Jazz-Gipfel 2018, Foto © Stefan Pontius

Konstanz (DI

Jazz-Gipfel Konstanz
Ein Projekt des Jazzclubs Konstanz
in Zusammenarbeit mit den vier Konstanzer Gymnasien.

Solche Initiativen benötigt der Jazz! Jährlich im Frühjahr lädt der Jazzclub Konstanz einen bekannten Jazzmusiker nach Konstanz ein, um Schülerinnen und Schüler der Orchester und Schulbands der vier Konstanzer Gymnasien für den Jazz zu begeistern. Der Dozent musiziert, inspiriert und erarbeitet schulübergreifend Stücke mit den jungen Musikerinnen und Musikern an dessen Ende der Jazz-Gipfel, ein gemeinsames Konzert steht.

Wir sprachen mit Martin Kneer und Roland Baumgärtner vom Jazzclub Konstanz.

Martin Kneer, Foto © Stefan Pontius

Wie entstand die Idee zum Jazz- Gipfel?
Martin Kneer: Mit der 2005 gegründeten SUjazzSO-Big-Band wollte ich gerne ein Konzert mit ähnlichen Ensembles in Konstanz veranstalten. Kontakte, die ich noch aus der Zeit als Dozent für Jazz- und Popularmusik an der Musikhochschule Trossingen hatte, erleichterten das Projekt. Zwei ehemalige Studenten, Wolfgang Feucht (Humboldt-Gymnasium) und Gotthart Hugle (Ellenrieder-Gymnasium), waren mit ihren Schulbands sofort mit dabei und schnell waren die ersten Pflöcke eingeschlagen. Die Veranstaltung sollte von Anfang an Begegnungscharakter haben. Der vierte im Bunde, Wilfried Hetz (Geschwister-Scholl-Schule) ließ sich ebenfalls nicht lange bitten, und so konnte man 2006 den ersten Jazz-Gipfel im K9 erleben. Schon damals – allerdings noch ohne Gastmusiker – mischten wir die Bands und spiel- ten gemeinsam. Dieses Konzept kam nicht nur beim Publikum sehr gut an, auch die Mitwirkenden waren begeistert. Dass das konkurrenzlose Miteinander von vier Konstanzer Gymnasien so freundschaftlich und so gut musikalisch funktionierte, hat wohl manchen überrascht und verlangte nach einer Neuauflage. Ab dem 2. Jazz-Gipfel holte ich den Jazzclub Konstanz mit ins Boot. Ein Schritt, der dem Konzept neue Impulse und weitere Möglichkeiten gebracht hat. Eine kleine Erfolgsgeschichte folgte. Mittlerweile ist der Jazz-Gipfel fest im jährlichen Kulturfahrplan von Konstanz verankert.

Roland Baumgärtner: Im Gespräch mit Martin Kneer sind wir bei der Überlegung, wie der Jazzclub diese tolle Veranstaltung unterstützen könnte, auf die Idee gekommen, dass wir „Profis“ zur Seite stellen könnten, die sowohl als Gastsolist wie auch als Workshopleiter eigene Ideen einbringen. Was wir seit der zweiten Auflage mit wachsendem Erfolg tun. Wer das sein könnte, wird jedes Jahr mit den Musiklehrern gemeinsam festgelegt. Mal soll ein bestimmtes Instrument gefördert werden, mal das Rhythmusgefühl, mal der gesamte Klangkörper. Bei der Auswahl der Gäste greifen wir gerne auf Musiker zurück, die dem Jazzclub eh schon seit Langem verbunden sind.

Jazz-Gipfel 2018, Foto © Stefan Pontius
Roland Baumgärtner © privat

Was möchten Sie mit dem Jazz-Gipfel bewegen?
Martin Kneer: Unsere jungen Musikerinnen und Musiker sollen schulübergreifend zusammengebracht werden und sich dabei an Jazz- und Improvisationsformen versuchen, die sie in ihren eigenen Bands in der Regel nicht kennenlernen. Dabei spielt der jeweilige „Special Guest“ eine entscheidende Rolle: Er bringt Musik ein, die von ihm selbst geschrieben oder arrangiert wurde. Mit einem renommierten Jazzmusiker zu proben und gemeinsam zu spielen vermittelt den Mitwirkenden immer ein hohes Maß an Authentizität und Professionalität. Ein weiterer Aspekt sind die vielen Kontakte, die sich unter den Jugendlichen ergeben. Man tauscht sich aus, findet sich zu neuen Jazz-Formationen zusammen und fördert damit eine junge „Jazz-Szene“ in Konstanz.

Roland Baumgärtner: Die Jazzszene „vergreist“, hören wir allenthalben und stellen das beim Blick auf unsere Mitglieder selbst fest. Trotzdem ist es erstaunlich, dass unzählige junge Leute Jazzmusiker sind oder werden wollen. Das möchten wir fördern und natürlich gerne auch aufs Publikum übertragen. Junges Publikum für Jazz gewinnen und begeistern, jungen Musikern erste Auftrittsmöglichkeiten zu verschaffen, den Hörerkreis erweitern, so was steckt natürlich auch dahinter.

Jazz-Gipfel 2018, Foto © Stefan Pontius

Wie muss man sich den Jazz-Gipfel vorstellen? Wie funktioniert es?
Martin Kneer: Beim Jazz-Gipfel treffen sich unterschiedliche Jazz-Formationen aller Konstanzer Gymnasien. Dabei gestaltet jede Schule bei den beiden Abendkonzerten und einer Matinee ein eigenes Set von etwa 20 Minuten, wobei der jeweilige „Special Guest“ bei dem ein oder anderen Stück als Solist eingebunden wird. Als Höhepunkt treten dann unter Leitung des jeweiligen Gastmusikers die sogenannten „Gipfel-Bands“ auf, die sich aus verschiedenen Schülerinnen und Schülern aller Schulen zusammensetzen. Dies erfordert schon eine frühzeitige Planung und den ständigen Austausch mit dem Gastmusiker: Die Besetzungen müssen festgelegt und geeignete Stücke ausgewählt werden, hinzu kommen Vorproben und ein erster Workshop mit dem Gastmusiker einige Wochen vor dem eigentlichen Jazz-Gipfel.

Roland Baumgärtner: Für uns ist es relativ einfach: Die Arbeit machen die anderen. Wenn Termine und Gastmusiker bestimmt sind, dann sind die Musiklehrer mit ihren Bands dran. Neben dem laufenden Programm gilt es dann, ab einem möglichst nicht zu späten Zeitpunkt die Musik des Gastes zu bearbeiten und den ersten Workshop vorzubereiten. Der Jazzclub und das Kulturamt unterstützen so gut es geht bei allen anderen organisatorischen Aufgaben. Und wir schauen, dass hinterher noch Geld in der Kasse ist, um die Bands auch finanziell etwas zu unterstützen. Eine Freude ist es auch, die Entwicklung der jeweiligen Bands zu beobachten. Die Musiklehrer müssen ja jedes Jahr neue Musiker gewinnen und einbinden. Schwups sind die Abiturienten wieder weg und es geht von vorne los. Aber der Nachwuchs kommt und kommt und kommt, herrlich und bewundernswert.

Stffen Schorn, Foto © Roger Hanschel

Steffen Schorn
Workshopleiter Jazz-Gipfel 2018

 

Wie haben Sie die Arbeit mit den Schülerinnen und Schülern beim diesjährigen Jazz- Gipfel erlebt?
Steffen Schorn: Die Arbeit mit den Schülerinnen und Schülern war für mich sehr spannend, inspirierend und hat grossen Spass gemacht. Das Niveau war insgesamt erstaunlich und erfreulich, das Dozententeam war sehr kooperativ und hat sich top auf das Projekt vorbereitet.

Wie haben Sie sich auf Ihre Aufgabe als Dozent es diesjährigen Jazz-Gipfels vorbereitet?
Steffen Schorn: Ich habe verschiedene Stücke aus meinem Repertoire ausgesucht, die möglichst ein breites Spektrum abdecken – Kompositionen und Arrangements für Combo, Big Band und offene Besetzung – und die jeweils verschiedene Schwerpunkte setzen: Bei den Big-Band-Stücken geht es vorrangig um Ensemblespiel, Phrasierung, Intonation, Blending (die klangliche Mischung und Verschmelzung der einzelnen Stimmen) und solistische Beiträge. Bei den Combo-Stücken waren anspruchsvolle ungerade Taktarten dabei, die von den Schülern begeistert und messerscharf erarbeitet und dargeboten wurden, und bei den Stücken mit offener Besetzung und Form ging es mir darum, auch den Jüngeren und Jüngsten zu vermitteln, dass Improvisation im Grunde ganz leicht ist: Man kann ausgehend von einfachem Tonmaterial mit und ohne Noten sofort und ohne Berührungsängste loslegen, Spaß haben und erstaunliche Ergebnisse erzielen!

Wie wichtig sind solche Angebote für den Jazz?
Steffen Schorn: Dies kann man nicht hoch genug einschätzen. Ich wäre froh, hätte es so etwas zu meiner Schulzeit gegeben: Nicht nur, dass alle beteiligten Schulen über tolle, bestens ausgebildete und hoch engagierte Musiklehrer verfügen, die mehrere Jazz Ensembles bis hin zur Big Band künstlerisch und organisatorisch betreuen, sondern es findet auch eine freundschaftliche Zusammenarbeit und ein sich gegenseitig unterstützender Austausch statt. Dieser Spirit, diese geistige Haltung überträgt sich auf die Schüler. Diese Erfahrung mache ich täglich z.B. an der Hochschule für Musik in Nürnberg, wo wir u.a. mehrere Saxophon-Dozenten haben, die sehr unterschiedliche Persönlichkeiten und Herangehensweisen verkörpern, sich jedoch gegenseitig überaus schätzen und gerne und häufig miteinander musizieren. Dadurch entsteht ein Teamgeist, ein Bewusstsein für die Community, der heute mehr denn je unverzichtbar ist. Die Zeit der „Einzelkämpfer“ im Jazz ist vorbei,  es geht darum, sich zusammenzutun, Kräfte zu bündeln, auf sich aufmerksam zu machen und gemeinsam neue Wege in einer sich schnell verändernden Kulturlandschaft zu finden. Als leuchtende Beispiele mögen die aktuellen Errungenschaften der seit einigen Jahren neu besetzten UDJ (Union Deutscher Jazz Musiker), oder auch das „Klaeng-Kollektiv“ und das „Subway Jazz Orchestra“ in Köln oder die „Metropolmusik“ in Nürnberg gelten.

Doch nicht nur „für den Jazz“ sind solche Angebote von unschätzbarem Wert: Selbst wenn nur ein Bruchteil der Schülerinnen und Schüler später ihren Lebensunterhalt mit Musik verdienen werden, vermittelt diese Arbeit Werte wie Begeisterung, Flexibilität, Individualität und Teamgeist, Toleranz, gemeinsames Erleben, Improvisation, die Erfahrung, dass man durch Hingabe an eine Sache über sich hinauswachsen kann, Finden von neuen Lösungsansätzen ... Wenn unsere heutige Gesellschaft eines braucht, dann das!

© privat
Jazz-Gipfel 2018, Foto © Stefan Pontius

Und haben Sie ein oder mehrere Talente entdeckt, von denen wir hören werden, wenn sie dabeibleiben?
Steffen Schorn: Ja, einige: herausragend war sicherlich Laurenz Bogen, der nicht nur schon jetzt hervorragend Posaune und Klavier spielt, sondern auch eigene Stücke komponiert und ständig unterschiedliche Besetzungen zusammentrommelt und mit ihnen experimentiert. Schön und erwähnenswert ist auch, dass ein Jazz-Gipfel-Schüler der „ersten Stunde“, Frederik Mademann, der wie ich auf dem Humboldt in Konstanz war, letzte Woche seinen Abschluss bei uns in Nürnberg gemacht hat und nun wieder nach Konstanz ziehen will und vielleicht einen der kommenden Jazz-Gipfel leiten wird.