Schloss Leuk (CH)

FORUM WALLIS XIII
6. - 10.6.2019

Das Forum Wallis ist ein internationales Festival für Neue Musik und findet jährlich an Pfingsten auf Schloss Leuk in der Schweiz an der deutsch-französischen Sprachgrenze statt, unmittelbar von den höchsten Gipfeln der Walliser Alpen umgeben. Seit 2006 hat das Forum Wallis über 300 Uraufführungen mitproduziert: Gäste wie das Ensemble Modern, Recherche und das Klangforum Wien, Karlheinz Stockhausens Helikopterstreichquartett zusammen mit dem Arditti Quartet und André Richard 2015 oder Cod.Acts Pendulum Choir 2016 gehören zu den zahlreichen Höhepunkten der Festivalgeschichte. Die 13. Festivalausgabe wartet mit einer international besetzten Ensembleakademie auf, die erstmals um eine Akademie für Kompositionsstudenten erweitert wird, ferner mit interdisziplinären, kammermusikalischen und experimentellen Formaten, Klangspaziergängen, Kunstausstellungen, und mit neuer Elektronischer Musik - letztere in Zusammenhang mit dem renommierten Wettbewerb für akusmatische Musik ‚Ars Electronica Forum Wallis‘, der heuer zum 5. Mal ausgetragen wird. Insgesamt sind etwa 50 zeitgenössische Werke von Komponisten aus 25 Ländern zu hören, gespielt von einer Vielzahl bedeuten- der europäischer und schweizer Ensembles und Solisten, darunter Aventure, Luis Tabuenca, Simone Conforti, Zafraan Berlin, UMS ́n JIP, Contrechamps, Hans-Peter Pfammatter, Manuel Mengis und Jonas Imhof. Als Dirigenten walten Fabian Panisello und Miguel Pérez Iñesta, und unter den Gastkomponisten findet sich kein Geringerer als Stefano Gervasoni. Vom 6.-10. Juni 2019 weilen sie allesamt im mittelalterlichen Städtchen Leuk und gewähren Liebhabern wie Einsteigern aus nächster Nähe spannende Einblicke in die aktuellsten Tendenzen des zeitgenössischen Musikschaffens.

Wir sprachen mit Javier Hagen, dem Leiter des Forum Wallis

Was ist und macht das Forum Wallis?

Das Forum Wallis ist ein jährlich über Pfingsten auf Schloss Leuk im Wallis stattfindendes Schweizer Festival für Neue Musik. 2006 gegründet, wird es von der Walliser Ortssektion der In- ternationalen Gesellschaft für Neue Musik (IGNM-VS) getragen. Das Festival ist sozusagen ... (schmunzelt) ein Geburtshelfer: eine Brut-, Forschungs- und Reflexionsstätte für die Création Musicale in all ihrer Vielfalt – daher das auf dem Festivalplakat erscheinen- de Ei, das symbolhaft für das gleichzei- tig Seiende und das noch nicht Geborene und Utopische steht. Das Forum Wallis realisiert, vermittelt, dokumen- tiert und vernetzt Neue Musik lokaler, nationaler und internationaler Provenienz. So hat es bis dato die Arbeiten von über 70 einheimischen KomponistInnen präsentiert (das Wallis ist ein zweisprachiger Bergkanton mit knapp 350.000 Einwohnern, Anm. d. Red.), die sich die Bühnen mit Größen wie dem Ensemble Modern, Recherche, dem Klangforum Wien und dem Ardit- ti Quartett geteilt haben. Über 300 Uraufführungen sind es seit 2006 gewesen – 2015 flogen die vier Chefpiloten der legendären Air Glaciers für Stockhausens berühmt-berüchtigtes Helikopterstreichquartett die bisher beste und sicherste Aufführung des Stückes, weil wir in Leuk die damit erfahrensten Interpreten und Techniker erstmals vereinen konnten. So ist das Forum Wallis hierzulande einer der potentesten Katalysatoren für Neue Musik und übernimmt eine wichtige Vorreiterrolle, die sich bemerkenswert positiv auf die Ausrichtung von Förderdispositiven und auf die Programmation von Veranstaltern zugunsten der Création ausgewirkt hat.

Wie kamen Sie zur Neuen Musik?

Um ehrlich zu sein: Ich kann nicht anders. Neue Musik zu spielen, zu schreiben oder zu vermitteln – und dies frei von ästhetischen Konventionen – scheint mir die natürlichste Form, mich mit Klang, mit Klang im Raum und mit meinen Fragen und Aufgaben inner- wie außermusikalisch auseinanderzusetzen. Im Hier und Jetzt und Heute. Konkret war die Begegnung und Arbeit mit Aribert Reimann an seinem Eichendorff-Nachtstück für Bariton und Klavier in der Zürcher Tonhalle an den Tagen für Neue Musik Zürich 1995 zündend.

Was fasziniert Sie an Neuer Musik?

Zuallererst eine triebhafte Neugier auf neue, mir unbekannte Klänge, Timbres, Mischungen und deren Entfaltung im Raum wie in musikalischen Zeiträumen (in diesem Sinne ist Neue Musik für mich in erster Linie ganz einfach neue, noch nie gehörte Musik). Dann die Auseinandersetzung mit dem Lebendigen. In der Neuen Musik habe ich – heute dank den neuen Medien einfacher denn je – die Möglichkeit, mit den KomponistInnen persönlich zu interagieren. Diese einmalige und äußerst wertvolle Chance, über Schriftzeugnisse hinaus über den persönlichen Austausch und gemeinsame Erlebnisse das Schaffen von Musik zu erfahren, ist mir bei verstorbenen Komponisten verwehrt.

Steht die Neue Musik näher an der Avantgarde und dem Pop oder der Klassik? Sie persönlich forschen in beide Richtungen?

Das lässt sich nicht klar umreißen und müsste, um genau zu sein, von Fall zu Fall betrachtet werden. Mir scheint aber diese Frage nicht wirklich dringend, denn diese Abgrenzungen sind in der heutigen kulturellen Durchmischung obsolet geworden. Jede Musikrichtung und -kultur hat vielmehr ihre besonderen klanglichen Qualitäten, spezifischen Kontexte und emotionale Kraft. Diese zu erfassen, ins richtige Licht zu bringen und weiterzuentwickeln hat für mich Priorität. Respekt und Wert- schätzung vor dem Aburteilen sozusagen. Die Musikwissenschaft darf gerne später darüber befinden.

Neue Musik ist nach wie vor eine Nische in der Musik. Ist und bleibt dies ihr Platz? Oder welche Chancen und Möglichkeiten sehen Sie im Zeitalter der Digitalisierung

und den audiovisuellen Techniken für die Neue Musik? Ein Keim ist kein Baum. Das Neue als Keim ist als Erstes kaum sichtbar und normalerweise unbekannt (sonst wäre es ja nicht neu), Neue Musik beginnt daher per definitionem in einer Nische. Damit aus diesem Keim ein Baum wird, bedarf es eines gesellschaftlichen Efforts. Dieser wird in der Regel erst vollzogen, wenn ein Nutzen erkannt wird. Und diese Erkenntnis und dieser Prozess können sich über eine sehr lange Zeit hinziehen. Die Musikgeschichte im Abendland lehrt uns, dass neue Strömungen oft mehrere Generationen benötigt haben, bis sie mehrheitsfähig wurden, das ist selbst bei Monteverdi, Bach und Schubert nicht anders gewesen. Ihre Meisterwerke wurden in privatem Kreis uraufgeführt, schlummer- ten lange unbeachtet vor sich hin und fanden erst Jahrzehnte nach ihrem Tod aus der Nische heraus. Umgekehrt heißt dies nicht, dass sich die Neue Musik von der Welt abschotten und hermetisch vor sich her werkeln soll. Gerade die jüngste Generation mit ihrem multi-, inter- und transkulturellen Hintergrund bietet hierzu beispielhafte Ansätze für infragestellende, partizipative, interaktive, multimediale oder auch schlicht klassisch in der Tradition stehende Stücke. Im Zeitalter der Digitalisierung eröffnen sich denn auch viele Chancen: Die Szene hat andere und mehr Möglichkeiten, sich zu artikulieren und Communitys zu bilden. Sie ist unter anderem farbi- ger und weiblicher geworden, und die ideologischen und ästhetischen Gräben sind – meiner Meinung nach ein Vorteil – aufgeweicht. Erwähnt seien an die- ser Stelle drei vorbildhafte Initiativen: Babel Scores, ein äußerst funktionaler, von einem lateinamerikanischen Komponistenkollektiv in Paris aufgezogener alternativer Online-Verlag und -Vertrieb für Neue Musik, der mittlerweile zu den weltweit größten Bibliotheken für Neue Musik zählt, Score Follower, ein qualitativ hochwertig kuratierter amerikanischer Non-Profit-Videokanal auf YouTube mit mehreren Tausend Abonnenten zur Popularisierung von Neuer Musik, auf welchem die zu hörende Musik gleichzeitig gelesen werden kann, und die ISCM World Music Days (die Weltmusiktage der International Society for Contemporary Music), an denen – und dies ist weltweit seit bald 100 Jahren einmalig – ein demokratisches Panorama der Neuen Musik aus den nahezu 60 Ländersektionen präsentiert wird, dieses Jahr vom 2. bis 10. Mai in Tallinn in Estland. Die Schweiz wird dort – das spricht für sich – von einer koreanischstämmigen Komponistin (Junghae Lee) mit einem Stück für Streichorchester vertreten.

DAS GESPRÄCH FÜHRTE KAI GEIGER.