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Terri Lyne Carrington © Tracy Love

Köln (D)

Transkulturell:
Der Jazz von heute
Eine Vorschau auf die Konzertsaison 2018/2019 in Sachen Jazz und improvisierte Musik in der Kölner Philharmonie

Auch im Jazz spielt das Klavier eine entscheidende Rolle. Einerseits lässt sich darauf die Klangfülle eines Orchesters erzeugen, andererseits können die einzelnen Stimmen polyphon durch die achteinhalb Oktaven geführt werden. Deshalb ist das Piano das Instrument schlechthin, das auch im Jazz sowohl eine solistische Rolle als auch begleitende Funktion übernimmt.

Als Michael Wollny vor 15 Jahren mit dem damals noch kollektiv geleiteten Trio [em] zum ersten Mal in der Szene in Erscheinung trat, hörte man sofort, dass hier ein Pianist mehr zu bieten hatte als nur seine spieltechnische Virtuosität zur Schau zu stellen. Virtuosität auf seinem Instrument hatte er auch, ohne Frage. Aber Wollny, 1978 im unterfränkischen Schweinfurt am Main geboren, wollte mehr: auf Augenhöhe mit seinen Mitmusikern kommunizieren und nach Wegen zur Improvisation suchen, die eben nicht jeder kennt. Sein Ziel war es, das Jazz-Piano-Trio als gleichschenkliges Dreieck mit den Eckpunkten Piano, Bass, Schlagzeug zu zeichnen, das im Akt des gemeinsamen Im- provisierens von allen Partnern zugleich zum Kreiseln gebracht wird.

Dieses Ziel hat Wollny, der Ende Mai 40 Jahre alt wird, erreicht. Obwohl das Trio mit dem Schweizer Christian Weber den dritten Bassisten auf dieser Position hat und der Name von dem etwas kryptischen Trio [em] in ein klassisches Michael Wollny Trio geändert wurde, so suchen die drei auch heute noch nach Herausforderungen: wenn sie Werke klassischer Komponisten in zeitgenössische Jazzmusik übersetzen oder den üblichen Rahmen der Besetzung, die längst zur musikalischen Gattung geworden ist, sprengen und den Sopransaxofonisten Emile Parisien als Gast hinzuholen, wie es am 3. Oktober in der Kölner Philharmonie der Fall sein wird. Die Eloquenz des Franzosen in der Phrasierung kommt ganz der Entdeckerlust dieses Trios um den deutschen Pianisten zugute.

MichaelWollny ©JörgSteinmetz
Hiromi © Muga Miyahara

Ein halbes Jahr später, am 8. März 2019, kommt Hiromi Uehara nach Köln. Ihr Auftritt in der Philharmonie wird sicherlich auch eine Art „revisited“ werden, denn dann ist es knapp zehn Jahre her, dass sich die 1979 im japanischen Hamamatsu geborene Pianistin zum ersten Mal in Köln von ihrer solistischen Seite gezeigt hatte. Die Kunst der unbeglei- teten Solo-Piano-Piecen mag auf den ersten Blick seltsam für Hiromi erscheinen, denn die Pianistin ist eigentlich ein hochaufgeladenes Energiebündel, das unbedingt den musikalischen Schlagabtausch mit gleichwertigen Partnern braucht, sucht und auch findet, um ihren Jazz funkensprühend in den Äther zu jagen. Schaut man in die Liste der Musiker, mit denen sie bislang gespielt hat, so ist das keine Überraschung. Entdeckt wurde sie von ihrem eine Generation älteren Instrumentalkollegen Chick Corea, gefördert vom E-Bassisten Stanley Clarke und in ihrem aktuellen Trio wirken der Afroamerikaner Anthony Jackson (E-Kontrabassgitarre) und der Brite Simon Philips (Drums) mit.

Aber auch alleine über die 88 weißen und schwarzen Tasten gebeugt klingt Hiromi keineswegs nur introspektiv. Spieltechnisch und auch vom Repertoire her hat sie die komplette Palette von improvisierter und komponierter Kla- viermusik parat. Sie kombiniert aus dem Stegreif zum Beispiel das wuchtige Oktavspiel von Stride-Pianisten wie etwa Art Tatum mit den repetitiven Patterns der Minimal Music, um mit überraschenden Kombinationen ihren eigenen Kreativkosmos zu bestücken. Dass sie dabei unglaublich viele Noten spielt, hat einen einfachen Grund: Die Materialmenge ergibt die Klangfülle, die es der zierlichen Japanerin ermöglicht, ihrer rasant brillante Solo-Klaviermusik Strukturen zu geben.

Andreas Schaerer © Reto Andreoli

Wie stilistisch vielfältig moderne Jazzmusik sein kann, aus wie vielen verschiedenen Quellen sich diese speist, auch das zeigen die Konzerte der Spielzeit 2018/19 in der Kölner Philharmonie. Vor allem ist Jazz von heute eines: transkultu- rell. Fast einen europäischen Folklore-Touch mit Hinwendung zur musikalischen Avantgarde hat zum Beispiel das Quartett A Novel Of Anomaly um den Berner Vokalartisten Andreas Schaerer, dessen Konzert am 8. September die neue Spielzeit für Jazz und improvisierte Musik in der Kölner Philharmonie eröffnet. Der Fokus verengt sich dann am 12. Oktober ein wenig mehr auf Spanien, wenn das De Cerca trio um den vor allem in seinem Heimatland berühmten Gitar- risten Josemi Carmona mit seinem Gast, dem Pianisten Chano Domínguez, die Schnittstelle von Flamenco und US-Jazz analysiert.

Stichwort USA: Das Mutterland des Jazz hat auch heutzutage noch immer eine Menge in Sachen improvisierter Musik zu bieten. Seit fünf Jahrzehnten lebt der gebürtige Brite Dave Holland in den USA, seitdem mischt er als Kontrabassist in der Jazzszene ganz vorne mit. Seine aktuelle Band Aziza ist eher ein Kollektiv mit den beiden Amerikanern Chris Potter (Saxofon) und Eric Harland (Drums) sowie dem in Westafrika geborenen, in den USA lebenden Lionel Loueke (Gitarre). Im interagierenden Zusammenspiel dieser vier Musiker verbindet sich die groovende Leidenschaft des Funk mit der packenden Soundästhetik des Techno und der eloquenten Phrasierungskunst des Modern Jazz aus den USA.

Schon mit ihrem „Mosaic“-Projekt hat sich Terrie Lyne Carrington eines Themas angenommen, das der afroamerikanischen Schlagzeugerin seit langem sprichwörtlich auf den Nägeln gebrannt hat: die Rolle von Musikerinnen im modernen Jazz. Mit ihrer aktuellen Band Social Science, mit der sie am 26. Januar zu Gast in Köln ist, geht sie noch einen Schritt weiter: Der turbulenten politischen Situation in ihrer Heimat geschuldet richtet sie ihr Augenmerk auf die amerikanische Gesellschaft und präsentiert eine aufregende Mixtur aus Jazz, Soul, Indie- Rock und R&B. „Kreativität rettet Leben“, ist Carrington überzeugt: „Es ist meine Aufgabe als Musikerin, Verantwortung zu übernehmen, um den Menschen von den Missständen in unserer Gesellschaft zu erzählen.“

VON MARTIN LAURENTIUS