Schwaz (A)

KLANGSPUREN
SCHWAZ 2018

25 JAHRE KLANGSPUREN SCHWAZ – Unter dem Motto FESTE.ORTE. feiert das Tiroler Festival für neue Musik von 6.-22.09.2018 sein 25jähriges Jubiläum und stellt anlässlich dieses Geburtstages Werke und Projekte in den Mittelpunkt, die Aspekte von Feier, Fest, Ritual und Ereignis thematisieren und einen spezi schen Orts- und Situationsbezug aufweisen. Composer in Residence ist die vielfach preisgekrönte Britin Rebecca Saunders. Als einer der Festivalhöhepunkte kehrt die musikalische Pilgerwanderung anlässlich des Jubiläums nach einer spektakulären Wegeführung über Schloss Tratzberg, das Wallfahrtskloster St. Georgenberg, die wild-romantische Wolfsklamm und Stift Fiecht ins Hauptquartier von KLANGSPUREN – nach Schwaz – zurück.

Mit: Tiroler Symphonieorchester Innsbruck, Ensemble Modern, Quatuor Diotima, Klangforum Wien, TENM Tiroler Ensemble für Neue Musik u.v.a.

Wir sprachen mit dem Künstlerischen Leiter Matthias Osterwold.

Matthias Osterwold, künstlerischer Leiter KLANGSPUREN SCHWAZ © Kai Bienert

Was sind die Klangspuren?
Matthias Osterwold: Das seit 1994 stattfindende Tiroler Festival für neue Musik KLANGSPUREN SCHWAZ versteht sich als Plattform für Konzerte, Performances, Begegnungen, Austausch und Vermittlung von Werken und Ideen zur Musik in der und für die Gegenwart. Unter einem wechselnden thematischen Schwerpunkt werden jeweils im September führende internationale musikalische Kräfte, Komponisten, Komponistinnen, Ensembles und Solisten eingeladen, um ein umfassendes, vielseitiges Bild neuer Musik zu entwerfen. Gleichzeitig ndet das musikalische Schaffen in Tirol und in Österreich besondere Beachtung. Das Festival sucht die Begegnung mit den Menschen aus ganz Tirol. Dazu gehört ein wohl einzigartiges, über das ganze Jahr laufendes mehrschichtiges Programm von Vermittlungsaktivitäten, die sich jeweils an verschiedene Altersgruppen richten, aber auch die Bespielung von ungewöhnlichen Orten in der ganzen Region.

Wie entstanden Klangspuren und warum gerade in Schwaz?
Matthias Osterwold: Der Impuls zur Gründung von KLANGSPUREN verdankt sich dem Zusammenspiel verschiedener günstiger Faktoren. Nach seinem Studium in Wien kehrte der mittlerweile international weit bekannte Komponist und Pianist Thomas Larcher in seinen Heimatort Schwaz zurück. Er brachte die Vorstellung mit, man solle in Tirol ein Pendant zu Wien Modern, dem wichtigsten Festival neuer Musik in Österreich, auf die Beine stellen. Innsbruck, die Hauptstadt Tirols, winkte mehr oder weniger müde ab. Dagegen gab es in der kleinen Stadt Schwaz bei Innsbruck große Offenheit für innovative Kulturprojekte. Unter tatkräftiger Initiative der damaligen Leiterin des Kulturamtes, Maria-Luise Mayr, unterstützt vom Kulturreferenten Hans Lintner, der seit 1997 bis heute als Bürgermeister von Schwaz das Festival zuverlässig und großzügig fördert, und mit wohlwollender finanzieller Hilfe der Bundesregierung in Wien, konnte 1994 unter künstlerischer Leitung von Thomas Larcher das erste Festival in Schwaz durchgeführt werden – zum Teil in Fabrikshallen und anderen abenteuerlichen Orten. Nachdem das Festival sich sehr erfolgreich entwickelte, gab übrigens Maria-Luise Mayr nach einigen Jahren ihren sicheren Job im öffentlichen Dienst auf und widmete sich als Geschäftsführerin für viele Jahre hauptberuflich der Festivalarbeit.

01_Klangspuren Festival Eröffnung 2016, Enno Poppe, Bernhard Gander, Ensemble Modern Orchestra-7 © Franz Oss

Wie und wann kam es zur Zusammenarbeit mit dem Ensemble Modern?
Matthias Osterwold: Als führendes Spezialensemble für neue Musik wurde das Ensemble Modern erstmalig schon 1995 zu KLANGSPUREN eingeladen. Die weitere Zusammenarbeit entwickelte sich rasch und fruchtbar. Schon früh kam der Gedanke auf, dass es eigentlich „zu wenig“ sei, wenn das Ensemble lediglich die Instrumente auspacke und ein fertig geprobtes Programm abliefere. Ergiebiger sei es, wenn vor Ort neue Werke zusammen mit den Komponisten erarbeitet würden, wenn auf diese Weise auch eine Begegnung der lokalen Szene mit der internationalen angeregt würde und wenn das eminente Wissen und die Erfahrungen der Musiker und Musikerinnen des Ensembles an jüngere Musiker weitergegeben werden könnten. So entstand 2003 zeitgleich und integral der Impuls zur Gründung der INTERNATIONALE ENSEMBLE MODERN AKADEMIE als einjährigem Meisterkurs in Frankfurt und dem Ableger KLANGSPUREN INTERNATIONAL ENSEMBLE MODERN ACADEMY als Sommerkurs in Tirol. In der Klangspuren-Akademie erarbeiten unter Anleitung mehrerer Meistermusiker des Ensemble Modern und eines Composer in Residence – dazu zählten so prominente Künstler wie György Kurtag, Wolfgang Rihm, Beat Furrer, Unsuk Chin und im letzten Jahr Sofia Gubaidulina – knapp 40 junge
Profi-Instrumentalisten aus aller Welt ein großes Repertoire exemplarischer Werke, die im Rahmen von KLANG- SPUREN zur Aufführung kommen. Zum 15. Geburtstag der Akademie ist 2018 die großartige britisch-berlinische Komponistin Rebecca Saunders Composer in Residence. Und das Ensemble Modern ist auch wieder dabei: es zeichnet ein musikalisches Portrait von ihr mit der Aufführung von drei bedeutenden, schönen Werken.

Klangspuren Mobil © Gerhard Berger

Welche thematischen Klangspuren können Besucher beim diesjährigen Jubiläum entdecken?
Matthias Osterwold: 2018 werden KLANGSPUREN SCHWAZ 25 Jahre alt. Ausgehend von diesem runden Geburtstag, den es gebührlich zu feiern gilt, haben wir das Motto „FESTE. ORTE.“ über das Programm gesetzt – mit etwas Augenzwinkern und Wortspiel. Wir feiern gerne Feste. Und wir sind mit unseren Konzerten Nomaden, die das ganze Land Tirol bespielen und immer wieder andere aufregende, neue, unverbrauchte Spielstätten suchen. Andererseits haben wir auch unsere festen Orte in Schwaz und Innsbruck, die in jedem Jahr von uns bespielt werden. Im Mittelpunkt stehen also in diesem Jahr Werke und Projekte, die Aspekte von Feier, Fest, Ritual und Ereignis thematisieren und einen spezi schen Orts- und Situationsbezug aufweisen. Musik besitzt ja eine einzigartige Befähigung, diese Aspekte mit den ihr eigenen Mitteln zum Ausdruck zu bringen. Solche Klangspuren wollen wir auslegen und von unserem Publikum lesen lassen.

Viele Menschen haben „Angst“ oder keinerlei Bezug zur Neuen Musik, bezeichnen diese zuweilen als atonalen Lärm. Was können Sie dem entgegnen?
Matthias Osterwold: Neue Musik als solche gibt es schon lange nicht mehr. Eine unübersehbare Vielfalt an Stilen, an Ansätzen, musikalischen Sprachen und Klängen hat sich entwickelt. Vieles davon ist tonal, äußerst angenehm zu hören und schmeichelt den Ohren. Denken Sie nur an Philip Glass oder Arvo Pärt. Wenn die Musik atonal ist, dann kann sie trotzdem von unendlicher Schönheit und das Gegenteil von Lärm sein – leise, fein und fragil, oder zupackend und grell, je nachdem. Wiederum kann auch Lärm komponiert, das heißt musikalisch organisiert werden und so einen großen Reiz entfalten. Es kommt darauf an, die Ohren neugierig aufzusperren. Dann gibt es unendlich Vieles, Unerhörtes und Überaschendes zu entdecken. Bitte keine Angst!

Für mich persönlich ist der eigentliche Lärm das unsägliche Gedudel, Gewummer und Gezischel, das im Hintergrund der meisten Bars und Restaurants, in Supermärkten, aus Kopfhörern von jungen Leuten in der Straßenbahn zu hören ist – oder besser, eben nicht wirklich zu hören ist, weil zu leise oder zu überlagert von anderen Geräuschen. Nur akustische Reste dringen ans Ohr. Und oft ist die Auswahl der Musik schrecklich und geschmacklos. Eine völlig unnötige Zutat, die ich für eine akustische Verschmutzung halte. Als ob wir es lieben würden, freiwillig auf einer Müllhalde zu leben oder in einer Pfütze zu baden. Dann doch lieber durchdachte, komponierte Musik, die von ausgezeichneten Interpreten mit vollem Engagement dargeboten wird, in einer konzentrierten Atmosphäre, die den Hörern erlaubt, für die Zeit des Konzertes aus dem Alltagstrott auszutreten.

Laurie Anderson - Silbersaal Schwaz © Carla Veltman

Ihr Festival ist breit aufgestellt und spricht verschiedenste Alters- stufen an. Warum ist Ihnen dies so wichtig? Wie und was wollen sie vermitteln?
Matthias Osterwold: Wir möchten neue Musik, wie schon gesagt, in ihrer Vielfalt und Unterschiedlichkeit, in ihrem Reichtum, in all ihren vielen Facetten präsentieren und damit auch die unterschiedlichen Altersgruppen ansprechen. Was die künstlerisch ambitionierte Musik angeht, so ist es sehr wichtig, auf junge Hörer zuzugehen. Das Junge kann in der Musik selbst liegen, auch wenn sie manchmal schon einige Jahre auf dem Buckel hat, aber dann gibt es viele junge Musikerinnen und Musiker, Komponistinnen und Komponisten, die eine breite musikalische Erfahrung haben und sich aus verschiedenen Quellen, auch von Pop und Rock, von Improvisation, Electro- nica, Clubmusik, intermedial-digitalen Kunstformen und vielem anderen inspirieren lassen. Wir müssen dagegen anarbeiten, dass Musik mit lauter berühmten Stücken der Klassik im wesentlichen nur von einem älteren, gebildeten Publikum wahrgenommen wird. Dieses ältere Publikum ist wunderbar, aber wir brauchen Hörernachwuchs! Überall gibt es lebendige, innovative Entwicklungen. Wir laden jedermann und jedefrau dazu ein, sich zu beteiligen und dabei zu sein. Dazu gehört bei Klangspuren auch ein
Geflecht vielschichtiger Vermittlungsaktivitäten, angefangen bei den allerkleinsten Menschen im Projekt KLANGSPUREN BARFUSS, über die Werkstatt für komponierende Teenager KLANGSPUREN LAUTSTARK bis hin zur KLANGSPU- REN INTERNATIONAL ENSEMBLE MODERN ACADEMY für etwa 40 jun- ge Pro -Instrumentalisten aus der gan- zen Welt, von Argentinien über Korea, Japan bis nach Kasachstan. Überall wird neue Musik gespielt!

Rent a Musician_1 © Klangspuren

Zwei Programmpunkte nde ich besonders spannend. Der musikalische Pilgerweg und „Rent a Musician“. Was hat es sich damit auf sich?
Seit 2006 wandern wir an einem Festivalsonntag auf Jakobswegen durch ganz Tirol, geführt vom Jakobswegforscher Peter Lindenthal und seinem treuen Assistenten „Arvo“, einem freundlichen, großen Hirtenhund. Wir brechen sehr früh auf, dann gibt es sechs Stationen, meist in schönen alten Dorfkirchen, wo wir anhalten, um ein kurzes, etwa 30-minütiges Konzert zu hören. Dann geht es über Stock und Stein wieder weiter. Etwa 60 bis 110 Menschen wandern da mit. Und das Wetter sollte freundlich mitspielen. Das war nicht immer so, aber gerade die Tiroler sind sehr wetterfest. Als einer der Festivalhöhepunkte kehrt die musikalische Pilgerwanderung anlässlich des 25-jährigen Jubiläums nach einer spektakulären Wegeführung über Schloss Tratzberg, das Wallfahrtskloster St. Georgenberg, die wild-romantische Wolfsklamm und Stift Fiecht ins Hauptquartier von KLANGSPUREN – nach Schwaz – zurück. Das Abschlusskonzert soll in dem original erhalten gebliebenen riesigen hölzernen Dachstuhl der Stadtpfarrkirche stattfinden. Am Ende bereiten die Damen von Slow Food Tirol den erschöpften Wanderern eine köstliche vegetarische Pilgersuppe, und leckeren Wein gibt es auch dazu. Mit Musik und Menschen durch grandios schöne Landschaften, durch alte Dörfer, durch Wälder und über Wiesen zu wandern, sich dabei immer wieder mit anderen Menschen zu unterhalten und die Eindrücke auszutauschen, ist ein einzigartiges ganzheitliches Erlebnis, inklusive der müden Beine, die alle Wanderer nach gut 20 km Wegstrecke spüren.

„Rent a Musician“ ist seit einigen Jahren ein sehr beliebtes Element des Festivals. Die jungen Stipendiaten und Stipendiatinnen der KLANGSPUREN INTERNATIONALE ENSEMBLE MODERN AKADEMIE, die wiederum auch schon ihr 15-jähriges Bestehen feiern kann, bringen die Musik ins Haus – in die Wohnzimmer von Familien zwischen Jenbach und Stams, die sich ein kleines Privatkonzert eingeladen haben. Immer findet sich eine völlig andere, überraschende Situation. Manchmal laden auch Betriebe oder Galerien, der Bürgermeister, die Kulturreferentin in ihre Räume ein. Dann gibt es ein halbstündiges Konzert, bisweilen, wenn das Wet- ter und die Nachbarn es erlauben, sogar im Freien auf der Terrasse. Im Anschluss werden kleine Erfrischungen gereicht, Künstler und Zuhörer kommen miteinander ins Gespräch, und dann geht es aber ruckzuck auch gleich weiter. Jedes Stipendiaten-Ensemble mit zwei bis fünf Interpreten spielt in der Regel drei bis vier Kurzkonzerte. Wir begleiten diese Teams und geben kleine Einführungen in das Programm. Das wärmt die Atmosphäre von vornherein an. Oft ist auch ein wenig Improvisation gefragt, damit die Musik erklingen kann, etwa wenn die Räume klein sind, aber die Zuhörerschaft zahlreich. Freude und Spaß an diesen Hauskonzerten ist jedenfalls auf allen Seiten groß.

Konzert Ensemble Mosaik © Carla Veltman

Wie kamen Sie selbst zur Neuen Musik und zu Ihrer Leiden- schaft für die Vermittlung von Musik und neuen Ausdrucks- formen?
Matthias Osterwold: Ich stamme aus einem sehr kunst- und musiksinnigen Elternhaus. Damit haben meine Geschwister und ich großes Glück gehabt, denn solange ich denken kann, nahmen Bildende Kunst, Architektur, Filmkunst, Literatur und ganz besonders Musik einen zentralen Platz im Leben der Familie ein. Wir hatten von unserem leider schon ganz früh verstorbenen Großvater mütterlicherseits, der ein hervorragender Klavierspieler gewesen war, einen ganzen Schrank mit schönen alten Noten geerbt, die es zu spielen galt. Meine Geschwister und ich, wir haben alle Klavier und ein zweites Instrument gelernt. Es ging immer um moderne Kunst, das war ganz selbstverständlich, und mir war schon als Jugendlicher klar, dass es dann doch auch selbstverständlich moderne, eben neue Musik geben muss, dass die Musikgeschichte weitergeht und nicht Anfang des letzten Jahrhunderts wie in einem Museum Klassischer Musik endet. Zwar spiele ich selbst kaum neue Musik auf dem Klavier, aber ich bin schon als Teenager oft in Konzerte mit zeitgenössischer Musik gegangen. Da gab es z. B. die Konzertreihe „das neue werk“, die der NDR Rundfunk in Hamburg immer noch veranstaltet, wo ich regelmäßig hingepilgert bin. Später habe ich mich auch für Free Jazz, neue Formen experimenteller Musik, Punk und Art Rock begeistert. Als ich dann von Hamburg nach Berlin gezogen war, fing ich recht bald mit einigen Mitstreitern an, kleine, informelle Loft-Konzerte mit sehr avantgardistischer, kühner Musik zu produzieren. Dann ist Schritt für Schritt ein Beruf daraus geworden, der mich heute ganz und gar ausfüllt und erfüllt.

DAS GESPRÄCH FÜHRTE KAI GEIGER.