© HfMDK

KANN JEDER MUSIKER AUCH KOMPONIEREN?

Dieser und vieler weitere Fragen gehen wir mit dem Leiter des Studiengangs Komposition und Leiter des Studio für elektronische Musik und Akustik an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Prof. Orm Finnendahl nach.

Ziel des Studiums der Komposition ist die Entwicklung von Studierenden zu eigenständigen Künstlerpersönlichkeiten. Ausgangspunkt ist hierbei die grundlegende Vermittlung des kompositorischen Handwerks und eine Einführung in künstlerische Fragestellungen. Sowohl Handwerksbegriff, als auch künstlerische Fragestellungen sind dabei nicht nur traditionell, sondern in be- sonderem Maße auch von der Berücksichtigung der aktuellen Situation, beispielsweise im Hinblick auf den Einsatz technologischer und elektronischer Mittel, geprägt.

Das Studium vermittelt einen Überblick über zeitgenössische und historische Kompositionstechniken und -verfahren und hinterfragt die damit verbundenen ästhetischen Haltungen. Im Studium werden einerseits Grundkenntnisse erworben, die für eine Tätigkeit als Komponist die Voraussetzung bilden; zu- gleich bietet das Studium jedoch auch den Raum für eine individuelle Schwerpunktbildung, die die Ausprägung einer eigenständigen künstlerischen Persönlichkeit erst ermöglicht.

Kann jeder Musiker auch komponieren?

Nein.

Welche Voraussetzungen benötigt man, um komponieren zu können, ohne daran zu scheitern?

Außerordentlich großes Interesse, Experimentierfreude, Neugierde, Hartnäckigkeit, Musikalität, Fähigkeit zur Selbstkritik und ein reflektiertes Verhältnis zum Begriff „Scheitern“.

Computerkenntnisse und Programmieren sind von Vorteil steht in der Studienplatzausschreibung.

Es ist vorteilhaft, bildet aber keine Bedingung.

Schließt heute das Kompositionsstudium automatisch die elektronische Musik ein, oder ist dies ein Wahlfach?

Im Bachelor ist die Ausbildung in elektronischer Musik eingeschlossen, beim Master optional.

Ihr Fachgebiet ist die elektronische Musik. Gibt es eine Definition dafür und wie grenzt sich das Studienfach vom Wildwuchs unter dem Begriff Elektromusik in den Medien ab?

Mein Fachgebiet ist allgemein Komposition und für mich schließt dies ganz explizit auch die Instrumentalkomposition mit ein. Allerdings besteht der Fokus meiner kompositorischen Arbeit im Einbezug und der Reflektion von Technologie und dazu gehört auch der Einsatz elektronischer Klänge. Die Abgren- zung dieser elektronischen Musik von dem, was allgemein unter Elektromusik verstanden wird, ist am ehesten in der Zielsetzung zu sehen: Im Studium bei uns wird Musik und damit auch deren elektronische Spielformen fokussiert „als Kunst“ und im Unterschied zu an- gewandter Musik im Sinne von „Musik zum Tanzen“ „Musik zum Träumen“ „Musik zum Kleiderverkaufen“ oder allgemein „Musik als Gefühlsverstärker“ betrachtet und verstanden. Dies bedeutet natürlich weder, dass Musik, die im Studium betrachtet oder produziert wird, keinen Puls oder angewandten Zweck haben darf (und schon gar nicht, dass sie keine Gefühle auslösen soll), noch, dass ich andererseits angewandter Musik prinzipiell den Kunstcharakter abspreche. Es bedeutet lediglich, welche Betrachtungsperspektive im Vordergrund steht. Und in der Regel führt dies dann zu anderen Ergebnissen, als das, was in den Medien allgegenwärtig als elektronische Musik bezeichnet wird.

Was fasziniert sie an der elektro- nischen Musik und ihren Möglichkeiten?

Das noch immer in vieler Hinsicht unbeschrittene Terrain.

© HfMDK

Ist die elektronische Musik ein unerschöpfliches Feld oder gibt es Grenzen, ein Scheitern von gedanklich konstruierten, komponierten Werken und deren technischer Umsetzung?

Unerschöpflichkeit ist aus meiner Sicht keine Eigenschaft von irgendetwas, sondern eine Zuschreibung, die in starkem Maße von dem Eindruck des Betrachters beeinflusst wird. Grenzen auf der anderen Seite sind Bestandteil jeglicher künstlerischen Handlung und bilden häufig sogar deren zentrale Bezugsebene. Auch das Scheitern von Gedankenkonstrukten gehört im Zusammenhang mit der Erforschung ästhetischer Fragestellungen zum Berufsalltag von Komponist*innen. Allerdings ist aus meiner Sicht die Auseinandersetzung mit elektronischer/digitaler Technologie, insbesondere im Hinblick auf deren Semantisierungen auch im gesamtgesellschaftlichen, nichtkünstlerischen Kontext noch immer so wenig entwickelt, dass Beschränkungen vor allem in der mangelnden Imaginationskraft, dem ästhetischen Bewusstsein oder der technischen Kompetenz der Autor*innen bestehen.

© HfMDK

Wie sind der Stellenwert und die Akzeptanz von elektronischer Musik heute und wie wird sich diese entwickeln? Wer, wo, wie kommt elektronische Musik auf die Bühne, wie wird sie verbreitet und vertrieben?

Im Bereich der zeitgenössischen Neuen Musik hatte elektronische Musik in der Vergangenheit eine eher untergeordnete Bedeutung und die traditionellen Verbreitungsinstitutionen wie Verlage und Konzerthäuser sind strukturell schlecht bis sehr schlecht auf die Erfordernisse von elektronischer Musik oder Live-Elektronik eingestellt. Allerdings ist offensichtlich, dass seit Längerem ein Umdenkungsprozess im Gange ist und im Zuge der zunehmenden medientechnischen Ausstattung von Spielstätten im Bereich von Theater, Oper und der freien Performance elektronische Musik selbstverständlicher wird. Zusätzlich ist die große Bedeutung der Verlage für die Verbreitung von Neuer Musik und deren Einfluss im Zuge der großen Veränderungen im Zusammenhang mit internetbasierten Technologien zurückgegangen, und das wirkt sich aufgrund der starken Ausrichtung der Verlage auf traditionelle Instrumentalmusik positiv für die Verbreitung von elektronischer Musik aus. Nach wie vor sind dafür im Bereich Neuer Musik Festivals und Konzertveranstalter sehr wichtig. Aktuell lässt sich aber auch eine Öffnung vieler Spielstätten, deren Fokus nicht auf traditioneller klassischer Musik liegt, für nicht beatbasierte experimentelle Musikformate feststellen, von der ich den Eindruck habe, dass es sich nicht um eine temporäre Mode handelt und sie perspektivisch eher zunehmen wird.

Was ist selma und was passiert dort?

selma ist die Abkürzung für das „Studio für elektronische Musik und Akustik“ der HfMDK Frankfurt. Das Studio ist ein- gerichtet worden, um Studierenden der Hochschule die Möglichkeit zu geben, elektronische Musik im erweiterten per- formativen Kontext herzustellen und zu erproben. Insofern handelt es sich nicht um ein Aufnahmestudio im traditionellen Sinne, sondern eher um Räume, die flexibel nutzbar sind. Es gibt zwar auch einen Regieraum, in dem eine sehr hoch- wertige Stereoabhöranlage in einer akustisch optimierten Umgebung installiert ist. Zentral ist aber ein großer Multifunk- tionsraum, in dem sämtliche Einrichtungsgegenstände beweglich sind bzw. ganz entfernt werden können. Die tech- nische Erschließung mit Strom, Netzwerk etc. erfolgt über Trassen, die im ganzen Raum über die Decke laufen, und es gibt zudem eine rundlaufende Schiene an der Decke, an der acht Lautsprecher und ein interaktiver Projektor hängen. Durch die Schiene können die Lautsprecher in ihrer Position variabel angeordnet werden, die damit verschiedene akustische
Situationen bilden. In dem Raum kann mit Instrumentalisten und/oder mit Tänzern oder anderen Performern gearbeitet werden oder auch rein elektronische akusmatische Kompositionen erprobt werden. In den Räumen finden zudem Workshops und Seminare statt.

© HfMDK

Wie wichtig ist das grenzübergreifende Arbeiten für die Chance auf eine Bühne, Auftrittsmöglichkeiten von elektronischer Musik?

Das ist von ganz außerordentlicher Wichtigkeit. Aber ganz unabhängig davon ist aus meiner Perspektive generell das grenz- und genreübergreifende Arbeiten momentan von zentraler Bedeutung und kann nicht hoch genug eingeschätzt werden. Die aktuelle Situation der Durchdringung sämtlicher Bereiche des täglichen Lebens von internetbasierten Kommunikationsformen bildet zwar aufgrund der naheliegenden Abschottung vor Informationsüberflutung durch die Flucht in Internetblasen ein großes Problem, bietet aber zugleich auch sehr große Chancen: Digitale Daten bilden das primäre Medium elektronischer Musik. Interessanterweise unterscheidet sich elektronische Musik auf dieser Ebene allerdings nicht von den Erzeugnissen anderer Kunstformen, wie z.B. Videos, Fotos, Texten etc. Der Computer ist als der zentrale Träger und Verarbeiter dieser Daten unter diesem Gesichtspunkt eine Maschine universeller Abstraktion. Dies eröffnet auf beispiellose Weise neuen Formen der Semantisierung und Verwendung dieser Daten. Im täglichen Leben sind diese Dinge bereits in Form von online Spielen, sozialen Netzwerken, Entwicklungsplattformen etc. allgegenwärtig. Für mich ist aber klar, dass gerade auch die Kunst als der zentrale Ort für das Explorieren solcher Semantisierungen in unseren Gesellschaften dafür prädestiniert ist, diesen Bereich zu fokussieren. Elektronische Musik ist dabei im Vergleich zu anderen Musikformaten aufgrund ihrer Affinität zum Digitalen (nicht selten wird sie ja sogar direkt digital konstituiert) und der damit verbundenen Flexibilität im Vorteil, genreübergreifend Verbindungen zu ermöglichen und zu artikulieren.

Das bietet natürlich für beide Seiten, den Künstler und den Rezipienten, Chancen für veränderte Interaktionen und Wahr- nehmungsformen. Auch wenn das sehr allgemein und abstrakt klingt, habe ich die Erfahrung gemacht, dass uns Kom- ponisten der Einsatz von Elektronik ein ganz neues Publikum und Veranstaltungsorte erschließt, die mit zeitgenössischer neuer Musik bisher nichts zu tun hatten, und die Interaktion mit genau diesem Publikum an diesen Orten interessiert mich auch am meisten.

DAS GESPRÄCH FÜHRTE KAI GEIGER.