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Die Raum-im-Raum-Macher

Das Team von Dost hat schon vieles geplant, entwickelt und gebaut. Aber eine Immersive Art Hall, ein Raum für eine virtuelle 360°-Projektion, die alle Sinne ansprechen soll, zu bauen, war Neuland für sie. Zusammen mit der Expertise seines Hauses und einem Netzwerk von Handwerkern und versierten Technikern haben sie sich Rat und Anschauung bei existierenden Projekten geholt. Wir sprachen mit dem Innenarchitekten Julian Tschanen.

Beeindruckt waren sie von den Bildern und Videos des teamLab aus Tokio, einem internationalen Kunstkollektiv, einer interdisziplinären Gruppe verschiedener Spezialisten wie Künstler, Programmierer, Ingenieure, CG-Animatoren, Mathematiker und Architekten, deren gemeinsame Arbeit darauf abzielt, den Zusammenfluss von Kunst, Wissenschaft, Technologie und Natur zu steuern. teamLab erforscht die Beziehung zwischen dem Selbst und der Welt und neue Wahrnehmungen durch Kunst. Mit ersten visuellen Eindrücken machten sich Beat Toniolo und Devon Miles an die Realisierung eines ersten Immersive-Art-Projekts im dortigen Kunstkraftwerk. Dort gab es einen regen Austausch, der nach dem anschließenden Besuch des Panome- ters und der dortigen Ausstellung „CAROLAS GARTEN – Eine Rückkehr ins Paradies“ zu vertiefenden Diskussionen auf der Heimfahrt führten. Seit 2003 präsentiert das Panometer Leipzig die größten 360°-Panoramen der Welt. Nach Leipzig war es Julian Tschanen klar, das für die RHY- ALITY eine Raum-in-Raum-Lösung anzustreben war, wo sich die Besucher räumlich wohlfühlen sollen, sie einerseits uneingeschränkt in die Projektion des achteckigen Raumes, dem 360°-Erlebnis, eintauchen und sich fallen lassen sollen und sie andererseits ein einladendes Ambiente in der gesamten Halle vorfinden. Weg von einer Projektion in den Bestand, hin zu einer Illusion, frei von Ablen- kungen, die den Besucher in der Realität halten Aus der Herausforderung wurde ein Meisterwerk, die erste Immersive Art Hall der Schweiz.

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„Langeweile ist nicht tragbar“ steht im Credo von Dost Architektur. Langweilig wird es Ihnen mit und für die Immersive Art Hall sicherlich nicht?
Julian Tschanen: Stimmt – wir sind bei dem Projekt durch viele Phasen und Stimmungen gegangen – langweilig war es zu keinem Zeitpunkt.

Was umfasst Ihren Auftrag, welche Ihrer Kompetenzen sind gefragt?
Julian Tschanen: Angefangen hat es ja damit, dass Beat Toniolo ohne Termin bei uns hereingeplatzt ist und erzählt hat, er habe da so eine Idee – ob ich denn schon mal was von Im- mersive Art gehört hätte... Da waren wir weit weg von einem Auftrag. Wir haben dann gemeinsam eine Strategie festgelegt und danach den Verein gegründet, um der Idee den Rücken zu stärken. Der Verein hat dann Geld gesammelt und der Dost Architektur GmbH den Auftrag gegeben, eine belastbare Machbarkeitsstudie durchzuführen. Mit diesen Voraussetzungen konnte dann ein Investor überzeugt werden und mit ihm wurden schließlich die klassischen Planungs- und Bauphasen erarbeitet. Wir waren hier also in allen Phasen von Vision bis Aus- führung beteiligt und konnten dabei sehr von unserem transdisziplinären Ansatz profitieren. Die wichtigste Kompetenz dabei war, gegenüber dem Resultat offen und wissbegierig zu sein und zu bleiben. Wir wussten am Anfang nichts – kannten aber die richtigen Leute und konnten lernen zu kombinieren, zu hinterfragen und somit das breite Wissen des Netzwerks nutzen, um etwas Neues zu schaffen.

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Die erste Immersive Art Hall der Schweiz. Neuland auch für Sie? Wie freudig angespannt sind Sie, verspüren Sie Druck?
Julian Tschanen: Wie gesagt – alles ist sehr neu. Ich bin mega froh, dass die Halle jetzt steht und auch schon ohne Bespielung ein magischer Ort ist. Wir haben Tonaufnahmen der unterschiedlichsten Komponisten gehört und auf einer VR-Brille den Rohschnitt gesehen. „Freudig angespannt“ trifft es recht gut – ich habe sehr hohe Erwartungen! Ob und wie die räumliche Bespielung bei der Projektion und Verteilung auf die zehn Ebenen funktioniert, macht mich ganz kribbelig. Auch bin ich sehr gespannt, was denn nach dem Rheinfall-Film kommt. Die Vision bleibt ja bestehen, dass hier Kultur, Wirtschaft, Forschung und Tourismus zusammenkommen und dadurch ungeahnte Synergien die Halle und die Köpfe erhellen. „Realität ganz neu erfahren“ – dies haben wir als großen gemeinsamen Nenner (das Kernleistungsversprechen) aller Beteiligten definiert.

Was sind die größten Herausforderungen?
Julian Tschanen: Wir haben hier einen sehr vertrauensvollen Investor. Er lässt uns alle Freiheiten, hinterlässt dadurch bei uns auch viel Druck, ob bewusst oder nicht. Wir identifizieren uns sehr stark mit dem Projekt. Das Projekt ist ein Wagnis und die Kostenziele sind klar gesetzt. Im Zentrum steht das Erlebnis und dafür investie- ren wir Zeit und Geld. Die Gestaltung nimmt sich dabei zurück. Kompromisse machen wir jedoch nicht. Gemeinsam mit unserem Szenografen wurde diese Haltung in den Kontext zur bestehenden Geschichte und Magie des Ortes gesetzt. So ist ein ruhiges Ganzes entstanden. Die Einfachheit zu wahren war sicher eine Herausforderung, die uns immer begleitet hat.

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Bei RHYALITY sollen alle Sinne angesprochen, ein Gesamterlebnis präsentiert werden. Da muss al- les stimmen. Film – Sound – Licht – Raum. Vom KKL Luzern, das international als Konzertsaal gefeiert wird, sagt man: Zuerst war die Akustik – dann das Gebäude. Wie ist es für den Raum im Raum der RHYALITY?
Julian Tschanen: Zuerst war der Rheinfall – dann lange nichts ...
Bei mir war es zuerst die Vision des Erlebnisses. Ich habe mir vorgestellt, wie ich mit meinen Kindern auf dem Boden liege und mit ihnen staune. Dann ha- ben wir angefangen, ein Gefühl für die notwendige Größe zu entwickeln und eine Verhältnismäßigkeit zu setzen. Von Anfang an haben wir mit Devon Miles, dem Profi für die immersive Projektion, und Gabriel Hauser von der Akustik-Firma WSDG Formen und Oberflächen gesucht. Hand in Hand als oberstes Kredo und alles wird sich wandeln. Einfachheit macht flexibel.

Neben dem Film sollen sich die Gäste und Besucher auch in der Halle aufhalten, verweilen, konsumieren, feiern, tagen und Veranstaltungen genießen. Welches Raumerlebnis erwartet die Besucher ab dem Sommer 2020?
Julian Tschanen: Da muss der Besucher schon selbst schauen kommen! Es entsteht ein Ort geprägt von der Natur. Voller Industriekultur und Pioniergeist. Und direkt am Bahnhof.

Hat die IMMERSIVE ART Hall das Potenzial für eine neue Halle für Neue Kunst?
Julian Tschanen: Ich glaube, wenn sich die richtigen Leute um die Halle sammeln, ist das Potenzial grenzenlos. Es wäre sehr schön, mit der Rhyality-Halle eine neue kulturelle Institution zu schaffen und die Szene zu bereichern. Dies ist auch im Sinne der Bauherrschaft.

Das Gespräch führte Kai Geiger.