Tanzhaus NRW

Vergangenes Jahr durch das Fachmagazin „tanz“ zu einem von 33 Hoffnungsträgern „mit den besten Aussichten“ gekürt, leitet Bettina Masuch (50) seit 2014 das Tanzhaus NRW. Die neue Chefin wage „mehr als ein Update“ nach 35 Jahren unter der Leitung von Bertram Müller. „Alles frisch – die Farben des Corporate Design, die Programmatik und das Auftreten der neuen Intendantin,“ wertet das führende europäische Magazin für Ballett, Tanz und Performance die Handschrift der Theaterwissenschaftlerin, Festivalleiterin und Dramaturgin. Immerhin: Aus einer Künstler- und Bürgerbewegung der 1970er Jahre hat sich ein international anerkanntes Haus mit wöchentlich 3600 Besuchern entwickelt, das heute Theater und Tanzschule, Produktionsort und Treffpunkt für Tanzschaffende aus aller Welt ist!

Alles pulsiert, wenn der Besucher das lichtdurchflutete Haus nahe des Düsseldorfer Hauptbahnhofs betritt: Kurse für die Allerkleinsten laufen in den ersten drei Tanzstudios, während in den hinteren Raume bereits der Wechsel fur die Erwachsenen-Kurse am Abend vorbereitet wird. Auf der großen Buhnen sammeln sich die Tanzer einer internationalen Kompanie in einem Warm up für die heutige Abendvorstellung vor 320 Zuschauern. In der kleinen Bühne probt eine Choreografin für ihre nächste Produktion, die sich an Kinder wendet und bei der eine Grundschulklasse als Testpublikum und strenger Feedback-Geber minütlich erwartet wird. Vor 17 Jahren eröffnete in diesem überzeugend sanierten Strasenbahndepot ein in Europa annähernd einzigartiges Haus für den Tanz: das Tanzhaus NRW. Auf 4.000 Quadratmetern Fläche ist es zugleich Ausführungsort mit wechselnden Buhnenveranstaltungen, ein Produktions- und Fortbildungsort für Tänzer und Choreografen, anerkannte Weiterbildungsstatte mit durchschnittlich 350 Kursen und Workshops wöchentlich sowie ein Zentrum für Tanz mit und für Kinder und Jugendliche.

Weltweite Aufmerksamkeit

Eine hohe weltweite Aufmerksamkeit erhält das Haus als Initiator von europäischen Projekten, als Produktionspartner, als Vorbild der kulturellen Weiterbildung und als internationaler Netzwerker. Die Verbindung der unter dem Dach des Hauses vereinten Bereiche der Buhne, der Akademie mit einer Vielzahl von Kursen und Workshops sowie des Jungen Tanzhaus findet seit der neuen Spielzeit noch intensiver statt. Aktuell zum Beispiel ist eine Düsseldorfer Version von „The show must go on“ des renommierten Choreografen Jerome Bel im Haus zu sehen, entstanden mit vor Ort gecasteten Tanzbegeisterten zwischen neun und 91 Jahren. Eines von einer Vielzahl neuer intelligenten Konzepte für eine engere Verschränkung zwischen Publikum und Kunstlern, zwischen nicht-professionellen und professionell tätigen Tänzern und zwischen Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen!

Von HipHop bis Stepptanz

Das besondere Profil und die außergewöhnlich lebendige Atmosphäre entsteht u.a. durch die vielen, aus allen Teilen der Welt stammenden 90 Dozenten, die von HipHop, Modern Dance über Samba bis Stepptanz Kurs- und Workshopteilnehmer mit und ohne Tanzerfahrung unterrichten. Das Angebot wendet sich an alle Generationen und fasziniert durch die künstlerisch geprägten Persönlichkeiten. Das Haus scheint ab 10 Uhr morgens nicht mehr still zu stehen, wenn Tanzer das Profi-Training besuchen und erste Morgenklassen für Amateure stattfinden. Zweimal jährlich lädt ein „Tag der offenen Tür“ zum Ausprobieren ein, so dass immer wieder neue Besucher das Haus und den Tanz in seinen ästhetischen und kulturellen Spielarten entdecken und lieben lernen.

Factory Artists

In mehr als 200 wechselnden Buhnenveranstaltungen jährlich präsentiert das Haus im Rahmen von Festivals, Gastspielen, thematischen Reihen und Koproduktionen die internationale Bandbreite des zeitgenössischen Tanzes. Gastspiele renommierter zeitgenössischer Choreografen wie Alain Platel, Emanuel Gat, Louise Lecavalier, Raimund Hoghe, Christian Rizzo, Yasmeen Godder und Olivier  Dubois wechseln sich mit einer Vielzahl von Kunstlern aus Deutschland und der Region ab, darunter in der Spielzeit 2014/2015 Stephanie Thiersch, Barbara Fuchs und Takao Baba. Auch die besondere Programmlinie

der Workshop-Festivals, die insbesondere im Flamenco einen wachsenden Zuspruch hat, ist in der Verschränkung von Unterricht und Buhnengastspiel ein besonderes Kennzeichen des Hauses. Das Zauberwort: langfristigere Beziehungen in der Zusammenarbeit mit Kunstlern und dem Publikum. Mit den Choreografen Alexandra Waierstall aus Düsseldorf, Sebastian Matthias aus Berlin und Jan Martens, ansässig in Antwerpen, bindet das Tanzhaus NRW seit der neuen Spielzeit drei Residenzkünstler, sogenannte „Factory Artists“, an Düsseldorf. Im Rahmen dieser Partnerschaft suchen die Künstler nach intensiven Begegnungen u.a. im Rahmen von kontinuierlichen Proben- und Aufführungsmöglichkeiten und Lehrtätigkeiten. Jüngst etwa hat Jan Martens begeistert mit der neu gegründeten Jugendkompanie B2B gearbeitet. Der Belgier nutzte das Potenzial des Hauses auch in einem Intensivworkshop mit nichtprofessionellen Tänzern als Recherche für die Vorbereitung seiner neuen Produktion „The Common People“, die im Frühjahr 2016 im Tanzhaus NRW zur Uraufführung kommt. Der Choreograf und Tanzwissenschaftler Sebastian Matthias hingegen lasst sich auf Düsseldorf und sein „Little Japan“ ein. Ausgehend von seinem partizipativen Konzept lasst er seine Forschungs- und Performanceserie „groove space“ gemeinsam mit lokalen Kunstlern und Zuschauern in verschiedenen Städten vor Ort entstehen, um den jeweiligen urbanen Rhythmus einzufangen. Die Deutsch-Zypriotin Alexandra Waierstall lebt in Düsseldorf und sucht den sensiblen Grenzgang zwischen Tanz und Musik u.a. demnächst mit dem Düsseldorfer Komponisten und Pianisten Hauschka.

Junges Tanzhaus

Viel war vor rund zehn Jahren in Deutschland über Tanz mit und für Kinder und Jugendliche nicht zu finden! Pionierarbeit, strukturell als auch als Koproduzent von Kunstlern, leistet das Junge Tanzhaus gemeinsam mit einer Vielzahl von Kulturschaffenden, um Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene an die Sparte Tanz heran zu fuhren. Dies findet sowohl im Theater als auch im Unterrichtssaal sowie in Schulen statt: Das Tanzhaus NRW konnte diese Arbeit mit dem durch die Kulturstiftung des Bundes initiierten Tanzplan Deutschland und dem erfolgreichen Projekt „Take-off: Junger Tanz“ sowie einer Vielzahl anderer Aktivitäten in den vergangenen Jahren intensivieren. So wurden bundesweit Maßstäbe gesetzt, die u.a. mit einer Buchveröffentlichung im Beltz-Verlag dokumentiert sind. „Tanzen ist für mich Freiheit, eine Parallelwelt, in der ich mich unbeschadet aufhalten und bewegen darf,“ erzählt Ron (17), einer der Tanzer der Jugendkompanie B2B am Tanzhaus NRW, und macht in einfachen Worten und unmittelbar spürbar, was Tanz bewegen kann.