Silvan Loher © Tommaso Tuzj

SILVAN LOHER, Oslo (N), Komponist

#coronawiegehts

Ich muss sagen, dass mir der neue Lockdown noch mehr aufs Gemüt schlägt als der erste. Im März hatte ich noch ein Gefühl von Solidarität und Optimismus, „Gemeinsam stehen wir das durch“, sowie ein Tatendrang, mich zurückzuziehen und viel zu komponieren. Jetzt merke ich auch bei vielen meiner MusikerkollegInnen wie sich eine zunehmende Hoffnungslosigkeit breitmacht. Ich habe mehrere Kompositionsaufträge für die Zukunft und versuche weiterhin, mich daran festzuhalten, sowie an eigenen, zu lange liegengebliebenen Projekten zu arbeiten, allerdings bin ich nicht der Typ, der gut mit Ungewissheiten und Zukunftsängsten umgehen kann. Mir fehlt der Austausch mit anderen Kulturschaffenden, die Inspiration von Konzert- und Theaterbesuchen und die Gewissheit von zukünftigen Aufführungen meiner Musik.

#coronawaskommt

Meine Hoffnung ist, dass die Pandemie bis dann soweit unter Kontrolle ist, dass die Kulturszene wieder ihren normalen Betrieb aufnehmen kann. Des weiteren hoffe ich natürlich auf möglichst wenige weitere Opfer der Pandemie. Und dass die aktuelle Situation nicht die besorgniserregende Radikalisierung in unseren Gesellschaften weiter vorantreibt und nicht weiteren Nährboden für Verschwörungstheorien bildet. Vielmehr hoffe ich, dass die Menschheit aus dieser Erfahrung positive Schlüsse zieht - nämlich dass wir sanfter und liebevoller miteinander und mit Natur und Umwelt umgehen müssen, dass wir fragiler sind als wir glauben. Und die Kunst ist doch ein wichtiger Teil von dem, was uns Menschen ausmacht - ich hoffe, dass möglichst viele PolitikerInnen das auch einsehen!

#coronawasbrauchts

Es braucht ein klares Statement von politischer Seite, dass Kunst und Kultur ein menschliches Grundbedürfnis ist und nicht einfach aufs Abstellgleis gestellt werden darf. Ich mache mir besonders Sorgen um die freie Szene. Dass zum Beispiel in Grossbritannien die Regierung ein Statement veröffentlicht hat, das Kunstschaffende dazu auffordert, die Kunst aufzugeben und einen neuen Beruf zu lernen, ist unakzeptabel. Gerade jetzt bräuchten wir ein klares Bekenntnis, dass unsere Arbeit eben mehr als nur ein unnötiger Luxus ist - und die Kulturszene kann nur am Leben erhalten bleiben, wenn Kulturschaffende eine Entschädigung kriegen, die ihnen das Überleben ermöglicht, bis der Kulturbetrieb wieder im Gang ist. Unsere reichen westlichen Gesellschaften können sich das leisten, während wir uns den Tod der Kulturszene nicht leisten können.

Silvan Loher © Jhon Jhairo Jimenez