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Das Jahrhundert des Jazz
2.10. – 11.11.2017 | 17. Enjoy Jazz 2017

Wir sind keine zornigen jungen Männer, wir sind rasend vor Wut.“ Der Satz von Archie Shepp klang nicht nur so scharf wie eines seiner Saxophonsoli. Er war auch genau so gemeint. Die Avantgardisten der 1960er-Jahre radikalisierten die bislang gewohnten Formen des Jazz; ihre Mittel setzten sie wilder und maßloser ein, auch um den weißen, Jazz als Unterhaltung goutierenden Hörern die Ursprünge dieser Musik unmissverständlich klarzumachen. Ihr Auftreten war ein heilsamer Schock. Und ihre Musik war es nicht minder. Es ging um viel, es ging um alles.

Auch im Jahr 2017, welches das Jahrhundert des Jazz markiert, gilt nach wie vor: Der Jazz bezieht seine Glaubwürdigkeit aus dem Leben selbst. In diesem Sinne hat sich das Enjoy Jazz Festival immer auch als eine Bühne verstanden, die nicht nur musikalische Könner, Strömungen und Genres präsentiert, sondern auch nach der gesellschaftlichen Verankerung der Musik fragt.

Ja, der Jazz ist schon immer ein Soundtrack der Freiheit. Sein Schlüsselelement ist die Improvisation, die aus dem Augenblick für den Augenblick entsteht – auch wenn sie in ihren besten Momenten weit darüber hinaus wirkt. Die große Kraft, die man der Musik zuschreibt, liegt genau in dieser Beschwörung des Augenblicks. Denn: Wenn nur der Augenblick zählt, kann sich oder lässt sich in diesem Augenblick auch alles ändern. Deshalb gibt es kaum eine politische oder soziale Bewegung, keine zwischenmenschliche Verbindung ohne eigenen Soundtrack, ohne „unser Lied“. Auffällig viele jener, die sich dieser Dimension des Jazz verpflichtet fühlen, kann man immer wieder beim Enjoy Jazz Festival hören. Und das ist gewiss kein Zufall.

Sonny Rollins sagte unlängst in einem Interview: „Es geht nicht darum, ob der Jazz politisch sein will. Er ist es. Und er wird es immer sein. Er ist eine ganz eigene Geschichte der Integration. Dadurch bezeichnet der Jazz an sich bereits eine gewisse menschliche Freiheit.“ Und nach einer kurzen Pause fügte der große Tenor-Saxophonist, der hoch betagt noch bei Enjoy Jazz auftrat, hinzu: „Eine Freiheit, die oft nicht erwünscht war.“

Dieser „oft nicht erwünschten Freiheit“ räumt das Programm von Enjoy Jazz immer wieder bewusst viel Raum ein. Manch einer wird sich noch erinnern: Als der in Paris lebende Archie Shepp im Jahr 2015 das Abschlusskonzert bei Enjoy Jazz bestritt, war das genau einen Tag nach den Pariser Anschlägen mit 130 Toten. Archie Shepps Orchester hatte damals allergrößte Probleme, überhaupt anreisen zu können. In dieser von Wut und Verunsicherung geprägten Situation fand der mittlerweile ebenfalls betagte Shepp Worte von nahezu universeller Gültigkeit, die sich im Anschluss auch in seiner Musik am deutlichsten entfalteten. Was Shepp damals in Wort und Ton auf die Bühne brachte: Unsere Handlung sollte immer unserer Haltung folgen, nicht umgekehrt. Genau hierfür will das Festival für Jazz und anderes ein Sinnbild sein. Und damit nicht zuletzt einem Jahrhundert Jazz und den ihn ermöglichenden Musikern Tribut zollen. Enjoy Jazz.
www.enjoyjazz.de

Wir sprachen mit dem Festivalgründer und Festivalleiter Rainer Kern.

 

Wie entstand Enjoy Jazz, wie kam Rainer Kern zum Jazz und auf die Idee zum Festival?

Zum Jazz kam ich durch meinen 10 Jahre älteren Bruder, der mich früh zu Jazz-Konzerten und Festivals mitnahm. Durch diese frühe Prägung erwuchs in mir der Traum, eines Festivals, das für Musiker wie Publikum gleichermaßen da war – das nur ein Konzert pro Abend präsentierte und das dadurch der Musik ihren vollen Raum gab. Im besten Falle sollte dieses Festival natürlich in meiner Heimat stattfinden. Diesen Traum konnte ich mir 1999 im Kulturzentrum Karlstorbahnhof in Heidelberg mit Enjoy Jazz schließlich erfüllen.

Das Festival wird in diesem Jahr „Volljährig“. Was erwartet die Besucher, was sind die Highlights des 18. Enjoy Jazz?

Unter den Highlights des Festivals sind natürlich ganz oben Joshua Redman und Brad Mehldau im BASFFeierabendhaus anzusiedeln. 2008 standen die beiden erstmalig bei Enjoy Jazz gemeinsam auf der Bühne und dies auf meine Initiative hin. Das Konzert war ein solcher Erfolg, dass die beiden seither gemeinsam in dieser Formation weltweit touren. Ich freue mich daher natürlich besonders, beide 2016 beim BASF-Konzert wieder bei Enjoy Jazz auf der Bühne erleben zu können.

Was verbirgt sich hinter dem Zusatz „und Anderes“ im Festivaltitel „Enjoy Jazz Festival für Jazz und Anderes“?

Der Jazz ist im Besonderen eine Musik, deren Einflüsse und Spielarten nicht nur zahlreiche weitere Musiken beeinflusst und bereichert hat, sondern sich auch durch seine wesenseigene Offenheit in der Improvisation auszeichnet. Daher liegt es gerade beim Jazz nahe, diese Einflüsse und Freiheiten, die ‚Anderes‘ ermöglichen und bedingen bereits im Titel mit aufzuzeigen. Ein gutes Beispiel dieses Jahres hierfür wäre das Konzert mit Johannes Motschmann, oder aber auch John Kameel Farah, die beide die Grenzen ‚klassischer‘ Stile sprengen und sich in neue Felder vorwagen. Genau das ist meines Erachtens nach Jazz – und eben Anderes.

Wie wichtig sind europäische Partnerschaften auch in Hinblick auf das vom European Jazz Network lancierte Projekt „Jazz across Europe“?

Ich denke gerade mit Hinblick auf die politischen Ereignisse wird diese Frage aktuell in Europa immer virulenter und verlangt auch nach immer nachdrücklicheren Antworten. Denn abseits vom inhaltlichen Zusammenarbeiten im musikalischen Bereich oder der Erarbeitung gemeinsamer audience development-Strategien, scheint mir insbesondere die Verortung als ein gemeinschaftliches europäisches Netzwerk immer wichtiger. Der Jazz war schon immer und ist nach wie vor eine hoch politische, wie kulturelle Auseinandersetzung mit und Umsetzung von gesellschaftlichen Ereignissen und Gegebenheiten. Dem dürfen, können und sollten wir uns auch als Festivalmacher und Veranstalter nicht entziehen. Das Ganze darf übrigens auch nicht an den Grenzen Europas enden; deswegen sind auch unsere außereuropäischen Partner ebenso wichtig, wie unsere europäischen.

Die Metropolregion Rhein Neckar ist eine der wenigen Regionen, die „Metropole“ leben und durch viele Aktivitäten nach Außen sichtund erfahrbar machen und die Kultur in den Fokus stellen. Wie wichtig ist der Metropolgedanke für Sie als Festivalmacher? Chance oder Bürde?

Bereits im zweiten Jahr der Entstehung von Enjoy Jazz haben wir das Festival von Heidelberg auch auf die Stadt Mannheim ausgeweitet, nur wenige Jahre später folgte Ludwigshafen. Das erfolgte damals noch alles vor der Entstehung der Metropolregion. Der Metropolgedanke ist für mich und das Festival daher ganz klar nicht nur Chance, sondern wächst und gedeiht auch gerade auf Grund der hochkarätigen Festivals in unserer Region, die sich gemeinsam in der Festivalregion organisieren und die wir mitbegründet haben. Auch das Kulturbüro der MRN trägt daran einen entscheidenden Anteil. Gerade Festivals wie Enjoy Jazz, oder beispielsweise auch das Fotofestival Heidelberg, Mannheim, Ludwigshafen helfen dabei, in den Köpfen der Menschen Städtegrenzen abzubauen und ihre Region als eine Metropole wahrzunehmen. Was für den Gedanken ‚Europa‘ gilt, gilt selbstredend auch im ‚kleinen‘, lokalen für die Metropolregion Rhein-Neckar. Dieser Abbau von Grenzen zeitigt Synergieeffekte, von denen selbstredend auch wir als Festival profitieren, und der sich wunderbarerweise wie eine Spirale immer weiter nach oben schraubt.

Das Enjoy Jazz finanziert sich zu einem großen Teil aus Sponsorengeldern. Eine gute Ehe oder Abhängigkeit?

Eine ganz wunderbare Lebensgemeinschaft, welche die Freiheit lässt, der zu bleiben, der man ist und sich dennoch gerade darin gegenseitig zu fordern und zu fördern. Allen voran unser Hauptförderer SAS und unser Premiumförderer BASF SE ermöglichen uns, das Programm des Enjoy Jazz Festivals in seinen vielen Facetten zu verwirklichen. So feiern beispielsweise die Matineen und Masterclasses beim Festival dieses Jahr ihr 10-jähriges Bestehen und wären ohne SAS und BASF SE nicht denkbar gewesen.

Wohin geht die Reise, wovon träumt Rainer Kern heute?

Dass weiterhin so viele Menschen an meinem Traum teilhaben und festhalten. Die Entwicklung, die das Enjoy Jazz Festival in den letzten 17 Jahren genommen hat, ist wirklich schlicht traumhaft, die Reaktionen sowohl von Seiten des Publikums, als auch von Seiten der Musiker sind atemberaubend. Dass dieser Traum auch weiterhin von anderen Menschen mitgeträumt wird, wäre schon ein Anfang, denn schließlich geht die Reise ja immer ins Ungewisse.


DAS GESPRÄCH FÜHRTE KAI GEIGER