COLOURS
International Dance Festival
Presented by Eric Gauthier
27.6. – 14.7.2019

 

Ballet BC: Mixed Programme (Bedroom Folk, To this day, Solo Echo)

ZUM DRITTEN MAL BUNT

Erstaunlich wirkt die Zahl beim Namen: 3. COLOURS International Dance Festival! Tatsächlich geht dieses weltweit beachtete Festival 2019 erst in seine dritte Ausgabe. Doch schon jetzt ist COLOURS aus dem Veranstaltungskalender der Stadt Stuttgart und der internationalen Tanzszene nicht mehr wegzudenken. Entsprechend liefen bei den Organisatoren im vergangenen Jahr die Drähte heiß, um die ganze Vielfalt des zeitgenössischen Tanzes nach Stuttgart zu holen. Im Vergleich zu den ersten beiden Ausgaben 2015 und 2017 legen die Veranstalter erneut eine Schippe drauf – mit einem noch ambitionierteren Spielplan für das Theaterhaus und mit neuen Formaten für die Stuttgarter City.

Dass sich COLOURS in so kurzer Zeit so hervorragend entwickelt hat, konnte nur gelingen, weil dem Festival von Anfang an starke, überzeugte Partner zur Seite standen: das Theaterhaus Stuttgart als Produzent, die öffentlichen Geldgeber von Stadt und Land und die Unterstützer aus der Wirtschaft, allen voran die Mercedes-Benz Bank als Hauptsponsor. Ihr Einsatz für die Zukunft ist aufgegangen. Stuttgart darf sich während der bewegten COLOURS-Wochen als Tanzhauptstadt Europas fühlen. Zahlreiche Folge-Aufführungen der COLOURS-Koproduktionen sorgen außerdem dafür, dass das Festival auch nach seinem offiziellen Abschluss weiterhin international wirkt. 

Tero Saarinen Company/Tero Saarinen & Kimmo Pohjonen: Breath

ZUM DRITTEN MAL INTENSIV

Künstlerische Doppelspitze, Power hoch zwei: Während Kurator Meinrad Huber hauptsächlich die Produktionen im Festivalzentrum Theaterhaus verantwortet, knüpft Eric Gauthier immer engere Bande zur Stuttgarter Einwohnerschaft. Schließlich verfolgt der kommunikative COLOURS-Erfinder seit langem und beharrlich seine Mission, alle Menschen

für den Tanz zu begeistern – nicht nur das ohnehin kulturaffine Publikum. Auf diese Weise schafft COLOURS, was den wenigsten Festivals gelingt: ein Bühnenprogramm erster Güte zu verbinden mit offenen, unaufdringlichen und fröhlichen Mittanz-Angeboten für alle. Bezieht man die Auftakt-Veranstaltungen ab dem 21. Juni 2019 mit ein, erstrahlt Stuttgart durch COLOURS 2019 dreieinhalb Wochen lang in allen Farben des Tanzes.

Im Theaterhaus zu sehen sind 20 ausgesuchte Produktionen, darunter die abendfüllenden Uraufführungen Outwitting the Devil von Akram Khan und Watch von Bryan Arias, beide als COLOURS-Koproduktionen. Mit dabei sind ferner mehrere kurze Neukreationen für Gauthier Dance im Meet the Talents-Format, vier Europa-Premieren und sechs deutsche Erstaufführungen.

A.I.M by Kyle Abraham: Mixed Programme (Drive, The Quiet Dance, Show Pony, Strict Love)

ZUM DRITTEN MAL SUBSTANTIELL

Die Kunst der Aneignung: Der zeitgenössische Tanz hat von jeher die unterschiedlichsten Stile und Bewegungssprachen aus- probiert, adaptiert und weiterentwickelt. COLOURS hat sich das Ziel gesetzt, in dieser enorm großen Szene relevante Positionen aufzuspüren und in Stuttgart zu präsentieren. Das Line-up 2019 vereint einmal mehr aufregende Ästhetik, virtuose Technik und starke choreographische Statements.

ZUM DRITTEN MAL CITYWEIT

Wie immer wird der Countdown zu COLOURS gebührend zelebriert. Denn Stuttgart soll bereits im Tanzfieber sein, bevor am 27. Juni der Vorhang zur Premiere von Classy Classics hochgeht. Neben den bekannten und beliebten Formaten COLOURS in the City und Eric Gauthiers XXL-Workshop wird erstmals der COLOURS Playground die Vorfreude aufs Festival mit anheizen. Und auch nach der offiziellen Eröffnung im Theaterhaus geht es weiter mit groß angelegten Aktionen in der City – die meisten davon übrigens bei freiem Eintritt! Schließlich begreift sich COLOURS nicht nur als Festival für Theaterbesucher, sondern als Festival für die ganze Stadt.

Meinrad Huber | Huber 201, Foto © Maks Richter

Fragen an Meinrad Huber
Künstlerischer Leiter von COLOURS im Team mit Eric Gauthier

Was erwartet die Besucher beim diesjährigen dritten COLOURS International Dance Festival?

Meinrad Huber: Den Besucher erwartet ein breites Spektrum des zeitgenössischen Tanzes, es geht von Hip- Hop, Modern Dance, Neo-Klassik, Pantsula Tanz, Tanztheater, über Tanzakrobatik zu zeitgenössischem modernen Tanz. Darüber hinaus gibt es mehrere Angebote selbst zu tanzen wie zum Beispiel auf dem Playground, einem offenen Tanzstudio auf dem Schloßplatz.

Sie haben sich das Ziel gesetzt relevante tänzerische Positionen aufzuspüren und in Stuttgart zu präsentieren. Was verstehen Sie unter relevante Positionen, und wie und wo spüren Sie Ihre Tanzcompagnien auf?

Meinrad Huber: Es werden einige „Klassiker“ wie zum Beispiel Classy Classics von Gauthier Dance, mit Choreographien von Forsythe, Gauthier, Goecke und Naharin, May B von Maguy Marin oder Marie Chouinard mit einem Zusammenschnitt ihres 40-jährigen Schaffens zu sehen sein. Daneben finden Sie Neukreationen von Akram Khan und Bryan Arias oder eine Reihe spezieller Projekte, wie Folia von Mourad Merzouki mit virtuosen Hip-Hop Tänzern im Zusammenspiel mit einem Barockorchester oder En Masse von Circa, einer zu klassischer Musik choreographierter Akrobatik Aufführung. Ich bin relativ viel unterwegs, besuche Festivals, Konferenzen und Tanzplattformen dabei entdecke ich regelmäßig neue Gruppen, treffe Künstler und Kollegen und wir sprechen über neue Projekte und Produktionen.

Gauthier Dance//Dance Company Theaterhaus Stuttgart: Classy Classics

Wie weit öffnen sich Ihre Synapsen auf der Spurensuche? Was muss ein Stück mit Ihnen machen, nach welchen Kriterien stellen Sie das Programm für COLOURS zusammen?

Meinrad Huber: Das Festival hat den programmatischen Titel COLOURS, wir wollen möglichst viele Richtungen und Strömungen des Tanzes präsentieren. Deshalb kommt ein weites Spekt- rum für unser Programm in Frage. Die einzelnen Produktionen müssen mich inhaltlich, emotional und tänzerisch ansprechen und überzeugen, natürlich kommen auch pragmatische Entscheidungen zum Tragen – ist sie für uns finanziell und technisch realisierbar.

COLOURS sieht sich als Festival für die ganze Stadt? Was verbirgt sich dahinter?

Meinrad Huber: Die Vorstellungen finden nicht nur im Theaterhaus auf dem Pragsattel, sondern in der gesamten Stadt statt, darunter befinden sich viele Termine für jedermann – bei freiem Eintritt kommt das Publikum in den Genuss von Tanzproduktionen und kann selbst tänzerisch aktiv werden. So findet seit dem ersten Jahr die Eröffnungsveranstaltung auf dem Stuttgarter Marktplatz statt, weitere Veranstaltungen finden oder fanden auf dem Schloßplatz, in der Königsstraße, im Zoo und in der Stadtbibliothek statt.

Stephen Shropshire: We Are Nowhere Else But Here

Ein Programmpunkt heißt „Tanzen mit Tieren“ in der Stuttgarter Wilhelma. Wie muss ich mir das vorstellen?

Meinrad Huber: Bei COLOURS 2017 kam es zum ersten Kids Day in der Wilhelma; zu diesem Anlass wurden zu verschiedenen Tieren spezielle Choreographien erarbeitet und die Musik dazu komponiert und dann von den Gauthier Tänzer*innen am Kids Day im Zoo getanzt und mit den Kindern einstudiert. Bei COLOURS 2019 wird dieses Prinzip ausgeweitet, dieses Jahr nenne wir diesen Tag Family Day. Zu jedem Tänzer-Paar kommt ein Kind, sprich ein junges Tier hinzu, um die "Tierfamilie" zu komplettieren. Diese Kinder erlernen die Choreographie bereits im voraus, um diese Tänze mit den Tänzer*innen am Family Day im Zoo gemeinsam mit den Besuchern zu tanzen und zu erlernen.

Welchen Effekt hatte und hat COLOURS für Gauthier Dance, der internationalen Tanzcompagnie des Theaterhauses Stuttgart?

Meinrad Huber: Gauthier Dance ist jeweils ein wichtiger Teil des Festivals und während des Festivals kommen noch mehr nationale und internationale Veranstalter ins Theaterhaus Stuttgart und somit kann sich die Company einem größeren Kreis präsentieren. Die Tänzer*innen von Gauthier Dance haben durch das Festival die Möglich- keit andere Ensembles und Produkti- onen zu sehen (den Horizont erweitern). Gauthier Dance gastiert viel auf anderen Festivals, aber dann besteht diese Möglichkeit meist nicht, da sie in der Regel selbst auf der Bühne stehen. Ein weiterer Vorteil ist der Austausch und die gemeinsame Zeit mit Tänzer*innen anderer Ensembles.

Roberto Castello/ALDES: In girum imus nocte et consumimur ign

Wie steht es um das Projekt Tanzhaus Stuttgart?

Meinrad Huber: Das Projekt Ergänzungsbau ist immer noch in der Projektphase, solche Projekte dauern in der Planung in der Regel etwas länger.

Unsere Ausgabe trägt den Namen JOHN mit der Assoziation JOHN Cranko. Wie wichtig war und ist John Cranko für Stuttgart und in wie weit hat er auch Sie in Ihrer Leidenschaft für Tanz geprägt?

Meinrad Huber: John Cranko und das Stuttgarter Ballett sind und waren für Stuttgart, die Region und weit darüber hinaus enorm wichtig und stilprägend. Meine Leidenschaft für den Tanz hat er aber nicht beeinflusst.

Das Gespräch führte Kai Geiger.
Eric Gauthier | Gauthier 201, Foto © Maks Richter

Wir sprachen mit dem Theaterhausleiter Werner Schretzmeier und Eric Gauthier, dem Leiter der Gauthier Dance//Dance Company Theaterhaus Stuttgart anlässlich COLOURS 2017. Interview erschien in der Ausgabe CARL Arttourist.com 1/2017.

15 Jahre Pragsattel, 30 Jahre Internationale Theaterhaus Jazztage, 10 Jahre Gauthier Dance, 2. COLOURS International Dance Festival. Hat das Jubiläumsjahr gut begonnen? Wie fühlen Sie sich?

ERIC GAUTHIER: Seitdem im September 2016 die Proben für unsere Geburtstagsproduktion BIG FAT TEN begonnen haben, hat sich bei mir mehr und mehr ein Jubiläums-Feeling aufgebaut. Jetzt zu Beginn des Jahres kreieren mehrere Choreographen parallel im Ballettsaal. Es brummt gerade nur so. Wobei uns 2017 mit dem zweiten COLOURS-Festival ja in der Tat eine weitere große Veranstaltung ins Haus steht, die mein Team und mich sehr beschäftigt. Das bedeutet natürlich viel Arbeit – aber es ist gleichzeitig eine enorme Motivation. Wir sind alle sooo gespannt auf die kommenden Monate.

Wie entstand die Idee zum Theaterhaus?

WERNER SCHRETZMEIER: Nachdem 1982 das Veranstaltungszelt der Manufaktur Schorndorf, deren Gründer ich bin, auf dem Stuttgarter Karlsplatz zwischen September und Dezember 35000 Besucher verzeichnete, war klar, dass Stuttgart einen kulturellen Ort braucht, in dem die unterschiedlichsten kulturellen Bedürfnisse unter einem Dach zu finden sind.

Wer waren die Initiatoren?

WERNER SCHRETZMEIER: Werner Schretzmeier, Gudrun Schretzmeier, Peter Grohmann

TSCHICK © Regina Brocke
Foto © Helmuth Scham ww.schampus.com

Was waren Ihre Ideale, die Zielsetzung und was ist davon geblieben?

WERNER SCHRETZMEIER: Kultur für alle. Niedere Schwellen. Günstige Eintrittspreise. Unprätentiös. Einladend durch Freundlichkeit. Seine politische Haltung nicht verstecken. Auf jeden Fall kein Gemeindehaus werden, in dem sich die immer gleichen treffen. Die drei Gründer haben sich in die Hand versprochen, dass wenn es ein Gemeindehaus werden würde, die Unternehmung gescheitert wäre. Es wurde nie zum Gemeindehaus. Es blieb bis heute eine kunterbunte Mischung aus „Thirty-Somethings“ und „Greyhounds“, aus Bankkauffrau und Architektin. Im Prinzip haben sich weder Ideale noch Zielsetzung verschoben. Der Wert von Realismus hat in den Jahren zugenommen.

Welche Widerstände gab es und ab wann waren Sie in Stuttgart angekommen und etabliert?

WERNER SCHRETZMEIER: Widerstände gab es von Beginn an, denn Neues erzeugt wohl in diesem Land erst mal Unsicherheit. Und diese ist gefährlich. Das Fördern von neuen Ideen bzw. neuen Orten wird nach wie vor von Misstrauen bestimmt. Und je erfolgreicher dann doch gearbeitet wird, je suspekter wird der Erfolg wahrgenommen. Dieses Land hat Angst vor dem Risiko. Auch heute noch begleitet uns dieses Misstrauen vonseiten der Kulturpolitik. Dagegen ist das Vertrauen der vielen Besucherinnen und Besucher stets am Wachsen und macht uns letztendlich stark.

Gab es Momente des Scheiterns, wo Sie alles hinschmeißen wollten?

WERNER SCHRETZMEIER: Die Momente des Scheiterns gab es in den 32 Jahren nie. Die Momente voller Frust wegen des zähen Fortgangs der finanziellen Hilfe durch Stadt und Land sind aber immer wieder spürbar und manchmal schmerzlich, weil Sisyphos einem als erfolgreicher Mann vorkommt und das Syndrom des ewigen zweiten Platzes die Motivation ganz stark beeinträchtigt. Aber hinschmeißen – nie!!

NIJINSKI Francesca Ciaffoni © Regina Brocke

Was macht den Erfolg des Theaterhaus Stuttgart aus?

WERNER SCHRETZMEIER: Der Programmmix aus sogenannter Hochkultur und Breitenkultur. Dass Comedy neben Literatur angeboten wird, dass die Popmusik und der Jazz nebeneinander stehen, dass Theater und Tanz als unterhaltendes Element gesehen werden und deshalb großen Zuspruch haben. Aber auch die hochmotivierte und stets freundliche Belegschaft des Hauses trägt viel dazu bei, dass die vielen Besucherinnen und Besuchers sich stets willkommen fühlen.

Wieviel Subkultur und Basisdemokratie lebt noch im Theaterhaus Stuttgart?

WERNER SCHRETZMEIER: Subkultur ist ein sehr dehnbarer Begriff. Und kann auch als Behauptung daherkommen. Subkulturell könnte sein, dass wir nach wie vor ein hausinternes Entlohnungssystem haben, also keine Tarifgehälter, dass wir ein selbstbestimmtes Arbeitssystem haben, das den verschiedenen Abteilungen eine Art Selbstverwaltung einräumt, dass wir auch 2017 großen Wert auf soziale Eintrittspreise legen und dass weiterhin im Haus direkte Kommunikation Vorrang vor digitaler hat.

Mit einem Konzert des United Jazz & Rock Ensemble wurde das Theaterhaus Stuttgart Wangen 1984 eröffnet? Dieses Jahr feiern Sie 30. Internationalen Theaterhaus Jazztage. Ist der Jazz der rote Faden, der Rhythmus des Hauses?

WERNER SCHRETZMEIER: Die Musik von „UNITED“ könnte der rote musikalische Faden des Hauses sein. Jazz und Rock oder Jazz und Tanz oder Jazz und Literatur, so wie bei den 30. Internationalen Theaterhaus Jazztagen. Im Jazz schlummert so viel Unterschiedliches und genau diese Vielfalt ist unsere Maxime

© Theaterhaus Stuttgart

Was erwartet die Besucher anlässlich der Jubiläumsausgabe?

WERNER SCHRETZMEIER: Ein sehr gutes, sehr differenziertes und sehr ereignisreiches Festival. Neben wunderbaren Konzerten eben der Tanz, die Literatur, der Film.

1990 haben Sie ein festes Schauspielensemble gegründet und am Haus etabliert.Wie kam es dazu?

WERNER SCHRETZMEIER: 1989 war das Jahr der Gründung eines festen Schauspielensembles. Meine Überlegung war kein konventionelles Ensemble zusammen zu stellen, sondern den Versuch zu starten mit Schauspielerinnen und Schauspielern die keinen deutschen Pass haben, aber trotzdem schon lange in Deutschland leben, die Arbeit aufzunehmen. Der Jugoslawienkrieg, die Zusammenarbeit mit der Akademie Schloß Solitude waren Grundlagen zum Internationalen Theaterhaus Schauspielensemble. Der Jugoslawienkrieg, weil viele junge künstlerisch ausgebildete Frauen und Männer nach Deutschland flohen.

Wie wichtig waren / sind dabei die long play Eigenproduktionen wie Dirty Dishes?

WERNER SCHRETZMEIER: Die lang laufenden Schauspielproduktionen sind ein Unikat des Theaterhauses. Gewohnt ist man lang laufende Produktionen vom Musiktheater (Musical). In den Spielplänen der deutschen Theater kommt das nicht vor. Animiert hat mich auch die Tatsache, dass „Arsen und Spitzenhäubchen“ am Broadway in New York 1400 Vorstellungen verzeichnete. Tatsache bleibt aber, dass Produktionen wie „Was heißt hier Liebe“ (seit 1989 im Repertoire des Theaterhauses) und „Dirty Dishes“ (seit 1995 im Repertoire) bei stetiger Aktualisierung nie ihre Qualität und Faszination verlieren. Klar, diese Produktionen müssen gepflegt werden.

Infinity plank© Theaterhaus Stuttgart

Und dann ist Eric Gauthier Werner Schretzmeier begegnet. Wie kam es dazu?

ERIC GAUTHIER: Noch in meiner Zeit als Tänzer beim Stuttgarter Ballett bin ich mit meiner Band im Theaterhaus aufgetreten – und lernte dort natürlich Werner Schretzmeier kennen. Ich habe gleich gemerkt, wie viel Respekt er vor der Arbeit von uns Tänzern hat. Diese Wertschätzung kam absolut rüber und hat mich natürlich sehr für ihn eingenommen.

Stand die Idee einer eigenen Tanzcompagnie gleich im Raum?

ERIC GAUTHIER: Der Weg dorthin war bei Werner und mir sicherlich unterschiedlich – aber zum Glück so, dass wir beide zur gleichen Schlussfolgerung gelangt sind: Stuttgart braucht eine Tanzcompagnie im Theaterhaus! Werner hatte ja schon ein paar Jahre zuvor von einem Tanzensemble geträumt, in der Phase als Ismael Ivo am Theaterhaus einige aufsehenerregende Produktionen herausbrachte. Dieser Plan hat sich ja leider zerschlagen. Aber natürlich hatte Werner eine solche Company- Gründung schon mal für sich und das Haus durchgespielt. Ich selbst habe parallel Claudia Bauer und Meinrad Huber von ecotopia dance productions bestürmt, eine der wichtigsten Tanzagenturen in Europa, die von jeher viel mit dem Theaterhaus zusammengearbeitet haben. Die beiden haben sich irgendwann auf mich Verrückten eingelassen. Und heute machen sie unser ganzes Tourmanagement und spielen auch bei COLOURS eine wichtige Rolle: Claudia leitet die Organisation, Meinrad ist unser Programmchef.

Wie kann man sich ein eigenes Schauspielensemble und eine eigene Tanzcompagnie leisten?

WERNER SCHRETZMEIER: Wir sind das einzige Privattheater in Europa das sich zwei festangestellte Ensembles leistet. Wir wollen das so, weil wir auch fachlich in der Lage sind, Eigenproduktionen herzustellen und damit Erfolg zu haben. Darüber hinaus sind eigene künstlerische Beiträge für das Sozialgebilde Theaterhaus das wichtigste Motiv. Identität entsteht über das „Eigene“ – intern und auch für die emotionale Bindung unseres Publikums zum Theaterhaus. Wir müssen im Schnitt jährlich 900 Vorstellungen beziehungsweise Veranstaltungen machen, damit die Rechnung aufgeht. Davon sind 300 aus eigener Hand und 600 als Gastspiele, die wiederum so viel generieren müssen, dass damit die 300 vom Theaterhaus hergestellten Vorstellungen finanziert werden können. 2/3 finanzieren 1/3 des Programms! Unser Entertainmentangebot hat eine klare Funktion: Es trägt wesentlich dazu bei, dass das Theaterhaus sich zwei Ensembles leisten kann.

Dieses Jahr feiern Sie 10 Jahre Gauthier Dance? Wie fühlt sich das an und wie feiern Sie dieses Jubiläum?

ERIC GAUTHIER: Es fühlt sich natürlich ganz wunderbar an. Als wir die Company gegründet haben, wurden ja auch skeptische Stimmen laut, die uns maximal fünf Jahre geben wollten. Dass wir die erste Dekade geschafft haben, macht mich wirklich stolz. Das Jubiläum feiern wir mit unserer Geburtstagsproduktion BIG FAT TEN, ein gemischtes Programm mit Werken von sieben Star-Choreographen, darunter fünf Uraufführungen. An den Start gehen Alejandro Cerrudo, Itzik Galili, Johan Inger, Andonis Foniadakis, Nacho Duato, Marie Chouinard und ich selbst. Und natürlich wird es bei der Premiere am 1. März viele Specials und Überraschungen für das Publikum geben.

Was ist in Stuttgart besonders, was es wo anders nicht gibt?

ERIC GAUTHIER: Das ist einfach zu beantworten: das Publikum! Ich glaube, es gibt weltweit kaum eine andere Stadt mit so begeisterungsfähigen, aber auch tanzerfahrenen Zuschauern. Das ist natürlich die große und prägende Tradition des Stuttgarter Balletts, die uns da zugutekommt. Genau wegen der starken Stellung des Balletts bieten wir mit Gauthier Dance und der zeitgenössischeren Ausrichtung aber auch eine ideale Ergänzung. Beim Stuttgarter Publikum haben wir anscheinend eine echte Liebe zum modernen Tanz entfacht. Das hat uns auch das erste COLOURS-Festival 2015 ge- zeigt. Das Programm war ebenso hochkarätig wie anspruchsvoll – aber die Leute haben es geliebt. Diese Aufgeschlossenheit ist typisch für Stuttgart. Aber es gibt noch eine andere Besonderheit: Die Unternehmen im Raum Stuttgart fördern und unterstützen die Kultur in wirklich außergewöhnlichem Maß. Ohne diese Sponsoren gäbe es weder Gauthier Dance noch COLOURS.

Goecke NIJINSKI Garazi Perez Oloriz © Regina Brocke
NIJINSKI Anneleen Dedroog © Regina Brocke

Neben ihren regulären Auftritten und Gastspielen haben Sie das Gauthier Dance Mobil entwickelt. Was hat es damit auf sich?

ERIC GAUTHIER: Das Konzept ist einfach: Wir bringen den Tanz zu den Menschen, die selbst nicht ins Theater kommen können – zum Beispiel Seniorenheime, Einrichtungen für behinderte Menschen, Krankenhäuser oder Jugendzentren. Für unser Gauthier Dance Mobil haben wir ein etwa 45-minütiges Programm entwickelt, das wir auch auf kleinem Raum spielen können. Wir demonstrieren den Ablauf eines typischen Tags: morgens Training, danach Proben und abends die Aufführung – da zeigen wir kurze Auszüge aus aktuellen Produktionen. Hinterher kann man noch Fragen stellen und mit uns ins Gespräch kommen. Wir machen das ehrenamtlich und verzichten auf Gage – und bekommen ganz viel Dankbarkeit und Motivation zurück von unserem Mobil-Publikum.

Mit dem COLOURS International Dance Festival 2015 haben sie die Tanzwelt weit über die Grenzen Stuttgart hinaus aufhorchen lassen und haben das Publikum begeistert. Was war gut, was bleibt, was ist neu in 2017?

ERIC GAUTHIER: Es war wirklich erstaunlich, wie COLOURS schon bei seiner ersten Ausgabe wirklich zum Leben erwacht ist. Das Publikum hat unser Programmauswahl vertraut und kam in Scharen. 2017 werden wir noch mehr Aktivitäten in der Stadt haben als beim letzten Mal. Ähnlich wie mit dem Gauthier Dance Mobil wollen wir die Menschen erreichen, die von sich aus nicht ins Theater gehen. Mit einem Kids Day in der Wilhelma, dem Stuttgarter Zoo, sprechen wir zum ersten Mal auch ein ganz junges Publikum an. Außerdem haben wir das Programm noch einmal ausgeweitet und differenziert. In der kleinsten Theaterhaus-Halle T4 mit 100 Plätzen zeigen wir experimentellere und Genreübergreifende Produktionen. Die sind übrigens schon alle ausverkauft!

Und zum Zehnjährigen kommt die Tanzhalle?

ERIC GAUTHIER: Na ja – das Zehnjährige ist dieses Jahr. So schnell werden wir wohl keine neue Tanzhalle bekommen. Aber es schaut sehr hoffnungsvoll aus. Die Stadt steht hinter uns. Die Tanzhalle finde ich auch deshalb so wichtig, weil sie ja nicht nur für Gauthier Dance gebaut wird, sondern in einer zweiten Halle auch der freien Szene endlich eine eigene Spielstätte verschaffen würde. Wir können uns allen nur die Daumen drücken, dass wir bald endgültig Gewissheit haben.

Herr Schretzmeier. Sie sind jugendliche 70+. Das Theaterhaus ist Ihr Lebenswerk! Wovon träumen Sie?

WERNER SCHRETZMEIER: Ich träume von einem Theaterhaus, das vom Land und von der Stadt so viel Unterstützung bekommt, dass dieses Haus auch mal einen eigenen Programmetat hat oder anders ausgedrückt: Würde das Haus statt augenblicklich 25% in der Zukunft 40% erhalten und müsste „nur“ 60% selbst erwirtschaften (jetzt 75%), wären die Möglichkeiten den Menschen dieser Stadt, dieser Region ein noch besseres Angebot zu machen, endlich da. Das haben die jährlich 300000 Besucher genauso verdient, wie die 100 die im Theaterhaus die Arbeit machen.

DAS GESPRÄCH FÜHRTE KAI GEIGER.

TSCHICK © Regina Brocke