstlergespräche wie zum Beispiel mit Viviane Sassen oder Andreas Mühe, Workshops für Schulklassen, ein „Fotolabor“ mit Workshop zur Fotogra e und Nutzung der Dunkelkammer, u.a. mit Einführung in traditionelle Fotogra e-Techniken. Die Er- gebnisse des Workshops werden auf dem Deichtorplatz in einer Outdoor-Ausstellung präsentiert. Für Schulklassen im Klassen- verband haben wir freibuchbare Workshops zu einem Thema. Stark nachgefragt sind auch die Fotokurse für Erwachsene. Unter fotogra scher Anleitung wird an- lässlich der kommenden Ausstel- lung zu Alec Soth gearbeitet. Mit dem „Klub der Künste“ planen wir Treffen mit Künstlern und Fotografen wie jetzt mit der Ham- burger Künstlerin Annika Kahrs. Ferienkurse sind immer besonders gefragt. Immer wieder bieten wir auch den Blick hinter die Kulissen an oder arbeiten größere Vortrags- und Diskussionsprogramme mit Kooperationspartnern aus. Und natürlich haben wir unser Ange- bot auch zunehmend in die wich- tigen sozialen Netzwerke wie In- stagram ausgedehnt, wo wir z.B. mit Formaten wie InstaMeets und speziellen Wettbewerben ak- tiv auf die Communitys zugehen.

Im nächsten Jahr ndet die 7. Triennale für Photographie statt, die auf eine Initiative des Fotografen und Sammlers Prof. F. C. Gundlach zurück- geht und von Ihrem Haus veranstaltet wird. Was ist geplant?
Die Triennale für Photographie ist das älteste kontinuierlich statt ndende Foto-Festival in Deutschland. Wir rechnen für 2018 mit insgesamt 90 Orten, an die 100 Künstlerinnen und Künstler und mit ebenso vielen Events. Dazu gehören immer auch Orte, die man nicht unbe- dingt mit Fotogra e verbindet. Erfreulich ist auch, dass wir den Kurator der sehr erfolgreichen 6. Triennale der Photographie Ham- burg 2015, Krzysztof Candrowi- cz, erneut als künstlerischen Lei- ter gewinnen konnten. Inhaltlich geht es bei dem Motto „Breaking Point. Searching for a Change“ um die Idee der Fotogra e, den Lauf der Zeit für einen Moment zu unterbrechen, potenziell einen Wandel einzuleiten, eine Verän- derung anzustoßen. Es geht auch um die Rolle der Fotogra e in un- ruhigen Zeiten. Wie kann sich die Fotogra e hierin sinnvoll einbrin- gen, wie dem historischen Druck standhalten und vielleicht sogar die Welt verändern? Das deutet an, dass sie sich durchaus poli- tisch versteht. Wichtiger inhalt- licher Baustein dieser Triennale wird der Hinweis auf das mäch- tige Keyboard unserer Computer mit den Kategorien Space, Home, Shift, Control, Enter, Return, De- lete oder Escape sein: Befehle, die jeden Tag millionenfach ausge- löst werden und zugleich Kapi- telüberschriften für das Konzept bilden, welches die Häuser der Hamburger Kunstmeile mitein- ander verbindet.

Das Gespräch führte Kai Geiger

 

PROF. DR. DIRK LUCKOW
Prof. Dr. Dirk Luckow ist seit 2009 Intendant der Deichtorhallen Hamburg. Er promovierte an der FU Berlin im Fach Kunstgeschichte über »Joseph Beuys und die amerikanische Anti-Form-Kunst« und war unter anderem an der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen in Düsseldorf, am Solomon R. Guggenheim Museum in New York, am Württembergischen Kunstverein in Stuttgart, als Projektleiter für bildende Kunst beim Siemens Arts Program in München und von 2002 bis 2009 als Direktor der Kunsthalle zu Kiel tätig. Darüber hinaus ist Dirk Luckow Intendant der Triennale des internationalen Foto Festivals in Hamburg. Dieses Jahr hat er eine Ehrenprofessur der Hochschule für bildende Künste Hamburg erhalten.