Gregor Huebner, Foto © Holger Keifel

INTERVIEW
Wir sprachen mit Gregor Huebner

Was fasziniert Sie an der latein- amerikanischen Musik?

Es ist die rhythmische Vielfalt speziell in der afrokubanischen und afroperuanischen Musik.In der Welt der Batá in der afrokubanischen Volksmusik, die speziell in den Santería-Zeremonien zum Einsatz kommt, findet man ein ganzes Universum an verschiedenen rhythmischen Pattern. Das ist für jeden Komponisten eine Herausforderung und für ein Studium ein endlicher Fundus.

Ihre musikalischen Wurzeln liegen in der osteuropäischen Volksmusik, der Folklore, der Musik der Roma. Gibt es hier Parallelen bzw. war das eine gute „Grundausbildung“ für das Erfühlen der lateinamerikanischen Musik und deren Rhythmen?

Die Violine spielt eine große Rolle speziell im Tango, aber auch in der kubanischen Charanga-Tradition. Und selbst in den religiösen Zeremonien der Santería. Was mich speziell an meine eigene Herkunft erinnert, ist der Sound der Violine im Tango. Er ist sehr verwandt mit dem Sound der osteuropäischen Volksmusik und der Roma-Tradition. Was wahrscheinlich auch an den Moll-Tonarten und der melancholischen Melodieführung liegt. Aber auch die Leichtigkeit der Rhythmen, die in einer Charanga-Band gespielt werden, erinnert an Ensembles wie Taraf de Haïdouks aus Rumänien, wo die Violine oft auch als Rhythmus-Instrument benutzt wird. Über die Einwanderung nach Südamerika kamen auch Roma-Musiker nach Argentinien und beeinflussten wie auch in ganz Europa die Musik des jeweiligen Landes.

Johnny Almendra, Raul Jaurena und Klaus Mueller waren wichtige Musiker für Sie in der Begegnung, dem Entdecken der lateinamerikanischen Musik. Wer prägte und beeinflusste Sie wie?

Johnny Almendra war der erste, der mich gleich am Anfang, als ich 1994 nach New York kam, in seine Band Jovens del Barrio aufnahm. Diese Band spielte jeden Mittwoch im Gonzales y Gonzales und hatte drei Violinisten. Ich war am Anfang mit Regina Carter und Rob Thomas auf der Bühne, was sehr aufregend war. In dieser Band habe ich ungefähr fünf Jahre gespielt und es gab immer wieder Momente, wo großartige Musiker wie Graciela, El Negro, Celia Cruz oder sogar Ray Barretto mit auf der Bühne standen. Durch meinen Aufenthalt in Kuba und die Zusammenarbeit mit Jerome Goldschmidt, der ebenfalls in Johnnys Band spielte, kam ich dann mit den Batá-Trommeln in Berührung und bin seitdem davon inspiriert und begeistert.

Ähnlich ging es mir dann kurz später mit dem Tango. Ich lernte Raúl Jaurena, den großen Bandoneonisten aus Uruguay, kennen. Er war wenige Jahre vor mir aus Venzuela in die USA eingewandert und spielte Milongas in den Tango-Clubs von New York.

Als mein Bruder Veit und ich ihn fragten, ob er nach Deutschland kommen wolle und mit unserem damaligen Quartett Tango Five Aufnahmen für eine CD machen würde, war er sofort dabei und eröffnete uns die Welt des Tangos, die wir aus unserer europäischen Sicht zu dieser Zeit nicht kannten. Danach spielte ich in seinem Quintett unter anderem auf der Open-Air-Bühne der Hollywood Bowl und im Opernhaus von Cleveland. Als Tango Five durften wir mit ihm gemeinsam 1998 zu den Tango Festivals nach Buenos Aires und Montevideo reisen. Raul war unser Mentor und wir vermissen ihn sehr. Als das Projekt El Violin Latino 2010 anfing, wollte ich noch Brasilien als drittes Land und weitere Kultur mit dazu nehmen, da es mich immer schon faszinierte und ich es erforschen wollte. Klaus Mueller, mit dem ich gleichzeitig in Stuttgart studierte und der später auch nach New York kam, war mit der brasilianischen Kultur aufgewachsen und ist fest in der brasilianischen Szene in New York verankert. Durch ihn und durch seinen Drummer, den berühmten Portinho, kam ich auch hier in den Vorzug, mit großartigen Musikern zusammenzuarbeiten.

Wie kam es zur Gründung von El Violin Latino und welche Rolle spielte dabei die kubanische Poetin Mappy Torres?

Mappy Torres war eine kleine, sehr energische kubanische Dichterin, die in New York, wie man heute sagen würde, eine Art Influencerin für die lateinamerikanische Szene war. Gleich bei der ersten Begegnung im Nuyorican Poets Cafe im East Vil- lage, in der über die Musik gedichtet wurde, lief sie während meines Solos um mich herum und sprach ebenfalls improvisatorisch über die „El Violin Latino“. So kam ich auf die Idee, lange bevor ich dieses Projekt entwickelte. Sie war auch gleichzeitig die Managerin der großen Sängerin Graziella und voller Überraschungen. Als ich einmal ihr Büro bei der Kirche, in der sie arbeitete, besuchte, hing an der Wand ein Bild von ihr Arm in Arm mit Che Guevara und Fidel Castro. Wir hatten noch viele Pläne, aber leider hat uns Mappy schon vor einigen Jahren verlassen.

Beim CLASSICAL BEAT Festival präsentieren Sie mit El Violin Latino das Programm „Los Sonadores“. Was erwartet die Besu- cher:innen des Konzerts?

Das Publikum erwartet ein Programm, in dem verschiedene Stile aus Südamerika – kubanisch, brasilianisch und argentinisch – zur Aufführung gelangen und mit Eigenkompositionen, beeinflusst von diesen Stilen, vermischt werden.

Sie greifen immer wieder politische Themen auf, die in Ihre Kompositionen einfließen, wie zuletzt für Ihr Piano-Soloprojekt und auf der ak- tuellen El-Violin-Latino-Vol.-3-CD mit dem Titel „Los Soñadores/ Dreamers“, einem Bekenntnis zu den sogenannten Dreamers, nicht dokumentierten Kinder von Immigranten in den USA mit unsiche- rem Aufenthaltsstatus. Wie kann, wie muss Musik politische Themen transportieren? Wird das gehört?

„Los Soñadores“ ist der Titel meiner neuesten CD und bedeutet auf Eng- lisch „The Dreamers“. In den USA werden Menschen, die als Kleinkinder illegal in die USA ein- gewandert, aber komplett in der USA und im US-amerikanischen Schulsystem aufgewachsen sind, als Dreamers bezeichnet.

Obama wollte sie durch Zusicherung der Einbürgerung vor der Abschiebung schützen, Trump nahm dieses Gesetz zurück. Dadurch wurden bis zu einer Million Jugendliche, die im College oder in der High School waren, völlig verunsichert. Sie mussten täglich Angst haben, abgeschoben zu werden. Für diese Dreamers habe ich die Komposition „Los Soñadores“ geschrieben. Dazu gibt es auch ein großartiges Video von Richie Briñez.

Ich denke, jeder Mensch sollte politisch denken und handeln. Ich kann und muss meine politische Einstellung am besten durch meine Musik zum Ausdruck bringen und tue es immer mehr. Die Welt ist aus den Fugen geraten und solche Momente wie die Wahl von Trump in den USA oder der Krieg jetzt in der Ukraine sind sehr bedrückend. Es hilft mir auch psychisch, solche Momente musikalisch zu verarbeiten.

Am zweiten Abend begeben Sie sich zusammen mit dem jungen Komponisten Ilja Ruf mit der Cubana Classica auf eine musikalische Reise „Von Lübeck nach Havanna“. Sie präsentieren an diesem Abend ein äußerst seltenes Solo-Orchester- werk für Congas, das sie vor einigen Jahren für Ihren Freund Jerome Goldschmidt geschrieben haben. Wie kamen Sie darauf?

Ich arbeite schon sehr lange mit Jerome Goldschmidt zusammen. Jerome ist ein klassisch ausgebildeter Perkus- sionist, der sich früh für kubanische Musik, den Ciongas und den Bartas interessierte und sich bei seinen Aufenthalten in Cuba und Afrika intensiv damit auseinandersetzte. Er spielte dann in New York mit Größen wie Tito Puente und Oscar Hernández zu- sammen und ist bei den Santería-Zeremonien in New York ein gefragter Batá-Spieler. Mit einem solchen Solisten zusammenzuarbeiten, der geschriebene Musik lesen kann, aber auch mit der Materie der afrokubanischen Musik verbunden ist, ist ideal für einen Komponisten. Für mich sind die Congas schon lange ein Instrument, das in der neuen Klassik vernachlässigt ist. Somit kam ich auf die Idee, ein Conga-Con- certo zu schreiben, das wir schon mit einigen Orchestern wie dem Stuttgarter Kammerorchester oder der Jenaer Philharmonie und in Luxemburg zur Aufführung brachten.

Der Einzug der Conga als reguläres Orchesterinstrument erfolgte zuerst in Lateinamerika und der Karibik. Welchen Stand hat die Conga bei uns?

Da ist leider noch einiges zu tun. Ich glaube, durch die Negierung von Rhythmik und Groove in der „Neuen Musik“ speziell in Deutschland über lange Zeit, gab es keinen Platz für Instrumente wie die Congas, die auf jeden Fall sehr Groove-orientiert sind. Durch neue Tendenzen in der „Contemporary Classical Music“ – für mich der beste Begriff für aktuelle Musik – werden Groove und Rhythmik wichtiger und das gesamte Instrumentarium der Perkussion ist noch lange nicht vollständig kompositorisch ausgeschöpft und deswegen auch so interessant für Komponisten. Die Congas sind da nur ein Instrument, das bis jetzt negiert wurde.

Sie stehen u. a. mit dem Sirius Quartet aus New York, das eher dem Jazz, der Neuen Musik und der Klassik verschrieben ist, auf der Bühne. Wie haben Sie Ihre Musikerkollegen für die lateinamerikanische Musik gewonnen?

Zu der Zeit, als ich mich sehr mit lateinamerikanischer Musik befasste, gab es auch das Sirius Quartet schon und einige meiner Kompositionen in diesem Stil sind auch für das Sirius Quartet geschrieben. Zum Beispiel die „Cuban Impressions“, die zur Aufführung kommen werden, sind für Streichquartett, Streichorchester und Percussion geschrieben und auf dem Label Neuklang unter „Racing Mind – New Music for Strings by Gregor Huebner“ veröffentlicht.

Das Schöne beim Sirius Quartet ist, dass wir alle komponieren und jeder von uns geht durch bestimmte Phasen. Im Moment sind wir sehr politisch geworden, was auch die jetzige Zeit widerspiegelt. Wenn ich heute „Cuban Impressions“ anhöre, fühle ich die Leichtigkeit der Zeit, in der dieses Stück entstanden ist, was aber auch die lateinamerikanische Musik ausmacht.

Kompositorisch stehen Sie momentan ganz woanders. Das haben Sie mir in einem Vorgespräch erzählt. Wo stehen Sie und wie hat oder wird es zukünftig die Musik von El Violin Latino beeinflussen?

Im Moment bin ich mit sehr unterschiedlichen Kompositionsprojekten beschäftigt. Ich schreibe ein Art Kinderoper für die Deutsche Oper am Rhein, die im September Premiere hat, und habe einen Auftrag für das Blechbläserensemble Tetra Brass in München.

Auch die politische Situation treibt mich immer wieder an, neue Stücke wie mein siebtes Streichquartett mit dem Titel „Rage“ zu schreiben.

In der Coronazeit habe ich mich wieder mit dem Klavier beschäftigt und eine Solo-Klavierplatte mit 14 Preludes bei „Solo Musica“ veröffentlicht, auf die ich sehr stolz bin. Für El Violin Latino ist eine neue Produktion geplant, diesmal mit dem Fokus auf Brasilien. Und dabei gibt es politisch einiges, um es in Kompositionen wie bei Los Sonadores zu verarbeiten. Aber vor allem möchte ich noch mit dem legendären Drummer Portinho, mit Klaus Mueller und Itaiguara Brandão zusammen eine CD aufnehmen. Vielleicht auch unter Einbezug der wunderbaren Sängerin Maucha Adnet.

Ein Blick von Travemünde nach New York und München, wo im Herbst das nächste Progressive Chamber Music Festival statt- findet und das Sie zusammen mit dem Musiker und Komponisten Gerd Baumann einst in München initiiert haben. Was ist Progressive Chamber Music und was passiert in den Tagen im Milla Club in München?

Das Progressive Chamber Music Festival in New York und München präsentiert Kammermusik des 21. Jahrhunderts und sprengt die Grenzen zwischen Kammermusik, Jazz, Avantgarde, Folklore, Pop, Hiphop und anderen Genres zeitgenössischer Musik. Es lässt die verschiedenen Stile und klanglichen Richtungen auf oftmals überraschende und kongeniale Weise miteinander verschmelzen. Ursprünglich vom Sirius Quartet initiiert findet das Progressive Chamber Music Festival zum sechsten Mal in New York (14./15. Oktober) und zum vierten Mal in München (10./11. November) statt. Im Milla Club werden wie jedes Jahr an zwei Tagen jeweils drei verschiedene Ensembles auftreten. Unter anderem sind dabei das Sirius Quartet, Joo Kraus, Saitenfalter, Tetra Brass, das Paranormal String Quartet und wie immer zum Abschluss das Munich Composers Collective.

Das Gespräch führte Kai Geiger.