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DIE TONKÜNSTLER

Mono, Stereo, Multikanal, HOA, unterer, oberer und Decken-Layer, Subwoofer, Holophonix-Prozessor, 360° Halbkugel in den X/Y/Z Achsen ... sind nur ein paar Fachbegriffe, Spezialgeräte und Arbeitsanweisungen, die David Bollinger vom Soundvalley Tonstudio und Roli Fatzer, freier Tontechniker u.a. beim Schweizer Radio SRF im letzten Jahr für und mit der Rhyality leichttönig verwendet und benutzt haben. Die Herausforderung war es, das Ambiente und die Naturaufnahmen in musi- kalischen Kompositionen und Fragmenten, Sprech-Stimmen und speziellen Effekten einzufangen, Stimmungselemente situativ statisch, objektbasierend oder auch in einer Mischform einzusetzen. Audioinhalte, die vorwiegend zur Ortung und Unterstützung der gezeigten immersiven Bilder dienen, wurden objektbasierend mittels Automatisierung in der 360° Halbkugel in den X/Y/Z Achsen entsprechend positioniert, z.B. ein vorbeifahrender Zug, ein Boot von Schiffmändli oder das große Feuerwerk zum 1. August, dem Nationalfeiertag der Schweiz. In den letzten Wochen wurde alles Material, Bilder wie Töne, aufgenommene und durch modernste Technik entwickelte und designte Soundfarben in enger Zusammenarbeit mit Reto Troxler und Devon Miles sowie dem künstlerisch prüfenden Auge des Ideengebers Beat Toniolo zusammengefügt. Ein akustisch visueller Kraftakt, ein Spektakel für alle Sinne.

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Interview
mit David Bollinger und Roli Patzer

Wenn Beat Toniolo ein Geräusch wäre, wie würde er klingen?
David Bollinger: Wie eine Werkstatt, in der unaufhörlich gearbeitet wird; es wird an Ideen gefräst, an Fragen gebohrt und an Konzepten geschliffen.

Roli Fatzer: Beat ist im positiven Sinne eine unberechenbare und unzähmbare Wasssersprudelquelle. Mal stürmisch, mal ruhig, mal sinnlich, mal laut, mal vor sich hin gurgelnd, mal klar, mal fordernd, mal trübe ... Die- se Quelle ist wandelbar, versiegt nie, nährt Ideen und erweckt Leben.

Wie klingen 365 Tage Rheinfall? Ein Wort für jede Jahreszeit, die Ihre erforschte und aufgenommene Klangwelt treffend beschreibt?

David Bollinger
Frühling: beschwingt
Sommer: dramatisch
Herbst: besänftigend
Winter: klar

Roli Fatzer
Frühling: erwachend
Sommer: imposant
Herbst: stürmisch
Winter: schlummernd

Welcher Klang, welches Geräusch hat Sie am Rheinfall am meisten überrascht, welches ist der schönste Klang und welcher entdeckte Ton hat so gar nicht gepasst im Soundgefüge „Vier Jahreszeiten am Rheinfall“?
Roli Fatzer: Oftmals ist es generell so, dass die vorhandene und wahrgenommene Klangwelt nicht 1:1 übertragen werden kann. Bedingt durch die technischen Möglichkeiten. Kommt zu der akustischen Wahrnehmung der visuelle Eindruck hinzu, wird die Vermittlung der Inhalte klarer und überzeugender für die Besucherinnen. Es ist toll, dass der Rheinfall so viele verschiedene Arten von Rauschen hergibt. Je nach Position/Standort vom Zuhörer am Naturspektakel.

Das Hören, die akustische Wahr- nehmung ist ein elementarer und tragender Bestandteil der RHYA- LITY. Wie war der Ursprung Ihrer Aufgabenstellung und wie hat sich diese im Prozess bis heute gewandelt?
David Bollinger: Ursprünglich wurde ich als Tonmeister für das Aufnehmen und Mischen der Filmmusik beauftragt. Neben dieser Kernaufgabe kamen auch vermehrt Fragestellungen zur technischen Umsetzung sowie zum Inhalt und Sounddesign des Films hinzu. Roli brachte sich aus eigenem Interesse ins Projekt ein und deckt große und wichtige Bereiche der Projektrealisation ab, vom Erstellen von immersiven Audioinhalten bis zur Konzeption der Soundinstallation.

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Sie kannten sich nicht und haben sich für die RHYALITY mit ihrem jeweils eigenen Tonverständnis zu einem Team gefunden. Hatten Sie von Beginn an die gleiche „Tonwelle“?
Roli Fatzer: David Bollinger und ich kannten uns bereits vor dem Rhyality-Projekt; wir leben beide in der Region Rheinfall. Die Faszination für immersive Klangwelten und die Zusammenarbeit für das Projekt haben uns nähergebracht und als Team vereint. Wir haben persönlich ähnliche Arbeitsweisen und überschneidende Klangvorstellungen. Allfällige Meinungs- verschiedenheiten werden im Diskurs respektvoll ausgetragen.

Wie muss man sich Ihre Arbeit, Ihre Herangehensweise vorstellen? Hatten Sie Vorgaben für zu erfas- sende Geräusche und Klänge, oder haben Sie sich selbst auf die Suche gemacht?
David Bollinger: Natürlich gibt der Rheinfall selbst eine große Palette an Geräuschen vor, die im Film keinesfalls fehlen dürfen: das Tosen des Wasserfalls, das Vorbeifahren des Zuges auf der Brücke oder das muntere Treiben der Touristen am Rheinfallbecken. Dazu besteht die Herausforderung im Finden oder Erzeugen weiterer natürlicher und artifizieller Klänge, welche das Klangspektrum des Films erweitern und auch das Klangpotenzial unserer speziellen Lautsprecheranordnung in der Rhyality-Halle bestmöglich ausnutzen können.

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Was wurde wie von Ihnen erfasst, und welche technischen Voraussetzungen waren dafür notwendig?
Roli Fatzer: In Zusammenarbeit mit der künstlerischen Leitung und Fachplaner Technik wurde ein Konzept „designed“, welches die Möglichkeit der geforderten Umsetzung einer multimedialen Show erlaubt. Dies beinhaltet die optimal akustische Unterstützung im Zusammenspiel mit dem immersiven Bildeindruck.

Die Fokussierung der Arbeitsbereiche bildet folgende Schwerpunkte:
David Bollinger kümmert sich vor allem um die Musikaufnahmen und verantwortet folgende Aufgaben: Planung inkl. Auswahl Aufnahmeort, Aufnahme, Schnitt und Mix. Roli Fatzer stellt die technische Integration der Systeme sicher, bietet Infrastruktur für die Vorproduktion, realisiert Ambiente- und zusätzliche Aufnahmen. Die Finalisierung der Tonmischung wird dann vor Ort von beiden betreut. Bei den Aufnahmen wurden oft Mikrofon-Anordnungen verwendet, die es erlauben, die natürliche Räumlichkeit in einem immersiven Lautsprecher-Setup zu reproduzieren. Diese wurden mittels großer Laufzeiten (möglichst hohe Inkohärenz) oder durch eine Kombination von mittleren Laufzeiten und Trennkörpern realisiert (Inkohärenz und tonale Unterschiede) und ermöglichen eine überzeugende Umhüllung der Zuhörer_innen. Man ist mittendrin und nicht nur dabei.

Was war zuerst: Das Bild oder der Ton? Wie waren die Arbeitsabläufe, die Zusammenarbeit mit Reto Troxler von module+ und seinem Team?
David Bollinger: Meine größte Sorge zu Beginn dieses Projektes war, dass sich Bild und Ton unabhängig voneinander entwickeln und dann irgendwann der Punkt kommt, an dem alles zusammengefügt werden soll, aber nichts zueinander passen will. Wir haben daher schon sehr früh die enge Zusammenarbeit mit Reto und seinem Team gesucht. So sind Bild und Ton von Anfang an harmonisch und in stetiger Wechselwirkung entstanden.

Was fliegt den Besuchern der RHYALITY ab Sommer „um die Ohren und Augen“?
David Bollinger: So einiges! Allerdings ist es uns ein Anliegen, kein bloßes „Technikspektakel“ abzuliefern, wir möchten die immersiven Gestaltungsmöglichkeiten gezielt einsetzen für ein dynamisches und inhaltlich überzeugendes Filmerlebnis. Wenn alles nur noch „herumflöge“, würden die Sinne komplett überreizt.

Das Gespräch führte Kai Geiger.