Prof. Dr. Susanne Gaensheimer, Direktorin der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen Foto: Andreas Endermann, 2017

INTERVIEW
mit Frau Prof. Susanne Gaensheimer

Frau Gaensheimer, was erwartet die Besucher der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen in den kommenden Monaten, was haben Sie und Ihr Team vorbereitet?

Susanne Gaensheimer: Der Herbst im K20 steht ganz im Zeichen des unseres großen Ausstellungs- und For- schungsprojektes „museum global“. Nach etwa drei Jahren Vorbereitung, Recherchen und Forschung in Süd- amerika, Afrika und Asien durch un- ser Kuratorinnen-Team eröffnen wir im November als Ergebnis die Aus- stellung „museum global“. Ziel ist es darzustellen, welche Formen der Mo- derne sich auf anderen Kontinenten entwickelt haben. Unsere ganz und gar auf den westlichen Kunstkanon festge- legte Sammlung mit bedeutenden Ge- mälden der Klassischen Moderne gibt hierzu eine sehr gute Folie ab. Was geschah woanders, als Matisse, Picas- so oder Kandinsky ihre großen Werke schufen? Natürlich müssen wir uns auf einzelne Aspekte des weltweiten Geschehens konzentrieren: So werden wir Werke unter anderem aus Brasi- lien, Westafrika oder Japan zeigen. Dieser Schritt ist nicht als kulinari- scher Gaumenkitzel gedacht, sondern soll bei uns allen, dem Museumsteam wie bei den aufmerksamen Besuchern, eine deutliche Änderung gegenüber der Kunst und Kultur der Moderne, eben einen globalen Blick auf dieses Thema bewirken. Nicht zuletzt in der künftigen Sammlungs-Präsentation im K20 wird dies ab dem kommenden Frühjahr mit einer neuen, veränderten Hängung ablesbar sein.

Begleitet wird diese vielschichtige Präsentation, die vom 10. November 2018 bis zum 10. März 2019 am Grabbeplatz geöffnet ist, von einem öffentlich zugänglichen „Open Space“: So nennen wir die durch einen zusätzlichen Eingang zur Stadt geöffnete große Grabbe Halle des K20.Hier soll sich jeder und jede mit Vorträgen, Filmen, mit Literatur oder in Gesprächen auf den Besuch der facettenreichen Präsentation einstimmen können. Aber bereits rund einen Monat zuvor, ab dem 13. Oktober, zeigen wir sozusagen als „Prolog“ die Ausstellung „Paul Klee. Eine Sammlung auf Reisen“. Im Mittelpunkt steht dabei einmal nicht der Künstler Klee mit seinen herausragenden Leistungen: Im Mittelpunkt steht vielmehr die besondere kulturpolitische Rolle, die der damalige Klee-Ankauf durch das Land Nordrhein-Westfalen – quasi der Gründungsakt unserer Kunstsammlung – international gespielt hat. Das Konvolut reiste ab den 1960er Jahren auf viele Kontinente und wurde damit zum „Botschafter“ eines anderen, neuen Deutschland. Bezeichnenderweise führte die erste Reise dieser Klee-Tournee 1966 nach Israel...“

Von Anfang an war das 2002 eröffnete K21, das zweite Haus der Kunstsammlung Nordrhein-West- falen, schwierig zu bespielen. Es ist als ehemaliges Parlaments- gebäude zwar architektonisch in- teressant, aber eben trotz Umbau kein typisches Museumsgebäude. Welches Rezept haben Sie, um dieses auch etwas außerhalb der engeren Innenstadt gelegene Muse- um zu stärken?

Susanne Gaensheimer: Sie haben Recht, es braucht mehrere, gut abgestimmte Schritte, um dieses Haus wieder zu beleben. Nach Schließung wegen einiger technischer Arbeiten und der Neueinrichtung etlicher Räume wird/ist das K21 Anfang September nach einem „Re-Opening“ wieder da: Zunächst einmal soll Gegenwartskunst von internationaler Bedeutung verstärkt im K21 ihren Platz finden. Für die Wechselausstellungen stehen das weitläufige Untergeschoß und die Bel Etage über dem Haupteingang mit drei hellen Sälen zur Verfügung. Dieses betont internationale Programm hatte im Herbst mit den Libanesischen Foto-Künstler Akram Zaatari begonnen, der uns mit seiner ganz eigenwilligen Vorstellung von Fotokunst überrascht hat. Wir fanden das eine wirklich gute Ergänzung zu der hier in Düsseldorf sehr bekannten und gewohnten Sehweise der Becher-Schule! Dann gastierte hier das indische Raqs Media Collective mit seinen vielfältigen Arbeiten über die Begriffe Zeit und Geschichte. Ab Oktober wird die chinesische Künstlerin Cao Fei im K21 zu Gast sein, um ihre multimedialen Arbeiten zu den Themen des globalen Kapitalismus und dem Leben in den Metropolen vorzustellen. Gleich zum 6. September, zur Wiedereröffnung des K21, startete hier die amerikanische Künstlerin mit dem geheimnisvollen Pseudonym Lutz Bacher in der Bel Etage ihre Ausstellung. Wir sind sicher, mit dieser Künstlerin gerade ein jüngeres Publikum begeistern zu können. Neben der Internationalität soll Offenheit und Lebendigkeit zum Kennzeichen von K21 werden: Die weite Piazza des K21 als Schauplatz von Performances und die neu eingerichtete erste Etage werden dem Ständehaus ganz sicher frische Impulse verleihen. Diese kostenlos zugänglichen Räume der ersten Etage beherbergen künftig unter anderem eine Media-Lounge so- wie das von uns zusammen mit dem Kunstbesitz der Galerie Fischer erworbene Archiv dieses bedeutenden Düsseldorfer Kunsthandels. Mit Original- Dokumenten und natürlich vor allem am PC-Bildschirm können sich unsere Besucher in die Aktivitäten der Galerie Fischer vertiefen, die insbesondere während der 70er Jahre wahre Herkulesarbeit bei der Durchsetzung von Konzept- und Minimalart geleistet hat – übrigens beiderseits des Atlantik! Dann planen wir dort auch einen großen Arbeitsraum für einige Mitarbeiter unseres Teams. Mit all dem soll deutlich werden: Das K21

 
Prof. Dr. Susanne Gaensheimer, Direktorin der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen Foto: Andreas Endermann, 2017

Seit Generationen, seit den frühen Tagen der Kunstakademie im 19. Jahrhundert bis heute, ist Düsseldorf eine Stadt der Künstler. Wohl nirgendwo in Deutschland dürfte die „Künstlerdichte“, um dieses hässliche Wort zu benutzen, höher sein. Wie tragen Sie dem in ihrem Ausstellungsprogramm Rechnung?

Susanne Gaensheimer: Natürlich werden wir den genius loci der Kunststadt Düsseldorf nicht übersehen. Das ist an so einem Ort wie Düsseldorf überhaupt kein Widerspruch zu unserem internationalen Anspruch, schließlich genießen viele der hier lebenden Künstlerinnen und Künstler ein internationales Ansehen. Ein erster Vorbote: Reinhard Muchas monumentales „Deutschlandgerät“ als Zentralwerk im K21 wird ist gerade gründlich restauriert. Dann laufen bereits Gespräche mit renommierten Düsseldorfer Künstlerinnen und Künstlern, die wir in den kommenden Jahren im K21 in Einzelausstellungen und Sammlungspräsentationen zeigen wollen. Schließlich haben wir mit der Staatlichen Kunstakademie, dem direkten Nachbarn unseres K20, etwas Spannendes vereinbart: Künftig wollen wir jährlich die Werke der Absolventinnen und Absolventen der Akademie im Ständehaus vorstellen.

Neben der eben schon erwähnten Galerie Fischer, deren Sammlung und Archiv im Besitz unseres Hauses sind, zählt der legendäre Düsseldorfer Galerist Alfred Schmela zu den bedeutenden Persönlichkeiten, zu den ganz wichtigen „Kunstver- mittlern“ am Rhein von europäischem Rang. Ende November 2018 wäre er 100 Jahre alt geworden. In seiner damaligen Galerie, die als Schmela-Haus heute dritter Standort der Kunstsammlung NRW ist, zeigen wir aus diesem Grund eine Aus- stellung mit Kunstwerken und Dokumenten, die das ganze Spektrum seiner Aktivitäten von ZERO und Pop Art bis Beuys belegt. Zu sehen sind neben zahlreichen Dokumenten einige ausgewählte Werke der mittlerweile angesehenen Künstler, deren Karriere Alfred Schmela bereits von Beginn an gefördert hat. Sein 1971 eröffnetes Galeriege- bäude steht als Bauwerk des wichtigen niederländischen Architekten Aldo van Eyck übrigens heute unter Denkmalschutz.

DAS GESPRÄCH FÜHRTE KAI GEIGER.