Prof. Bernd Kracke © B3 Biennale

Interview mit Prof. Bernd Kracke, Initiator und Leiter der B3 Biennale des bewegten Bildes

 

Wie definiert sich „bewegtes Bild“

Prof. Bernd Kracke: In unserem konkreten Fall, das heißt im B3 Kontext, definiert sich das bewegte Bild tatsächlich sprichwörtlich und inkludiert alle kreativ, respektive künstlerisch schaffenden Bewegtbildbereiche. Das bedeutet, dass wir Werke und Projekte aus Film, TV, Kunst, Design und Games bis hin zur virtuellen Realität und KI gleichwertig behandeln und eine von uns kuratierte Auswahl aus diesen unterschiedlichen Bereichen präsentieren. Natürlich ist die Basis der von der B3 präsentierten Inhalte das sogenannte STORYTELLING im Kontext zeitbasierter Medien, das dann wiederum in der technischen Umsetzung in bewegten Bildern, die wiederum auf verschiedenen Trägermedien präsentiert werden, resultiert.

Sind bewegte Bilder Kunst oder Kommerz?

Prof. Bernd Kracke: Das liegt im Auge des Betrachters, würde ich sagen und kann sicherlich beides sein. Per Definitionem wird der Kunst jegliche Freiheit des Ausdrucks erlaubt, dies gilt natürlich auch im Hinblick auf die Wahl des genutzten Mediums. Werke von Jonas Mekas, Laurie Andersen oder auch Cindy Sherman sind Kunst, das ist allgemeiner Konsens. Kinofilme können sowohl die künstlerische Seite als auch die kommerzielle bedienen. Ich denke da an Werke von Victor Fleming, Billy Wilder über Rainer Werner Fassbinder bis hin zu David Lynch, Aki Kaurismäki oder Sofia Coppola (um nur einige zu nennen). Die Trennung zwischen Kunst und Kommerz ist eine fließende und sollte vorsichtig behandelt werden, da vieles, was einst als eher kommerziell bewertet wurde, heute in den allgemein gültigen Kunst- und Kulturkanon eingeflossen ist. MYST, eines der ersten großen und erfolgreichsten Computerspiele (1993) weltweit, ist inzwischen Teil einer neuen Design-Dauerausstellung des MoMa in NYC (in den Philip Johnson Galleries). Oder die TERMINATOR Filme, ehemals klassische Action Blockbuster sind heute vielstudierte Werke an Universitäten und gelten als stilprägend innerhalb sämtlicher Bewegtbildbranchen. Sie sehen, bewegte Bilder können immer beides sein.

Holger Volland, Gründer von THE ARTS+, Lars Klingbeil, SPD Generalsekretär und Prof. Bernd Kracke B3 © B3 Biennale

Waren virtuell und digital arbeitende Künstler:innen in einem pandemischen Vorteil, da ihre meisten Plattformen und Präsentationsorte, abgesehen von den klassischen Kinos, nicht Corona bedingt geschlossen waren, und das Internet noch mehr genutzt, noch mehr an Bedeutung gewonnen hat?

Prof. Bernd Kracke: Das ist sicher so. Dabei ist das Internet ja schon lange Kunstraum und Präsentationsort, denkt man z.B. an die zeitgenössische Medienkunst. Aber nicht nur für Künstler_innen, auch für Festivals wie die B3 hat Covid-19 Folgen gehabt. Die Verlegung ins Virtuelle hat die Teilnahme viel mehr Menschen aus der ganzen Welt ermöglicht, also neue Formen der Teilhabe sowohl für die Kunstschaffenden aber auch für Besucher_innen, die sich weltweit zuschalten und für kurze Zeit sogar eine Community bilden können. Aber, spannende digitale Formate können das analoge Kunsterlebnis, das Bedürfnis nach Kontakt und Begegnung letztlich nicht ersetzen. Sie können neue Zielgruppen erreichen und neue Präsentationsformen kreieren. Ich glaube: Die richtige Mischung aus analog und digital macht am Ende den Erfolg aus.

Immersive Art, Bewegtes Bild und Augmented Reality sind Begrifflichkeiten, die immer mehr an Bedeutung in der Kunst gewinnen. Und dieses Jahr ist jetzt von Kryptokunst auf der B3 die Rede. Helfen Sie uns mit einer Erklärung?

Das ist ja eine relative junge Entwicklung auf dem Kunstmarkt. Noch ist nicht ganz klar, ob das ein kurzfristiger Hype oder langfristiger Trend wird. Einfach ausgedrückt, kann man durch Technologie digitale Kunstwerke als Originale kennzeichnen und auch damit handeln. Möglich machen das NFTs (Non fungible tokens). Mit diesen Markierungen wird wie mit einem digitalen Fingerabdruck eine Datei als authentisches Unikat zertifiziert. Zwar kann dieses noch immer kopiert werden, das Recht am Original hat aber nur der Besitzer. Gekauft werden NFTs mit Kryptowährungen und gespeichert wird als Datensatz auf der Blockchain, quasi einem virtuellen Register.

Angela Dorn, Hessische Staatsministerin für Wissenschaft und Kunst © B3 Biennale

Seit März befragen Sie im Web Video Cast „B3 in depth“ Akteur:innen aus verschiedenen Kreativ- und Kulturbranchen. Mit welcher Intention, und was für Erkenntnisse haben sich daraus für Sie persönlich und für Ihre Arbeit, die Planungen der B3 ergeben?

Prof. Bernd Kracke: Uns ging es darum, mit Künstler_innen und Macher_innen von bewegten Bildern darüber zu sprechen, was sie derzeit umtreibt und wie sie ihre Zukunft und die ihrer Branchen innerhalb unseres Gesellschaftsgefüges sehen. Das war auch ein Zusatznutzen für unsere weltweites B3-Publikum zwischen den Veranstaltungen. Wir haben dadurch auch viele Impulse für unsere aktuelle Programmgestaltung bekommen.

B3 Talent Forum hat mit der Hessen Film und Medien GmbH das HessenLab ausgeschrieben? Was ist das HessenLab und welche Idee verfolgt das Lab?

Prof. Bernd Kracke: Das „B3 Talent Forum“ ist ein neues Format. Hier startet zum einen das HessenLab mit einem Trainings- und Mentoring-Programm für 20 ausgewählte internationale Young Professionals, das wir in enger Kooperation mit der HessenFilm und Medien GmbH umsetzen. Zum anderen setzen wir die Initiative HAB-Hessen auf, ein hochschulübergreifendes Abschlussförderprogramm für Studierende hessischer Hochschulen in Kunst, Film- und Medienstudiengängen der Kunsthochschule Kassel, der Hochschule für Gestaltung Offenbach, der Hochschule Rhein Main und der Hochschule Darmstadt, die im Netzwerk der hessischen Film- und Medienakademie (hFMA) kooperieren. In beiden Fällen liegen die Schwerpunkte auf dem Aufbau internationaler Netzwerke, der Anbahnung von Ko-Produktionen und der künstlerischen Reflexion der Projektideen.

© B3 Biennale

20 internationale Young Professionals wurden inzwischen von einer Fachjury ausgewählt. Was erwartet die „Gewinner:innen“ und welche Bühne ermöglichen Sie den jungen Menschen in Kontakt mit potentiellen Kunden und Partnern zu kommen?

Prof. Bernd Kracke: Die internationalen Kreativ-Talente werden im Rahmen eines Online-Mentoring-Programms ein eigenes Projekt im Anfangsstadium im Austausch mit Expertinnen und Experten und den anderen Teilnehmern und Teilnehmerinnen weiterentwickeln. Die renommierten Mentor_Innen kommen dabei aus den audiovisuellen Kreativbranchen. International etablierte Förderer, Finanziers und Professionals aus den Medien- und Kreativbranchen gestalten das Konferenz-Programm. Das Ziel ist es, die jungen Künstler_innen und Medienschaffende bei der Vernetzung und der Erschließung internationaler Märkte zu unterstützen.

Wann ist die Zeit reif für eine permanente, museale Präsentation, ein Museum für das bewegte Bild, so wie es von den Gedanken der Biennale heraus inhaltlich besetzt ist, zu etablieren, so wie es für die Lichtkunst das Zentrum für internationale Lichtkunst in Unna gibt?

Prof. Bernd Kracke: Bewegtbildkunst ist längst Bestandteil vieler Museen für moderne Kunst, für Film und Medien. Gleichzeitig präsentieren Festivals wie die B3 immer wieder neue Entwicklungen. So ist für eine breite Präsenz in der Öffentlichkeit gesorgt.

v.l.n.r. Angela Dorn Hessische Staatsministerin für Wissenschaft und Kunst, Prof. Bernd Kracke B3 und Holger Volland, Gründer von THE ARTS+ © B3 Biennale

2013 haben Sie die „B3 – Biennale des bewegten Bildes“ initiiert. Wie ist die Idee entstanden, was waren Ihre Beweggründe?

Prof. Bernd Kracke: Der Ansatz war, alle Facetten der bewegten Bilder in Produktion, Distribution und Rezeption abzubilden. Das Veranstaltungsformat verbindet Film, Fernsehen, Kommunikation, Games, Design, Wissenschaft, Kunst und Kultur in einer „Allianz des bewegten Bildes“. Institutionen und Personen aus der nationalen und internationalen Kultur- und Kreativbranche präsentieren, diskutieren und vernetzen sich. Heute sagen wir: „Die B3 ist ein Festival und eine Plattform für das bewegte Bild: die B3 manifestiert den Status Quo und zeigt Perspektiven auf für Innovationen und zukünftige Entwicklungen im Bereich zeitbasierter Medien und im Storytelling. Wissenschaftlicher Diskurs und professioneller Austausch zwischen den Kreativbranchen in Hessen sowie national und international sind zentrale Elemente für die hohe Qualität der B3.

Seit 2019 ist B3 Partner und Teil der Frankfurter Buchmesse im Bereich THE ARTS+. Wie kam es dazu, was waren ihre Erwartungen und wurden diese erfüllt?

Prof. Bernd Kracke: Nach Abschluss der Veranstaltung hat es die Hessenschau wunderbar auf den Punkt formuliert: „Buchmesse wird zum multimedialen Gesamtpaket“! Ganz wesentlich dazu beigetragen haben Teilnehmer und Künstler der B3, die im Rahmen der Kooperation mit dem THE ART+-Festival neue Technologien und damit verbunden neue Sicht- und Erzählweisen eingebracht haben. Bewegte Bilder, virtuelle Realität, KI und digitale Kunst haben erstmals einen angemessenen Raum auf der Messe eingenommen und eine enorme Akzeptanz beim Publikum gefunden. 147.000 Messegäste besuchten das innovative Areal in der Halle 4.1, fast 4.000 Besucherinnen und Besucher nahmen an den Konferenzen, Networking-Events und Workshops von THE ARTS+ und B3 teil. Das ist für eine Premiere dieser Art mehr als bemerkenswert und macht Lust auf mehr. Ich darf an dieser Stelle Angela Dorn, Hessische Ministerin für Wissenschaft und Kunst zitieren, die gesagt hat: „Besucherinteresse und Medienresonanz zeigen ganz deutlich: Die Kooperation zwischen B3 und THE ARTS+ hat die Erwartungen mehr als erfüllt. Das Experiment hat sich gelohnt. Hier wächst ein internationales Spitzenevent in Frankfurt, von dem wichtige Impulse ausgehen für die Zukunft von Kultur und Kreativwirtschat. Genreübergreifend und mit den nötigen Grenzüberschreitungen.“

Immersive Stage, THE ARTS, Buchmesse Frankfurt © B3 Biennale

Steht das bewegte Bild der Literatur und der Buchmesse näher als ein Standort Basel und der Drehscheibe der Internationalen Kunst mit der weltweit führenden Kunstmesse Art Basel, zahlreichen Satellitenmessen und dem renommierten Haus der Elektronischen Künste (HEK)?

Prof. Bernd Kracke: Zunächst finden wir am gleichen Standort statt, dem Film- und Medienland Hessen. Dann hat sich die Buchmesse längst über ihre einst engen Branchengrenzen hinaus zu einer internationalen Medienmesse entwickelt. Außerdem besteht seit jeher eine enge Verbindung zwischen Büchern und dem Bewegten Bild. Das Storytelling ist ein essentielles Bindeglied und Bücher sind immer wieder die Grundlage für filmische Umsetzungen. Im Kontext der Buchmesse findet zudem das Kreativfestival THE ARTSts+ statt, das sich vor dem Hintergrund der Digitalisierung um vielfältige Formen von Inhalten: Ideen, Konzepte, Texte und Bilder aus allen Kreativsektoren, wie Film/TV, Musik oder Games kümmert. Auch hier finden wir viele Anknüpfungspunkte.

Nach REALITIES (2019) und TRUTHS (2020), ist „IDENTITY“ in diesem Jahr das Leitthema. Realität-Wahrheit-Identität, ein inhaltlicher Zusammenhang und jeweilige Konsequenz oder sind die Themen singulär zu betrachten? Welchen Fokus setzt das Leitthema, um was geht es bei „IDENTITÄT“?

Prof. Bernd Kracke: Nein, der Auswahl wohnt schon eine Logik inne. Und ja, natürlich hängen sie voneinander ab, bauen aufeinander auf. Es geht um Selbstvergewisserung in konfusen Zeiten, den Clash of Cultures, das Leben in oder zwischen verschiedenen Kulturen, Kampf um Diversität etc. Das Streben nach Identität ist einer der wichtigsten Motoren unseres Handelns. Identität gibt uns Sicherheit und das Gefühl von Zugehörigkeit. Identität hat viele Aspekte und scheint heute gesellschaftlich wichtiger zu sein denn je. 2021 wird die B3 diese verschiedenen Facetten beleuchten und hinterfragen