City of Literature Heidelberg | Foto: Dorn

Literaturstadt Heidelberg
Heidelberg ist Deutschlands erste UNESCO City of Literature

Im Gespräch erläutert Dr. Andrea Edel, Leiterin des Kulturamts der Stadt Heidelberg und Projektleiterin der UNESCO City of Literature Heidelberg, was es mit dem Creative Cities-Netzwerk der UNESCO auf sich hat und stellt die reichhaltige Literaturszene der Neckarstadt vor. 

Heidelberg ist eine UNESCO City of Literature. Was muss man sich darunter vorstellen und wie kam es dazu?
2004 rief die UNESCO das Programm des „Creative Cities Network“ ins Leben. Städte, die sich durch eine herausragende Stellung in einem der sieben Bereiche Film, Musik, Design, Gastronomie, Medienkunst, Kunsthandwerk/Volkskunst oder Literatur auszeichnen und dem kreativen Sektor einen we- sentlichen Wert in der Stadtentwicklung einräumen, können sich bei der UNESCO-Kommission in Paris für das Programm bewerben. Eine UNESCO Creative City zu sein bedeutet aber nicht, einen reinen Ehrentitel tragen zu dürfen. Es ist vielmehr eine Selbstverpflichtung, aktiv in dem weltweiten Netzwerk mitzuarbeiten. Mit der Auszeichnung verfolgt die UNESCO das Ziel, dass sich die Städte untereinander und im direkten Kontakt intensiv austauschen, ihr Wissen, ihre Erfahrungen und Ideen teilen und interdisziplinär kooperieren. In den Städten sollen dadurch die Kunstproduktion erhöht, die Kreativwirtschaft gestärkt, die Internationalität der Kulturschaffenden mit Austauschprogrammen gefördert, die Partizipationsmöglichkeiten am kulturellen Leben für alle Bevölkerungsgruppen optimiert sowie Kultur und Kreativität als fester Bestandteil der Stadtentwicklung nachhaltig verankert werden.

Auf Initiative des Heidelberger Bürgermeisters für Kultur, Familie und Soziales, Dr. Joachim Gerner, hatte ein 15-köpfiges Expertenkommitee aus Literatur- und Kreativschaffenden die Bewerbung der Stadt ausgearbeitet. Zeitgleich mit den deutschen Städten Mannheim und Hannover – beide UNESCO Cities of Music – erhielt Heidelberg am 1. Dezember 2014 den Titel als UNESCO-Literaturstadt. Bislang sind somit – mit Berlin als City of Design – vier deutsche Städte Mitglied im UNESCO-Netzwerk, Heidelberg als bislang einzige deutsche Literaturstadt. 

Expedition Poesie | Foto: Christian Buck
Subnetwork Meeting, Cities of Literature 2016, Foto City of Literature Dublin

Mit welchen Literaturstädten kann Heidelberg sich als einzige deutsche UNESCO City of Literature seitdem vernetzen?

Weltweit gibt es derzeit zwanzig UNESCO-Literaturstädte: Bagdad, Barcelona, Dublin, Dunedin, Edinburgh, Granada, Heidelberg, Iowa City, Krakau, Ljubljana, Lwiw, Melbourne, Montevideo, Norwich, Notting- ham, Óbidos, Prag, Reykjavík, Uljanowsk und Tartu. Mit die- sen Städten stehen wir in inten- sivem Kontakt. Vertreterinnen und Vertreter dieser Untergruppe im UNESCO-Netzwerk der kreativen Städte treffen sich zweimal im Jahr persönlich, um gemeinsame Ausrichtungen und Projekte abzustimmen. Doch sind Kooperationen nicht nur unter den Literaturstädten möglich. Gerade die interdisziplinäre Zusammenarbeit mit Städten anderer Sparten ist hinsichtlich der interkulturellen Verstän- digung und der Erweiterung der kreativen Möglichkeiten ausdrücklich erwünscht. Und selbstverständlich konzentrieren sich unsere Kooperationen nicht nur auf das UNESCO-Netzwerk. Viele Städte sind für uns als Literaturstädte von Weltrang auch ohne den UNESCO-Titel von wesentlicher Bedeutung. So konnten wir 2016 z. B. neben der UNESCO City of Literature Granada auch zusammen mit dem Staatlichen Literaturmuseum in Moskau eine Ausstellung zu Ehren des russisch-jüdischen Dichters Ossip Mandelstam (1891-1938) realisieren, der einst in Heidelberg zu dichten begann. Darüber hinaus haben wir als UNESCO City of Litera- ture den Auftrag, für die Freiheit des Wortes zu kämpfen und un- ser Know-how mit Städten im globalen Süden, die noch über eine weniger etablierte Kultur- szene oder Kreativwirtschaft verfügen, zu teilen und sie in Kooperationen einzubinden. 

Foto: Christian Buck

Wodurch zeichnet sich die Stadt als Literaturstadt aus?
Heidelberg hat natürlich eine lange und eindrucksvolle literarische Geschichte – man denke beispielsweise an die berühmte Bibliotheca Palatina und den Codex Manesse, der sich in der Universitätsbibliothek Heidelberg befindet, an die Heidelberger Romantik, Dichter wie Achim von Arnim, Clemens Brentano und Friedrich Hölderlin, oder an Stefan George und Hilde Domin. Umfassend die Geistesgrößen zu nennen, die an der „Ruperto Carola“ als Deutschlands ältester Universität tätig waren, wäre ein anspruchsvolles Unterfangen – erwähnen möchte ich stellvertretend Max Weber, Karl Jaspers und Hans-Georg Gadamer. Doch bei aller Tradition und Geschichtsträchtigkeit, die unsere Stadt in kreativer und literarischer Hinsicht auszeichnen, ist die überaus aktive und breit aufgestellte gegenwärtige Szene das ausschlaggebende Kriterium für eine UNESCO Creative City. Rund 120 Autorinnen und Autoren leben in und um Heidel- berg, von der lebendigen und durch ein renommiertes universitäres Übersetzungsinstitut flankierte Übersetzerszene ganz zu schweigen. Knapp 50 Verlage sind in Heidelberg beheimatet – von großen Wissenschaftsverlagen wie Winter oder Springer bis zu renommierten Independent-Verlagen wie Das Wunderhorn oder Draupadi. Die Buch- handlungsdichte in Heidelberg ist so hoch wie in kaum einer anderen deutschen Stadt: Bei rund 150.000 Einwohnerinnen und Einwohnern kommen im Schnitt 1,5 Läden auf 10.000 Menschen. Da wird allein schon der Einkaufsbummel zum literarischen Stadtspaziergang.

Doch natürlich ist die Literaturgeschichte der Stadt und die literarische Gegenwart ebenfalls in einer Vielzahl an quali zierten themenbezogenen Stadtführungen zu erleben, die man bei den Heidelberger Gästeführern e.V. oder über Heidelberg Marketing buchen kann.

Die Tage kann man in Heidelberg nahezu immer mit dem Besuch eines literarischen Abendprogramms ausklingen lassen: Es vergeht kein Tag, an dem nicht eine Lesung, ein Poetry Slam, Theatervorstellungen oder ähnliches stattfinden. Hierzu tragen nicht nur die großen Kulturinstitutionen der Stadt bei – wie das Deutsch-Amerikanische Institut, das Interkulturelle Zentrum, das Kulturhaus Karlstorbahnhof, die Stadtbücherei, das Theater und Orchester Heidelberg oder die Universität Heidelberg mit ihren Tagungen und Podiumsveranstaltungen –, sondern auch die Mannigfaltigkeit an literarischen Salons und Gesellschaften, studentischen Autoren- und Dichtergruppen oder die Literaturcafés. 

Eröffnung Mandelstam-Ausstellung | Foto: Konrad Gös

Wie sieht es denn mit literarischen Festivals in Heidelberg aus?
Im Frühsommer finden sich Literaturinteressierte im Spiegelzelt mitten in der Altstadt zu den seit 1994 mit deutschsprachigen und internationalen Gastautorinnen und –autoren stattfindenden „Heidelberger Literaturtagen“ ein. Im Herbst präsentiert der „Literaturherbst Heidelberg“ seit zwei Jahren erfolgreich Schriftstellerinnen und Schriftsteller der Region an Orten im gesamten Stadtgebiet. Ein besonderes Event ist das „Literaturcamp Heidelberg“, das am 24. und 25. Juni 2017 zum zweiten Mal im Format eines „Barcamps“ statt findet. 2016 fanden sich zu den rund 60 Diskussion-Sessions über 150 Literaturenthusiasten in Heidelberg ein.

Da Heidelberg als UNESCO City of Literature aber auch und gerade durch inter-disziplinäre Kooperationen gekennzeichnet ist, müssen an dieser Stelle auch etablierte Glanzlichter des Festivallebens wie der jährliche „Heidelberger Stückemarkt“ für neue Dramatik oder das Musikfestival „Heidelberger Frühling“ mit seinen internationalen Gastspielen und Programmen Erwähnung finden. 

Da wie Sie skizziert haben Heidelberg schon vor der Ernennung 2014 eine blühende Literaturlandschaft besaß – was hat sich in der UNESCO City of Literature seitdem getan?
Zunächst sind die Heidelberger Literaturakteure noch einmal deutlich näher zusammengerückt: Wir haben eine regelmäßig stattfindende Literaturversammlung etabliert, die alle professionell mit Literatur Befassten zusammenbringt – also AutorInnen, ÜbersetzerInnen, Verlage, Buchhandlungen und Antiquariate, JournalistInnen und weitere. Jede einzelne Branche hat sich zudem organisiert und SprecherInnen gewählt. In Arbeitsgruppen werden Projekte, die das reichhaltige Literaturprogramm Heidelbergs ergänzen sollen, gemeinsam geplant.

Neben einer Vielzahl an kleineren Formaten möchte ich zur Illustration dieser Arbeits- weise gerne unser besagtes Großprojekt im Jahr 2016 anführen: „Ossip Mandelstam. Wort und Schicksal“ widmete dem russischen Poeten neben den Ausstellungen in Heidelberg und Granada auch eine umfassende Begleitpublikation auf Deutsch und Spanisch, an der AutorInnen, WissenschaftlerInnen und ÜbersetzerInnen aus Heidelberg und Granada beteiligt waren. Zudem gab es im Verlauf von zwei Monaten mit und für alle Bevölkerungsgruppen ein umfangreiches Rahmenprogramm, an dem Heidelberger Institutionen und über 100 Heidelberger Bürgerinnen und Bürger aktiv beteiligt waren. Projekte wie dieses anlässlich des 125. Geburtstages des Dichters bedienen Themen, die sonst womöglich keine Beachtung gefunden hätten, und setzen lokale Akteure in internationalen Kontakt. Darüber hinaus entstehen im Netzwerk viele kleine Kooperationsformate, welche die jeweilige Literatur der Bevölkerung der Partnerstädte näherbringt. Verstärkt kümmern wir uns hierbei um Übersetzungsprojekte nach dem Vorbild der Reihe „Versschmuggel“ vom Haus der Poesie Berlin und dem Heidelberger Verlag Das Wunderhorn und der „Poesie der Nachbarn“ des Künstlerhauses Edenkoben. Unser eigenes Format „Expedition Poesie. Poeten aus zwei Sprachen übersetzen ihre Gedichte miteinander“ brachte letztes Jahr Heidelberger und Prager LyrikerInnen zusammen. 2017 wird eine Übersetzerwerkstatt mit Granada samt anschließenden Lesungen in beiden Städten statt nden.

Dieses Jahr starten wir in Heidelberg zudem die Vorbereitungen für „Love Lyrics – Love Songs!“, ein neues, langfristig international ausgerichtetes Kooperationsprojekt der UNESCO Cities of Music und der UNESCO Cities of Literature, das Heidelberg initiiert hat; bilinguale Lesungen stehen auf dem Programm und auch eine überarbeitete Neuaflage unseres gefragten „Stadtplans der Buchhandlungen“, der 2016 erstmals alle Buchhandlungen und Antiquariate verzeichnete, wird es geben.
AS GESPRÄCH FÜHRTE KAI GEIGER. 

DR. ANDREA EDEL

Dr. Andrea Edel (*1963) Studium der Musik
an der Hochschule für  usik und Darstellende Kunst Frankfurt am Main. Studium der Kunst- geschichte an den Universitäten Frankfurt am Main, Freiburg im Breisgau, Gießen und Bern. Forschungsjahre in Paris und Dissertation in
Bern über den französischen Kunsttheoretiker und Kulturpolitiker Charles Blanc (1813-1882). 1994-1996 Leitung der Plakatsammlung am Museum für Angewandte Kunst Köln. 1997- 2014 Direktorin des Referats Kultur der Stadt Kaiserslautern, Programmgestaltung der internationalen Konzerte und Ausstellungen in der Fruchthalle Kaiserslautern, sowie Gestaltung des jährlichen Festivals „Lange Nacht der Kultur” Kaiserslautern. 2005-2007 Lehrbeauftrage für Kunstgeschichte im Studiengang „Virtual Design” an der Fachhochschule Kaiserslautern und für „Synästhetik” an der Hochschule der Bildenden Künste Saar. Seit 2014 Leiterin des Kulturamts der Stadt Heidelberg und Projektleiterin. Projekt- leiterin „UNESCO Creative City Heidelberg / City of Literature”. Mitglied des Beirats der Internationalen Martin Buber-Stiftung; seit 2015 Mitglied des Beirats „Vielfalt künstlerischer Ausdrucksfor- men” der Deutschen UNESCO-Kommission e.V. 

City of Literature Heidelberg | Foto: Dorn