Friedemann Vogel, Erster Solist und Kammertänzer Stuttgarter Ballett, Fotos: Helmuth Scham | www.schampus.com

Interview mit 

Friedemann Vogel,
Erster Solist, Kammertänzer Stuttgarter Ballett

 

Sie waren im Herbst 2018 in Japan. Wie war es?

Friedemann Vogel: Es war meine dritte Reise nach Japan im letzten Jahr. Japan ist immer besonders, die Menschen dort sind – ähnlich wie in Stuttgart – sehr ballettbegeistert und sind bei den Vorstellungen immer emotional sehr dabei. So viele treue Fans, die sogar nach der Vorstellung im Regen auf einen warten, machen den Aufenthalt in Japan immer unver- gesslich.

Sind Sie heute schon John Cranko begegnet? Wieviel John Cranko weht noch über die Bühne und den Ballettsaal des Staatstheater Stuttgart? Wie würden Sie Ihre Beziehung zu John Cranko beschreiben?

Friedemann Vogel: John Cranko ist bei uns immer präsent, nicht nur durch die vielen Ballette, die wir von ihm tanzen, sondern auch sein Geist und seine Kreativität inspirieren bis heute noch viele Künstler. Für mich sind seine Handlungsballette jedes Mal eine neue Erfahrung, die mich immer wieder aufs Neue erfüllt und mitnimmt. Und dem Publikum geht es nicht anders: Selbst Jahrzehnte nach der Uraufführung berühren seine Werke sowohl Tänzer als auch Publikum mit jeder neuen Vorstellung.

Wie kamen Sie zum Ballett? Wer oder was war Inspiration, die Initialzündung und wie war der Weg vor und bis zum Eintritt in die John Cranko Schule?

Friedemann Vogel: Durch meinen großen Bruder, der auch Erster Solist beim Stuttgarter Ballett war, bin ich zum Tanz gekommen: Selbst wenn Balletttänzer kein typischer Traumberuf für einen Jungen ist, war mir mit fünf Jahren schon klar, dass ich Tänzer werden möchte. Nach ein paar Jahren in einer privaten Ballettschule in Tübingen konnten meine Eltern mich auch nicht mehr bremsen, als ich die Aufnahmeprüfung an der John Cranko Schule machen wollte. Mit zehn Jahren habe ich dann meine Ausbildung dort begonnen.

Friedemann Vogel, Erster Solist und Kammertänzer Stuttgarter Ballett, Fotos: Helmuth Scham | www.schampus.com

Was war ihre erste Rolle, und haben Sie über die Jahre eine Lieblings-, eine Paraderolle entwickelt?

Friedemann Vogel: Reid Anderson, mein damaliger Ballettdirektor, hatte mir schon im ersten Jahr große Rollen anvertraut, wie zum Beispiel Theme and Variations von George Balanchine und Albrecht in Giselle. Daraufhin folgten nach und nach weitere große und wichtige Rollen des Ballettrepertoires und ich wurde zum Ersten Solisten befördert. Lieblingsrollen gibt es viele, doch Onegin ist eine meiner liebsten und wichtigsten. Ich habe das Ballett erstmals als Kind gesehen und mir nie vorstellen können, irgendwann selbst darin zu tanzen. Die Faszination von damals hält bis heute an.

Gibt es ein Scheitern in einer Rolle, in der Zusammenarbeit mit einer Choreografin oder Choreografen, einem Ensemble, einer Partnerin oder Partner?

Friedemann Vogel: Es gab eine Rolle, die ich gerne getanzt hätte, Glen Tetleys Pierrot Lunaire. Nach einigen Proben stellte sich heraus, dass ich nicht der passende Typ in diesem Moment war. Das war sehr schmerzhaft, doch wie man so schön sagt: Niederlagen machen einen nur stärker.

Haben Sie Musik, zu der Sie lieber tanzen. Ist ein Mozart leichter als ein Philipp Glass?

Friedemann Vogel: Musik ist sehr wichtig und transportiert Emotionen. Choreographien sind eigene Kunstwerke und so auch die jeweilige Musik. Da passt nicht immer ein gutklingender Mozart, sondern manchmal eher ein Schönberg.

Friedemann Vogel, Erster Solist und Kammertänzer Stuttgarter Ballett, Fotos: Helmuth Scham | www.schampus.com

Gibt es Rollen, Häuser, ähnlich wie bei den Schauspielern, die man einmal im Leben getanzt, auf dessen Bühne man einmal im Leben gestanden haben muss?

Friedemann Vogel: Natürlich sind das Bolschoi-Theater oder die Mailänder Scala sehr beeindruckend. Doch letztendlich ist es wichtig, wie man tanzt und nicht wo.

Wie sieht ein Tag im Leben des Tänzers Friedemann Vogel aus?

Friedemann Vogel: Bei uns beginnt um 10:00 Uhr das Training im Ballettsaal, da- nach folgen Proben bis zum Abend. Wenn ich in der Vorstellung tanze, sammele und konzentriere ich mich nachmittags, bevor es abends losgeht. Da ich viel gastiere und auf Reisen bin, kommt selten Alltag oder Routine auf. Somit ist jeder Tag aufs Neue eine Überraschung.

Ihr Körper, Fitness und Gesundheit ist ihr Kapital, ein schmaler Grat. Wie gehen Sie damit um, sich nicht verletzten zu dürfen und wie sind sie abgesichert?

Friedemann Vogel: Die Absicherung eines Tänzers ist das tägliche Training, weil wir damit unseren Körper stärken und für Proben und Vorstellungen vorbereiten. Doch bleibt der Beruf des Tänzers natür- lich immer sehr fragil und unvorhersehbar.

Sie werden in diesem Jahr 40 Jahre jung. Wie sind Ihre Planungen und gibt es Ideen für die Zeit nach der
Ensemblezugehörigkeit am Stuttgarter Ballett?

Friedemann Vogel: Gedanken über das Ende mache ich mir nicht – im Tanz geht es mehr um den Moment und die Gegenwart. Als Künstler bin ich immer bereit für Neues und gespannt, was die Zukunft bringt. Doch der Tanz wird immer ein Bestandteil meines Lebens sein – einmal Tänzer, immer Tänzer!

Das Gespräch führte Kai Geiger.