Kalle Kalima und Andreas Behrendt © Foto Martina Wolters

SCHAERER | KALIMA | BEHRENDT & Vox Nostra 

PSALMODIA


Am Sonntag den 13. Oktober 2019 findet im Münster des Schloss Salem ein ungewöhnliches und einzigartiges Konzert statt. Das Konzept des Konzertes ist, mittelalterliche Vokalmusik (aus originalen Handschriften) in Dialog mit Improvisationen und Kompositionen, Jazz und Neuer Musik zu setzen. Ein Wechselgesang über die Jahrhunderte hinweg. Im Münster an mehreren Positionen verteilt und in Bewegung begegnen sich die Zeitenklänge. Das Vokalensemble VOX NOSTRA Berlin (Spezialisten für Alte Musik) mit Winnie Brückner (Sopran), Philipp Cieslewic (Altus) und Burkard Wehner (Tenor und Leiter des Ensembles) liefert die Vokalgesänge – im Dialog mit dem Trio Vocal (Andreas Schaerer), E-Gitarre (Kalle Kalima) und Orgel (Andreas Behrendt). Sie nehmen die motivischen und harmonischen Impulse der alten Vokalgesänge auf und stellen sie improvisatorisch und kompositorisch in einen neuen, heutigen Kontext. Der Ablauf des Konzertes orientiert sich an der Form des Psalmgesangs bzw. der Psalmodie, dem alten klösterlichen Wechselgesang des Mittelalters, der bis heute gepflegt wird.

Interview mit Kalle Kalima und Andreas Behrendt
siehe unten

Andreas Schaerer © Fotosolar

Andreas Schaerer

Es gibt einige gute Gründe, warum der Berner Andreas Schaerer einer der interessantesten Gesangskünstler der Musikszene weltweit ist. Was damit beginnt, dass er weit mehr ist als nur ein Sänger und auch nur bedingt in die Schublade Jazz passt. Schaerer ist vielmehr ein Stimm-Jongleur, der sein Organ nicht nur in den verschiedensten Lagen und Stilen (vom klassischen Lied- bis zum Crooner- oder Scat-Gesang) erklingen, sondern damit auch alle denkbaren Geräusche erzeugen und allerlei Instrumente bis hin zum Beatbox-Schlagzeug imitieren und auf buchstäblich unglaubliche Weise polyphon übereinander türmen kann. Er ist darüber hinaus ein glänzender Komponist und Improvisator, der diese Fähigkeiten für die verschiedensten Projekte variabel einsetzen und rhythmisch wie melodisch virtuos gestalten kann. Und er verfügt schließlich in reichem Maße über Bühnen-Charisma und die in der „ernsten Musik“ eher seltene Gabe des Humors, was vor allem bei seiner Paradeband Hildegard Lernt Fliegen zur Geltung kommt.

Kalle Kalima © Maarit Kytöharju

Kalle Kalima

Kalle Kalima ist ein musikalischer Abenteurer. Ob an der Stilgrenze zum Rock, die Huldigung seiner finnischen Heimat oder Jazz-Anarchie mit der Band Kuu!, der 41-jährige liebt die Freiheit, die Weite und Breite der improvisierten Musik immer wieder neu auszuloten. Ohne die persönliche Atmosphäre zu sprengen, darf dabei allerdings eine gewisse kreative Verrücktheit nie fehlen. Sowohl als Bandleader als auch Komponist gehört er deshalb in Europa zu den wohl interessantesten Musikern der Moderne.

Mit dem Kalle Kalima Trio gewann er 2008 den "Neuen Deutschen Jazzpreis". Neben seinen aktuellen musikalischen Projekten wie Kuu! arbeitete er mit Marc Ducret, Simon Stockhausen, der NDR BigBand uvm. Auf seiner Entdeckungsreise im modernen Jazz bleibt Kalle Kalima dabei eine Konstante, die immer für eine Überraschung gut ist.

Andreas Behrendt

Geboren in Berlin, lebt Andreas Behrendt in Kloster Lehnin, dem ehemaligen Zisterzienserkloster Lehnin. Studium der Schulmusik an der HdK Berlin, Kompositionsstudium bei Prof. Dr. h.c. Witold Szalonek (HdK Berlin), Kirchenmusik in Berlin und Halle/Saale. Seit 1987 Lehrtätigkeit an der Musikschule Berlin/Wilmersdorf, 2001/02 Lehrauftrag an der Martin-Luther-Universität, Dirigent des Collgium Musicum der MLU Halle/Wittenberg.

Erfolgreiches Wirken als Komponist im In- und Ausland. Mitwirkung bei diversen CD-, Radio- und TV-Produktionen. Konzertreisen in Island, Schweden, Schweiz u.a.. Von 1999 bis 2014 Kirchenmusiker an der Abteikirche St.Marien des ehemaligen Zisterzienserklosters zu Lehnin, Kreiskantor des Kirchenkreises Lehnin/Belzig und künstlerischer Leiter der renomierten Konzertreihe "Lehniner Sommermusiken" mit über 20 Konzerten jährlich sowie begleitenden Kursen, Workshops und Ausstellungen. Derzeit Kantor im ev. Kirchenhreis Mittelmark-Brandenburg, Kirchenmusiker und Komponnist sowie künstlerischer Leiter der Musica Mediaevalis.

Vokalensemble VOX NOSTRA 

Seit seiner Gründung im Jahr 2001 widmet sich das Vokalensemble VOX NOSTRA unter der Leitung von Burkard Wehner praktisch und theoretisch der Vokalmusik des Mittelalters.

Mit dem obertonreichen und raumfüllenden Vokalklang reiner Intervalle entführen die Sänger und Sängerinnen ihr Publikum in archaische Klangwelten. Einstimmige über 1000 Jahre alte gregorianische Choräle, uralte Psalmen und die hypnotischen Gesänge der Hildegard von Bingen gehören ebenso zum Repertoire des Ensembles, wie die feinziselierte Motetten des 13. Jahrhunderts oder die berückende Mehrstimmigkeit des Pariser Magister Perotin. Der menschliche Atem ist das Zeitmaß für diese Musik, deren Zauber sich durch die reiche Verzierungskunst der Neumen und durch die schier unendlich scheinenden Melodiebögen entfaltet.
In liturgisch fundierten Konzertprogrammen wird die geistliche Musiktradition Europas erlebbar gemacht, indem die Sänger*innen im jeweiligen Kirchenraum wandelnd diesen singend erkunden und mit ihrem Gesang zum Klingen bringen.
Zu der musikwissenschaftlich fundierten Arbeitsweise von VOX NOSTRA gehören das Singen nach Neumen, Modal- und Mensural-Notationen ebenso, wie das sorgfältige Austarieren der reinen Intervalle früher Mehrstimmigkeit seit 1150.
Das solistisch besetzte Ensemble agiert zumeist in einer Stammbesetzung aus fünf Sänger*innen: Winnie Brückner – Sopran, Philipp Cieslewicz – Altus, Christoph Burmester – Tenor, Burkard Wehner – Bariton und Tobias Hagge – Bass, die Besetzung ist jedoch variabel von 2 bis 10 Solisten.

Interview mit Andreas Behrendt und Kalle Kalima

Im letzten Jahr haben Sie erstmalig mit dem finnischen Jazzgitarristen Kalle Kalima für ein Konzert im Kloster Salem zusammengearbeitet.

Andreas Behrendt: Ja, im Rahmen des 500-jährigen Reformationsjubiläums haben wir einen Choral von Martin Luther quasi „durch die Zeiten reisen lassen“ und E-Gitarre und Orgel immer wieder in einen hoch spannenden musikalischen Dialog mit der vokalen Vorlage treten lassen. Ich habe jedenfalls die Erfahrung gemacht, dass Jazzmusiker in der Regel deutlich offener und flexibler als klassische Musiker sind.

Wie war die Zusammenarbeit, das Konzert?

Andreas Behrendt: Die Zusammenarbeit war fantastisch. Wir haben sofort losgespielt. Kalle ist ein unglaublicher Musiker, der sich durch sein enormes Können und eine inspirierende Offenheit auszeichnet. Wir haben eigene Kompositionen und Improvisationen mit alter Vokalmusik des Mittelalters und der Renaissance in einen musikalischen Dialog treten lassen. Den Vokalpart übernahm das renommierte Vokalensemble für mittelalterliche Musik VOX NOSTRA (unter der Leitung von Burkard Wehner) aus Berlin. Spannend und sehr überzeugend war das improvisatorische Zusammentreffen der klassischen Vokalsolisten von VOX NOSTRA mit der Orgel und der E-Gitarre sowie eine sehr berührende Improvisation für Trio mit der Sopranistin Winnie Brückner, Kalle an der Gitarre und mir an der Orgel. Es hat nicht nur uns großen Spaß gemacht. Das Publikum war auch sehr begeistert. Wir haben vor, dieses Format fortzuführen und weiterzuentwickeln.

Und wie war es für Sie, Kalle Kalima?

Kalle Kalima: Ich fand es sehr schön. Ich wollte eigentlich schon immer etwas mit Kirchenorgel machen. Meine Vorväter in Finnland waren Kantoren und ihr 200 Jahre alter Amtssitz in Askola gehört heute meinem Vater. Das Haus liegt direkt neben der Kirche dort. Am Sonntag kann man dem Gottesdienst vom Hof aus lauschen.

vlnr Andreas Behrend, Kalle Kalima, Philipp Cieslewic, Winnie Brückner und Burkard Wehner © Foto Martina Wolters

War das nur ein Experiment, oder hat das Programm Potenzial für eine Fortsetzung, für größere Kirchen?

Kalle Kalima: Auf jeden Fall. Ich fand die Zusammenarbeit mit Gregorianischen Gesängen und der Jazzsängerin W. Brückner sehr reizvoll.

Vielleicht mit Ihrem Musikerfreund, dem Schweizer Jazzsänger und Komponisten Andreas Scherer, mit dem Sie schon zahlreiche Projekte realisiert haben, als Kontrast zum Vokalensemble Vox Nostra, mit dem Sie in Salem konzertiert haben?

Kalle Kalima: Das wäre toll. Ich habe gerade in der letzten Woche in Bern ein Duo Konzert mit Andreas gespielt. Im Frühjahr erscheint auch ein neues Album der Gruppe „A Novel of Anomaly“ bei ACT Music, wo Andreas und ich mit Luciano Biondini (Akkordeon) und Lucas Niggli (Schlagzeug) zusammenspielen. Das größte Problem ist nur, dass Andreas für dieses Jahr bereits komplett ausgebucht ist.

Wäre das nicht ein spannender Act für Jazzfestivals, für ein Late Night Konzert in einer Kirche, z.B. in der Heiliggeistkirche in Heidelberg im Rahmen des Enjoy Jazz Festival? Geht mit mir die Fantasie durch? Wunschtraum oder realistisch?

Kalle Kalima:  Klar, jemand könnte uns fragen, ob wir Lust hätten! Es gibt ein finnisches Sprichwort: „Alles ist un- möglich!“

Das Interview führte Kai Geiger
Auszug aus einem Interview aus PETER PAUL | arttourist.com 1|2018.
Südkurier 17.10.2018

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