Büro für Augen, Nase, Zunge, Mund, Herz, Hand und Maske (die alles überdeckt), Anna Rossa, 2017 Foto: Britt Schilling © Kunsthaus Kat 18

Das kleine Spiel zwischen dem Ich und dem Mir
Kunst und Choreografie
Eine Kooperation von Kolumba und tanz.köln
bis 16. August 2021

Heinz Breloh, Büro für Augen, Nase, Zunge, Mund, Herz, Hand und Maske (die alles überdeckt), Anne Teresa De Keersmaeker/Rosas, Esther Kläs, Bernhard Leitner, Duane Michals, Richard Tuttle, Hannah Villiger

Dark Red_Kolumba © Anne Van Aerschot 20

"Das kleine Spiel zwischen dem Ich und dem Mir" ist eine Ausstellung mit acht Kapiteln, die sich in einer öffentlichen Aufbauphase fortlaufend erweitert hat. Sie vereint Arbeiten von Künstler_innen, die herkömmliche Körperbilder einer kritischen Revision unterziehen und über den Einsatz ihres eigenen Körpers nach neuen Möglichkeiten der Repräsentation suchen. Die Ausstellung holt die Choreografie und den Tanz von der Bühne weg in den Aktionsraum des Museums, um die unterschiedlichen Ausdrucksmöglichkeiten miteinander in Kontakt zu bringen und übergreifende Fragestellungen erlebbar zu machen: Wie kann man einen Körper wiedergeben? Welche Rolle spielen körperliche Erfahrungen und Erinnerungen in der Wahrnehmung von Welt? Gibt es ein spezifisch körperliches Denken? Welche Spuren eines choreografischen Denkens gibt es in der bildenden Kunst? Welche Rolle spielen dabei aus heutiger Sicht queere Fragestellungen? Wie adressiert und inszeniert ein Kunstwerk sein Gegenüber, den betrachtenden Menschen? Was für eine Rolle spielen institutionelle Regeln und Handlungsanweisungen? Welche Bedeutung hat die gebaute Architektur für die Entfaltung und Erfahrung von Körperlichkeit?

Dark Red — Kolumba
Anne Teresa De Keersmaeker’s Dark Red continues to bring dance into the museum, this time at one of Cologne’s oldest art institutions: the Kolumba (1853), a space, designed by Peter Zumthor, rich in religious aura, given both its modern/Gothic architectural palimpsest and much of its collection. Taking the number twelve as its point of departure, in this cross-pollination one sees—almost miraculously— intersecting the dodecahedron (a geometric solid with twelve pentagonal faces), the twelve volumes of Salvatore Sciarrino’s Opera Per Flauto, thirteen male performers, and El Greco’s painting of the twelve Apostles (ca. 1610–14).

Dark Red_Kolumba © Anne Van Aerschot13.jpg

Zeitlich beginnen die acht Kapitel mit Arbeiten aus den 1970er Jahren, einer Zeit, in der konzeptuelle und institutionskritische Strategien in der Kunst vorherrschend sind und der Körper zunehmend politisiert wird: Den Auftakt machen Heinz Breloh (dessen 80. Geburtstag wir zum Anlass nehmen, sein Werk erstmals in seiner Gesamtheit vorzustellen), Bernhard Leitner, Duane Michals, Richard Tuttle und Hannah Villiger (deren Zitat wir als Ausstellungstitel verwenden). Die Ausstellung spannt den Bogen hin zu jüngsten Arbeiten von Esther Kläs, dem Büro für Augen, Nase, Zunge, Mund, Herz, Hand und Maske (die alles überdeckt) (Nicole Baginski, Tanja Geiß, Patrick Henkel, Eva Kot'átková, Susanne Kümpel, Andreas Maus, Michael Müller, Anna Rossa) und der belgischen Choreografin und Tänzerin Anne Teresa De Keersmaeker. De Keersmaeker entwickelte mit ihrer Compagnie Rosas für die Ausstellung die Arbeit Dark Red, die wir im letzten September als integraler Bestandteil der Aus- stellung zeigen konnten. In Kooperation mit tanz.köln werden bis im August weitere Formate realisiert, die sich zwischen Aufführung und Ausstellung bewegen und das zeitgebundene, momentane der performativen Künste mit den bildenden Künsten in Kontakt bringen. Wie schon oft ist die eigene Sammlung Ausgangs- und Mittelpunkt des Projektes, dessen monografische Setzungen mit mittelalterlichen und barocken Werken korrespondieren.

Kurator_innen:
Barbara von Flüe, Malte Guttek, Hanna Koller, Stefan Kraus, Marc Steinmann, Ulrike Surmann

Mit finanzieller Unterstützung von der Stadt Köln, Pro Helvetia – Schweizer Kulturstiftung und Landis & Gyr Stiftung.

Kapitel 1

stellte mit der belgischen Choreografin Anne Teresa De Keersmaeker (*1960) und ihrer Compagnie Rosas die für den Ort realisierte Arbeit »Dark Red« vor. Über 2600 Besucher_innen konnten die Tänzer während einer Woche täglich von 12 bis 17 Uhr im fast leeren Haus erleben. Zeichnungen zu ihrer Arbeit bleiben über das gesamte Jahr Teil der Ausstellung.

Foto: Hannah Villiger, Arbeit, 1980 C-Print ab Polaroidaufnahme, auf Aluminium (Neuabzug) , Arbeit ,1975, Arbeit, 1976, Arbeit, 1976, s/w Fotografien, Fine Art Prints (Neuabzüge), Park, 1984, C-Print ab Polaroidaufnahme, auf Aluminium (Neuabzug), Tischvitrinen: Hannah Villiger, Tagebücher und Arbeitsmaterialien, Foto: Lothar Schnepf © The Estate of Hannah Villiger

Kapitel 2

fokussiert den amerikanischen Künstler Richard Tuttle (*1941), stellt erstmals eine Gruppe von frühen Zeichnungen vor und aktualisiert wöchentlich seine performative Installation »Ten Kinds of Memory and Memory Itself« von 1973.

Foto: Richard Tuttle, Ten Kinds of Memory and Memory Itself, 1973/2020, Schnur, Studierende am Zentrum für zeitgenössischen Tanz an der Hochschule für Musik und Tanz Köln Foto: Kolumba © Richard Tuttle, Kolumba, Köln

Kapitel 3

bestreitet die Bildhauerin Esther Kläs (*1981), die sich in zwei Räumen u.a. auch mit Werken von Heinz Breloh in ein Verhältnis setzt.

Foto: Hl. Dreifaltigkeit, Süddeutschland (?), 17. Jh. Lindenholz mit Resten alter Fassung, Heinz Breloh, Super 8-Doppelprojektionen, digitalisiert, Foto: Lothar Schnepf © Nachlass Heinz Breloh

Kapitel 4

zeigt den amerikanischen Fotografen Duane Michals (*1932) und rückt seine politischen Bildsequenzen ins Zentrum. Die Arbeit von Duane Michals ist in Europa nirgendwo so gut vertreten wie in unserer Sammlung.

Foto: Duane Michals, I Build a Pyramid, Detail, 1978, Silbergelatine, 6-teilig, © Duane Michals, Kolumba, Köln

Kapitel 5

bringt mit Bernhard Leitners (*1938) »RaumReflexion« ein Hauptwerk der Klangskulptur zur Erfahrung von Körper und Raum und zeigt ergänzend frühe Konzeptzeichnungen des Pioniers für akustische Raumkunst.

Foto: Bernhard Leitner, RaumReflexion, 2010, Ton-Raum-Skulptur, Foto: Kolumba © Bernhard Leitner

Kapitel 6

zeigt die Schweizer Künstlerin Hannah Villiger (1951–1997), die sich bis zu ihrem frühen Tod für ein selbstbewusstes Anders-Sehen des weiblichen Körpers eingesetzt hat. Dank der Zusam- menarbeit mit dem Nachlass können wir ihr Werk als Retrospektive in diesem Umfang in Deutsch- land erstmals vorstellen.

Foto: Hannah Villiger, Rom, 1976, Foto: Trix Wetter © The Estate of Hannah Villiger

Kapitel 7

gibt dem aktualisierten Büro für Augen, Nase, Zunge, Mund, Herz, Hand und Maske (die alles überdeckt), einem Projekt des Kölner Kunsthauses KAT18, einen lebendigen Raum, in dem unsere alltäglichen, durch Routine und Einfallslosigkeit, aber auch durch Einschüchterung gekennzeichneten Handlungen humorvoll befragt werden.

Foto: Heinz Breloh, Die Gefäße meines Körpers, 1982/83, bemalter Gips auf Stahl und Jute, 5-teilig, Hannah Villiger, Skulptural, 1988/89 | Block XXX 1993/94, alle C-Print auf Aluminium (Neuabzug) 2020, Foto: Lothar Schnepf © Nachlass Heinz Breloh, The Estate of Hannah Villiger

Kapitel 8

führt alle monografischen Stränge der Ausstellung zu einer vielgestaltigen Retrospektive des Bildhauers Heinz Breloh (1940–2001) zusammen. Erstmals überhaupt kann auch sein filmisches Frühwerk entdeckt werden.

Foto: Heinz Breloh Der Bildhauer Harald Kreuzberg (Der Tod und das Mädchen), 1995, glasierte Terrakotta, Foto: Lothar Schnepf, Köln © Nachlass Heinz Breloh
Dark Red_Kolumba © Anne Van Aerschot 3