Friends with Books:
Art Book Fair Berlin 2018
19. – 21.10.2018

In seinem fünften Jahr präsentiert Friends with Books in zwei Hallen 200 Künstler und Verleger und ihre Künstler- und Kunstbücher, begleitet von einem öffentlichen Rahmenprogramm mit Lesungen, Buchpräsentationen, Diskussionsrunden, Performances und Installationen, die die Bandbreite des künstlerischen Publizierens abbilden.

Dieses Jahr werden Installationen von Achim Lengerer (D), Ingo Mittelstaedt (D), Chrisoph Ruckhäberle (D), Abigail Reynolds (GB) und Julie Sass (DK) u.a. gezeigt sowie Performances von Andrea Brandão (P), Disocteca Flaming Star (D) und Jerôme Karsenti (CH). Erstmals gibt es während Friends with Books Angebote für Kinder in einem eigens von Zora Mann (GB) und Øyvind Renberg (N) gestalteten Bereich.

Die jährliche Friends with Books Künstlerposter-Edition wurde bisher von Marc Bijl, Monica Bonvicini, Annette Kelm, Jonathan Monk, Heidi Specker und Erik Steinbrecher gestaltet. 25 Exemplare jeder Edition sind signiert und numeriert zu einem Preis von EUR 50 zur Unterstützung von Friends with Books erhältlich.

Friends with Books wird von den Gründerinnen Vanessa Adler (argobooks, Berlin) und Savannah Gorton (Kuratorin in New York) organisiert. Als gemeinnütziger Verein hat sich Friends with Books zum Ziel gesetzt, dem zeitgenössischen Künstlerbuch sowie Kunst- publikationen zu einer größeren Sichtbarkeit zu verhelfen. Die jährliche Berliner Messe, ein akademisches Rahmenprogramm und Partnerschaften mit Kulturinstitutionen bringen das interessierte Publikum mit Künstlern und Kunstverlagen zusammen.

INTERVIEW

Wir sprachen mit Vanessa Adler, Künstlerische Leiterin Friends with Books

Wie entstand die Idee zu „Friends with Books“?
Vanessa Adler: International sind viele engagierte unabhängige Verleger tätig. In Zeiten von amazon-Buchhandlungen und gekauften Bestsellerlisten in den großen Buchhandelsketten ist die Distribution dieser Bücher jenseits des Mainstreams natürlich ein Thema. Da aber alle diese kleinen Verlage ohnehin vom Netzwerk und persönlichen Austausch getragen werden, lag es nahe, die Protagonisten einmal im Jahr in Berlin zusammenzubringen und ihnen in einem Museum für zeitgenössische Kunst ein Forum und eine erhöhte Sichtbarkeit zu bieten. „Friends with Books“ ist ein Festival, das vom gegenseitigen Respekt gegenüber der Arbeit der publizierenden Künstler und Verleger lebt. Und dem Interesse des Publikums, mit genau diesen unabhängigen Verlegern persönlich über ihre Bücher sprechen zu können. Eine solche Veranstaltung gibt es in vielen Städten, in Paris, London, Brüssel. Meine Partnerin, die New Yorker Kuratorin Savannah Gorton, und ich haben beide Erfahrungen mit Kunstbuch- messen, sie hat die New York Art Book Fair im P.S.1 mit auf die Beine gestellt, ich Miss Read in den KW Institute for Contemporary Art mitbegründet und fünf Jahre organisiert.

Wie funktioniert das Ganze, was erwartet die Besucher der „Friends with Books“?
Vanessa Adler: Insgesamt 200 internationale Künstler und Verleger wie Helen Douglas aus Yarrow oder Christophe Da- viet Thery aus Paris, Neptun Magazine aus Reykjavik oder Z.A.V.O.D. Parasite aus Ljubljana reisen an und präsentieren ihre Publikationen selbst am eigenen Büchertisch. Besucher können damit rechnen, Autoren, Künstler und Verleger direkt ansprechen, signierte Ausgaben, Editionen und Raritäten erwerben zu können. Im Rahmenprogramm wird es Diskussionsrunden und Buchpräsentationen wie ein Gespräch mit Abigail Reynolds, eines mit Heidi Specker und Reinhard Braun von Camera Austria sowie eine Diskussionsrunde mit Heimo Zobernig und Moritz Küng geben.

Eine Performance von Discoteca Flaming Star, Installationen von Künstlern wie Christoph Ruckhäberle vom Lubok Verlag und Zora Mann und Øyvind Renberg sind aus einem Buch entstanden oder münden in eine Publikation und bringen das Buch sozusagen in den Raum.

Wer kommt zur „Friends with Books“?
Vanessa Adler: In den letzten Jahren hatten wir bis zu 10.000 Besucher, meist ein junges, interessiertes Publikum, Künstler, Autoren, Übersetzer, Kuratoren, Architekten, Designer, Studierende dieser Sparten.

Gibt es den klassischen Kunstbuch- sammler?
Vanessa Adler: Es gibt die Kunst- und Künstlerbuchsammler, und wir laden sie alle ein, viele bleiben gern inkognito, aber sie kommen jedes Jahr. Solche Sammlungen bilden oft den Grundstock für bedeutende Bestände von Museen, wie die des Museums Weserburg, Studienzentrum für Künstlerpublikationen oder der Kunstbibliothek Berlin.

Es gibt inzwischen zahlreiche Kunst-buchmessen. In Berlin alleine zwei. Sind der Markt und die Nachfrage hierfür da?
Vanessa Adler: Die Besucherzahlen, ganzseitige Artikel in der nationalen und internationalen Presse, der Zeit, dem Tagesspiegel, einem Feature im Deutschlandfunk zeigen: Es gibt eine große Sehnsucht nach dem besonderen, gedruckten Buch. Ein Künstlerbuch ist ein Kunstwerk, das man für einen vergleichsweise kleinen Preis besitzen kann. Berlin ist ja eine 3,7 Millionenstadt, deutsche Verlagsstadt Nummer 1 und das kulturelle Zentrum Deutschlands, sie kann gut zwei Messen vertragen. Es gibt ja zu jeder Kunstmesse auch zwei Parallelmessen. Für jede Zielgruppe eine.

Wäre es nicht leichter und womöglich erfolgreicher, eine Kunstbuchmesse als Sattelitenmesse an eine Art Basel, Art Cologne oder die Berlin Art Week zu koppeln?
Vanessa Adler: Das ist auch ein gutes Konzept. Haben wir auch einige Jahre probiert, mit der abc Berlin, und das hat gut funktioniert. Eine Kunstmesse ist allerdings kommerziell orientiert, wir vielleicht etwas idealistischer. Und es hängt nur immer davon ab, ob es auch genug Räumlichkeiten für uns gibt zu einer Zeit, in der in der Stadt sehr viel los ist.

Wie buchverrückt muss man sein, einen sicheren Job in einem Museum für die Gründung eines Verlags aufzugeben? Wie kam es dazu?
Vanessa Adler: Nach fünf Jahren an den KW Institute für Contemporary Art habe ich die Erfahrung, Ausstellungskataloge für Großausstellungen wie die Berlin Biennale redaktionell zu betreuen, genossen. Aber die Entwicklung eines Buches in enger Zusammenarbeit mit einem Künstler hat eine ganz andere Qualität. Man kann ein Thema anders vertiefen, hat einen anderen zeitlichen Rahmen, kann oft andere Partner gewinnen, wie sehr spannende Autoren, gute Buchbinder und Gestalter.

Seit 2007 – also seit 10 Jahren gibt es argobooks. Je bereut?
Vanessa Adler: Ich habe es nicht bereut, denn wir haben viele großartige Bücher realisiert, vom hochwertigen Hardcover über das Künstlermagazin bis hin zum schnell produzierten Zine. Bücher, an denen wir zwei Jahre gearbeitet haben, bis zu Heften, die in einem Monat schnell entwickelt und produziert wurden. Da ist alles dabei: der ausverkaufte Bestseller und das Liebhaberprojekt. Wir haben mit spannenden Künstlern und Künstlerinnen zusammenarbeiten dürfen, mit besonderen Designern, handwerklich ausgezeichneten Druckern und Buchbindern.

Machen Frauen andere Kunstbücher als Männer?
Vanessa Adler: Es gibt sehr konzeptionelle Buchprojekte, bei anderen Büchern spielt die Produktion, das Erscheinungsbild eine große Rolle. Wenn sich Künstler mit einem Thema beschäftigen und daran arbeiteten, bezweifle ich, dass es einen Unterschied macht, ob es sich beim „Autor“ um eine Frau oder einen Mann handelt. Wie eine Verlegerin oder ein Verleger arbeitet, ist wohl mehr von inhaltlichen Fragen, der Persönlichkeit und dem Netzwerk ab- hängig als eine Genderfrage.

In einer zunehmend digitalisierten Welt wurde schon mehrmals der Abgesang auf die Bü- cher und Ausstellungskataloge angestimmt. Was sind für Sie, aus Ihrer Sicht als Verlegerin die größten Herausforderungen Ihrer Branche in den nächsten Jahren?
Vanessa Adler: Der sogenannten Krise des Print zum Trotz wird sehr viel publiziert; für jede Nische etwas, nur in geringerer Auflage. Es gibt eine Rückbesinnung zum Analogen. In England beispielswei- se wurden 2016 mehr Platten verkauft als Downloads getätigt. Durch unsere jährliche Veranstaltung „Friends with Books“ sehe ich, dass jährlich neue – und davon sehr viel gute, ambitionierte – Verlage gegründet werden. Die unabhängigen, kleinen Verlage sind dabei unbürokratischer, können schneller agieren und sind nebenbei auch persönlich sehr involviert und engagiert. Vielleicht werden durch amazon nicht alle der großen Publikumsverlage mit einem breit gefächerten Spektrum überleben können. Aber für alle diejenigen, bei denen ein persönlicher Kontakt eine Rolle spielt, für Künstler, Kuratoren, Autoren ist das Publizieren ein wichtiger Faktor ihrer Arbeit geworden, und es gibt ein Publikum dafür, das das Buch besitzen und immer wieder zur Hand nehmen will, ein Objekt, nicht eine Datei. Die größte Herausforderung ist wahrscheinlich, wirtschaftlich überleben zu können.

DAS GESPRÄCH FÜHRTE KAI GEIGER.