Foto: Martin Duckek © Stadthaus Ulm

ULM

NEUE MUSIK IM STADTHAUS ULM
7.–15.4.2018

1996 wurde die Reihe neue musik im stadthaus ulm aus der Taufe geho- ben. Hier hat die Musik des 20. und des 21. Jahrhunderts ihre Präsenz. Zwischen Technik, Wissenschaft und Kunst bestehen vielerlei Wechsel- wirkungen. Für eine Stadt wie Ulm, die sich mit Attributen wie „Science Park“ und „Wissenschaftsstadt“ identifiziert, ist es unerlässlich, ein kulturelles Umfeld um Wissenschaften und High Tech zu bilden.

Zunächst ist es das Stadthaus selbst, das mit seiner zeitgenössischen und dennoch deutlich der Tradition der Klassischen Moderne verbundenen Architektur Richard Meiers ein ideales Forum für neue Musik ist. Die Architektur wirkt inspirierend auf die Musikerinnen und Musiker wie auf das Publikum. Der ungewöhnlichen, wohlbedachten Programmpla- nung des Projektleiters Jürgen Grözinger sind der breite Zuspruch und die Beachtung weit über Ulm hinaus zu verdanken. Neue Musik bleibt im Stadthaus Ulm nicht einem kleinen fachkundigen und somit elitären Kreis vorbehalten, sondern wird für viele erfahrbar.

ADRESSE
Stadthaus Ulm, Münsterplatz 50, 89073 Ulm
www.stadthaus.ulm.de

Mathis Mayr (Cello) und Christian Vogel (Bassklarinette), in Clara Ianottas "The people here go mad. They blow the wind", "BEAUTYbroken" 2016 I © Stadthaus Ulm

INTERVIEW mit Jürgen Grözinger
Festivalgründer und Künstlerischer Leiter

Wie kamen Sie zur zeitgenössischen Musik?
Ich glaube, ich war 14, als ich Stravinskys „Sacre“ entdeckte. Es war eine der ersten LPs, die ich in meinem Leben erstand. Von da an ging es los: Für mich war es ein großes Abenteuer, all jene Werke der klassischen Moderne und bald auch der Neuzeit zu entdecken. Schon damals ging das einher mit meinem Interesse an anderen künstlerischen Entwicklungen der Gegenwart. Später lernte und studierte ich klassisches Schlagzeug – und da liegt der Schwerpunkt in der Literatur naturgemäß viel mehr im Zeitgenössischen als bei anderen Instrumenten. Gleichbedeutend war für mich schon immer die Beschäftigung mit diversen Strömungen der Pop-Musik, Jazz und ethnischen Musik-Traditionen. 

Wie steht es um das Interesse für zeitgenössische Musik, die Moderne in Ulm?
Ulm hat keine Musikhochschule oder andere musikalische Insti- tutionen, die von sich aus zeitgenössische Musik fördern – und somit auch kein Fachpublikum für zeitgenössische Musik. An der naturwissenschaftlich orientierten Universität Ulm gibt es erfreulicherweise die Gruppe „Experimentelle Musik Uni Ulm“ EMU. Darüber hinaus ist die Moderne in Ulm grundsätzlich jedoch ein wichtiges und in der Stadtbevölkerung verankertes Thema, basierend auf der ehemaligen, international bedeutenden „Hochschule für Gestaltung“, einem Nachfolgeprojekt des Bauhauses, mehreren wichtigen Privatsammlungen sowie seit den 90er-Jahren dem von Richard Meier gebauten Stadthaus Ulm mit seinen wechselnden und oft vielbeachteten Ausstellungen. Aus diesem Fundament heraus bildet sich auch das Grundinteresse für eine musikalische Moderne. Von Beginn an versuche ich deshalb, in meinen Programm-Konzeptionen Verbindungen zu anderen ästhetischen und gesellschaftlichen Fragestellungen zu kreieren.

Nicholas Isherwood in Karl-Heinz Stockhausens "Capricorn", Festival "SPACES" 2014 I © Stadthaus Ulm
Eros by Stadthaus Ulm

Spielt der Geist der HfG Hoch- schule für Gestaltung in Ulm dabei noch eine Rolle?
Siehe oben. An die Geschichte der HfG wur- de und wird in Ulm vonseiten einer kulturell interessierten Bür- gerschaft immer wieder erinnert, auch im Zusammenhang mit un- serem Festival.

Sie haben 1996 eine Reihe für Neue Musik im Stadthaus Ulm ins Leben gerufen. Wie kam es dazu?
Schon während meines Musikstu- diums in München und Stuttgart initiierte ich einzelne musikali- sche Projekte in meiner Heimat- stadt Ulm, oftmals mit Bezug zu Bildender Kunst und in be- sonderen Räumlichkeiten. Nach meinem Kulturmanagement- Studium in Hamburg wurde ich von der Stadtspitze gefragt, ob ich mir vorstellen könnte, für das neugebaute Ulmer Stadthaus ein Konzept mit zeitgenössischer Mu- sik zu entwerfen. Mich faszinierte die Idee, die besondere Architek- tur des Hauses mit Klang, mit Musik zu verknüpfen. Auch die Lage des Hauses, direkt im Her- zen der Stadt und gegenüber einer bedeutenden gotischen Kathedra- le, dem Ulmer Münster, war für mich von Beginn an Inspiration und Ansporn.

Eros by Stadthaus Ulm

Nächstes Jahr ndet das nunmehr alle zwei Jahre stattfindende, als Biennale konzipierte Festival für Neue Musik Ulm statt. Was ist geplant?
Nach meinem letzten Thema „BEAUTYbroken“ möchte ich auch das nächste Festival mit einem Begriff überschreiben, der zwar vielfache Entsprechung in der Musik ndet, aber gleichzeitig in ganz andere Bereiche verweist: STIMMUNG. So werde ich um den gleichnamigen Klassiker von Karlheinz Stockhausen von 1968 sowohl einzelne Werke platzieren als auch Konstellationen aus unterschiedlichen Stücken setzen, die der Idee der „Stimmung“ vom eigentlich musikalischen Parameter bis zum psychologisch-emotionalen Phänomen Rechnung tragen.

Was verbirgt sich hinter dem European Music Project, das von Ihnen gegründet wurde, und das Bestandteil des
Festivals ist?

Das EMP sollte von Beginn an „Ensemble in Residence“ der Ulmer Reihe werden, da ich mir nur so vorstellen konnte, einem neuen Festival ein einzigartiges Prfil geben zu können, welches zudem meiner Idee der lokalen, nämlich architektonischen und stadtgesellschaftlichen Verankerung gerecht wird und sich dennoch in der Szene sehen lassen kann. Durch Musikpreise in meiner Jugend mit den entsprechenden Folgen internationaler Tätigkeiten wollte ich junge MusikerInnen verschiedenster Länder zu diesen Anlässen nach Ulm bringen, die, ähnlich wie ich, Lust am musi- kalischen Abenteuer haben, die sich instrumentaltechnisch auf höchstem Niveau bewegen und gleichsam offen sind für unterschiedlichste Musik und Formen des Musizierens. Nicht zuletzt sollte so auch der Gedanke einer europäischen Kultur darin seine Form nden. Das Ensemble be- steht aus einem festen Kern von MusikerInnen und formiert sich darüberhinaus, entsprechend der Vorgaben der Werke, auch immer wieder neu. Wichtig sind neben profundem Umgang mit klas- sischem und zeitgenössischem Repertoire improvisatorische Fä- higkeiten und Verständnis für aktuelle Pop- sowie Club-Musik. Das Ensemble möchte in seinen Programmen Spiegel aktueller ästhetischer und gesellschaftlicher Fragestellungen sein.

last echo by Stadthaus Ulm

Sie sind ein gefragter Musiker, Ideengeber und Kurator verschiedener Formate. Spannend nde ich Ihre Tätigkeit als Klassik DJ, Organisator von Opera und Concert Lounges und als Partner im WDR Klassik Club. Wie kamen Sie auf das Format und was ist Ihre Mission?
Wahrscheinlich hatte ich schon immer eine Art „inneres Bedürfnis“, meinen Freunden und Bekannten gute und, wie ich meinte, „relevante“ Musik näherzubringen. Ich sage das nicht ohne eine gewisse selbstkritische Ironie im Rückblick. Ohne dass ich mich DJ nannte, stellte ich Tapes her oder legte ab und zu in Bars auf. Schon lange vor den ersten sogenannten „Klassik-Lounges“ verband ich klassische Live-Auftritte mit DJ-Parts. Die Kategorisierung von „E und U“ war mir dabei längst ein Gräuel. Ich verstand meine Veranstaltungen, die sich zuerst meist in ziemlich überschauba- rem Rahmen abspielten, gleichsam als anspruchsvolles Konzert – und als Party. Ich lud Freunde und Bekannte aus unterschiedlichsten Szenen zu diesem „grenzenlosen Musik-Erleben“ ein. Mit meinem Umzug nach Berlin im Jahre 2000 eröffnete sich mir für diese Idee ein größeres Podium: Als Per Hauber, heute bei Sony und damals Mitbegründer des mittlerweile legendären „Yellow Lounge“-Projekts des Deutsche Grammophon-Labels, eine meiner Mix-CDs in die Hand bekam und ich eingeladen wurde, mein Können in einem der angesagtesten Berliner Clubs unter Beweis zu stellen, war mein offizieller Grundstein für die „Klassik-DJ-Karriere“ gelegt. Nach wie vor interessiert mich dabei die Idee des „Abenteuers der Sinne“, in dem Fall vor allem des Hörens. Ich wünsche mir unvoreingenommenes und unverkrampftes Hören oder noch weiter gefasst – Erleben von Musik. Der Respekt im Umgang mit den Werken, die ich auflege, ist für mich dabei elementar, auch wenn es einem orthodoxen Klassik-Hörer vielleicht zuwider läuft, wenn das Ende eines Stücks unmerklich in den Beginn des nächsten übergeht, wenn ich Stücke des frühen Barock mit Klangflächen Ligetis mixe oder elektronischer Clubmusik entnommene Klänge dynamisch einwebe.

Beauty Broken by Rainer Zimmermann

Ist zeitgenössische Musik DJ- tauglich oder welche Vermittlungsformate taugen für die zeitgenössische Musik?
Als „DJ-tauglich“ würde ich sie nur begrenzt bezeichnen. Wobei es natürlich ganz unterschiedliche „zeitgenössische Musik“ gibt. Sicher lässt sich patternorientierte Minimal-Music von Steve Reich, Terry Riley oder Philipp Glass besser in ein Set integrieren als die komplexen Werke von Komponisten wie Wolfgang Rihm oder Brian Ferneyhough. Grundsätzlich verlangt klassische Musik im DJ-Kontext umfangreiche Repertoire-Kenntnis und ein hohes Maß an musikalischem Gespür. Im Rahmen meiner diversen Klassik-Lounges und auch des Radio-Klassik-Klubs auf WDR 3 spiele ich selbstverständlich nicht nur zeitgenössische Musik. Jedoch gelang es mir oftmals gerade bei diesen für viele unbe- kannten Stücken, Neugier bei den Hörern zu wecken, die sich in Fragen nach Urhebern äußerten. Klassik-Lounges sind jedoch keine Selbstläufer: Sie bedürfen ausgeklügelter Konzeption, Vorbereitung und präziser Durchfüh- rung. Dann jedoch sehe ich sie als ideales Format in der Vermittlung zeitgenössischer Musik. Ich lerne viel für meine Konzert-Konzeptionen durch die Wahrnehmung des Publikums in den diversen Klassik-Klubs – ebenso wie meine vorbereitenden Gedanken zu Festival- und Konzert-Programmationen auch im DJ-Set ihre Entsprechung finden.

Das Gespräch führte Kai Geiger