Max Pechstein, Tänzerin im Spiegel, 1923, Privatbesitz, Foto: Karen Bartsch © 2019 Pechstein-Hamburg/Tökendorf | © VG Bild-Kunst, Bonn 2019

Tübingen

TANZ!
MAX PECHSTEIN
Bühne. Parket, Manege
30.11.2019 - 15.3.2020

„...so ein Körper gibt doch mehr Anregung, als eine Landschaft es zu tun vermag,...“
Max Pechstein 1908

Der Tanz erlebt Anfang des 20. Jahrhundert eine ungeahnte Blüte. Als sinnliche Gegenkraft und unmittelbares Ausdrucksmedium inspiriert er die Kunst und das kulturelle Leben. Unter den Expressionisten war es vor allem auch Max Pechstein (1881-1955), der den Tanz als Inbegriff von Bewegung und in- dividuellem Ausdruck zum wichtigen Sujet erhob. Das Thema des Tanzes durchzieht das Werk des Brücke-Künstlers, der selbst leidenschaftlich getanzt hat, wie einen roten Faden. In Kooperation mit den Kunstsammlungen Zwickau wendet sich das Ausstellungsprojekt erstmals der Bedeutung des Tanzes im Werk des bedeutenden Expressionisten zu. Tanz, Varieté und Zirkusdarstellungen, in denen Bewegung und Unterhaltungskultur verschmelzen, werden erstmals genauer in den Blick genommen und auf ihre stilistische und inhaltliche Funktion im Werk von Max Pechstein befragt. Ausgehend von den expressionistischen Tanzdarstellungen, über die exotischen rituellen Tänze aus Palau, die Darstellungen der Gesellschaftstänze der Goldenen 1920er Jahre, die Pechstein in Berlin erlebte, bis zu den Erinnerungen an Palau in seinem Spätwerk werden rund 70 Arbeiten in Form einer chronologisch-thematischen Präsentation vorgestellt.

Ergänzt werden diese darüber hinaus in der Tübingener Präsentation mit ausgewählten Tanzdarstellungen anderer Expressionisten sowie kulturhistorischen Exponaten. So werden die Werke mit Fotografien, Filmen und historischen Kostümen in Dialog gebracht, um die Faszination des Expressionisten Max Pechstein für die Unterhaltungs- und Tanzkultur zu Beginn des 20. Jahrhunderts im Crossover der Medien zu veranschaulichen.

Ein Ausstellungsprojekt in Kooperation mit den Kunstsammlungen Zwickau,
Max Pechstein Museum

Dr. Nicole Fritz | © Sebastian Gollnow/dpa

INTERVIEW
Wir sprachen mit Frau Dr. Nicole Fritz,Direktorin der Kunsthalle Tübingen

Woher kam die Faszination von Max Pechstein für den Tanz?
Da gibt es sicherlich mehrere Beweggründe. Einmal einen rein künstlerischen. „So ein Körper“, hat Pechstein einmal gesagt, „gibt doch mehr Anregung als eine Landschaft es zu tun vermag“. So wird schon in seinem Frühwerk deutlich, dass er das akademische Studium der menschlichen Figur und deren klassische Posen ablehnte. Ihn interessierte das Leben selbst in Bewegung einzufangen und da war insbesondere der bewegte Körper eine willkommene Herausforderung. Mit anderen Brücke-Künstlern traf sich Pechstein regelmäßig zum Aktzeichnen, um das lebende Modell in den sogenannten „Viertelstundenakten“ innerhalb von 15 Minuten auf Papier zu bannen. Tanz, Zirkus und Varieté boten ihm ausgezeich- nete Möglichkeiten, den bewegten Körper mitten im Leben als visuelles Erlebnis zu studieren. Nicht zuletzt wird er auch von seinen Nachkommen, die mit uns zusammen mit dem Pechstein Museum in Zwickau die Ausstellung vorbereiten, als lebenslustig und gesellig beschrieben. Er war wohl selbst ein begnadeter Tänzer und liebte es, sich für Kostümbälle zu verkleiden.

Pechstein war Zeit seines Lebens begeistert vom Tanz – Ein Enthusiasmus, den er mit vielen Zeitgenossen gerade in Deutschland teilte.

Ja, wir zeigen in der Ausstellung, dass nicht nur Pechstein sondern viele andere Künstlerinnen und Künstler zu Beginn des letzten Jahrhunderts auch vom Tanz fasziniert waren. Das hatte mit der Le- bensreformbewegung zu tun, unter deren Einfluss sich ein neues Körperbild und Körperverständnis her- ausbildete. „Zurück zu Leib und Leben“ war die Devise, die Friedrich Nietzsche herausgab und man hat den Eindruck, wenn man die vielen Tanzdarstellungen sieht, dass eine ganze Generation in Bewegung war. Im Zuge dieses neuen natürlichen Körperkults lehnte die junge Generation den klassischen Tanz und die künstlichen Posen des Balletts ab. Viele Künstlerinnen und Künstler interessierten sich für die modernen Formen des Tanzes, wie beispielsweise den Ausdruckstanz, der authentische und eigen- schöpferische Bewegungen entwickelte. Diese neuen Tanzformen waren Sinnbild des modernen Lebens und Ausdruck eines neuen Körpergefühls. Tanz war für sie nicht zuletzt im wahrsten Sinne des Wortes eine Möglichkeit, sich von dem Korsett der wilhelminischen Moralvorstellungen zu befreien.

Fotos: Besucher in der Kunsthalle Tübingen | © Ulrich Metz

Welche Bedeutung haben diese Werke im Oeuvre von Max Pechstein?

Max Pechstein stellte wie die anderen Brücke-Künstler den Körper ins Zentrum und sprach ihm eine zentrale Rolle bei der Erkenntnis von Welt zu. Es überrascht deshalb nicht, dass die Körperdarstellungen sein Werk wie einen roten Faden durchziehen: Ausgehend von den expressionistischen Tanzdarstellungen, über die exotischen rituellen Tänze, die er bei seinem Aufenthalt in Palau studierte, bis zu den Gesellschaftstänzen, Varieté und Zirkusdarstellungen, die in seinem Werk bis in die späten 1950er Jahre zu finden sind.

Seit Ihrem Antritt in der Kunsthalle Tübingen im Januar 2018 präsentiert sich die Kunsthalle Tübingen frischer, offener und lädt mit erstklassigen Ausstellung aber auch mit vielen Aktivitäten zum Besuch ein. Wie wichtig sind Ihnen die begleitenden Veranstaltungen, wie z.B. Speed Dating mit der Kunst, Kunsthalle für Anfänger, Kunsthalle für Unternehmen oder das öffentliche Tableau vivant-Stellen mit dem Publikum?

Die Vermittlung ist mir überaus wichtig. Und zwar deshalb, weil ich an die Kraft der Kunst, die ja eine nonverbale ist und die Menschen zunächst emotional anspricht, glaube. Gerade heute hat vor allem auch die Bildende Kunst und das Museum das Potential, die Menschen vor Ort zusammenzu- bringen und die Kommunikation anzuregen. Es ist eine Leidenschaft von mir, hierfür neue Formate für die verschiedensten Zielgruppen zu entwickeln, um die Menschen auf Augenhöhe einzubinden und für die Kunst und die Künstler zu begeistern. Deshalb ist es mir eine Freude, das Publikum immer wieder auch persönlich durch die Ausstellungen zu führen.

Und was steht für Tanz! Max Pechstein auf dem Programm? Darf auch getanzt werden?

Sie sagen es, auch für Max Pechstein entwickelt eine junge Choreografin seit einigen Monaten eigens für die Ausstellung eine spezielle interaktive Führung, bei der das Publikum die Werke in erster Linie über den Körper und die eigene Bewegung erforschen wird. Man kann aber auch einfach nur die historischen Tanzszenen von Mary Wigman und Josephine Baker, die wir als Video zeigen, visuell genießen.

Das Gespräch führte Kai Geiger.

 

NICOLE FRITZ ist seit 2018 Direktorin und alleiniger Vorstand der Stiftung Kunsthalle Tübingen. 2011–2018 Direktorin des Kunstmuseums Ravensburg, das von der Internationalen Kunst-kritikervereinigung AICA zum Museum des Jahres 2015 ernannt wurde. Studium der Kunstgeschichte und der EmpirischenKulturwissenschaft in Tübingen, 2002 Promotion. 2002–2004 wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Staatlichen Kunsthalle Baden-Baden, 2008–2010 freie Ausstellungsmacherin
u. a. für die Städtische Galerie Ravensburg und das Cobra Museum in Amstelveen, Niederlande. 2010–2011 Kuratorin an der Kunsthalle in Krems, Österreich. Seit 2007 Lehraufträge u. a. ander Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart, an der Hochschule für Bildende Künste Saar in Saarbrücken und der Reinwardt Academie in Amsterdam. Zahlreiche Veröffentli- chungen zur Kunst des 20. und 21. Jahrhunderts.

Nicole Fritz ist Mitglied verschiedener Jurys und Gremien u.a.Großer Staatspreis für Bildende Kunst Baden-Württemberg; Stipendium der Deutschen Akademie Rom Villa Massimo; Innovationsfonds Kunst des Ministeriums für Wissenschaft, Forschung und Kunst des Landes Baden-Württemberg etc.