Ambrose Akinmusire © Pierrick Guidou

Hamburg

Immer überraschend, schon mal aus Prinzip
Jazz in Elbphilharmonie & Laeiszhalle Hamburg
in der Konzertsaison 2019/20

Jazzclubs liegen von Haus aus gern in der Tiefe des Raumes. Weit unten, im Keller. Das ist auch in Hamburg so. Die Stadt hat mit dem Birdland oder dem Mojo Club angesehene Läden, die deutlich unter Normalnull liegen. Die schönste und neueste Jazz-Location der Stadt aber erhebt sich 110 Meter hoch über dem Meeresspiegel in den Himmel. Sie heißt Elbphilharmonie und ist gerade das heißeste Konzerthaus des Planeten. In der Elbphilharmonie gibt es einen Großen Saal, da passen 2100 Leute rein. Und einen Kleinen Saal. Der fasst rund 540 Zuschauer. Und dann gibt es noch ein drittes Schmuckstück von einem Raum für ungefähr 600 Leute, der liegt viereinhalb Treppen hoch überm Gorch-Fock-Wall: den Kleinen Saal der Laeiszhalle. In diesen drei Sälen rollt die HamburgMusik für alle Fans und Liebhaber der improvisierten Musik auch in der kommenden Saison wie- der einen wunderbar vielfarbigen Teppich aus neuen Klängen und Ideen aus.

Fred Hersch Trio © John Abbott

Fünf Konzerte im „Elbphilharmonie Sommer“

Schon im August 2019, während des „Elbphilharmonie Sommers“, laufen im Großen Saal der Elbphilharmonie drei Jazzkonzerte und zwei Filmvorführungen, zu denen live Jazz gespielt wird. Den Anfang macht der Saxofonist Charles Lloyd, einer der letzten wunderbaren Grand old men des Jazz. In seiner Band spielen mit Julian Lage und Marvin Sewell gleich zwei aufregende und aufregend unterschiedliche Gitarristen (7.8.2019). Zwei Tage später improvisiert Antonio Sánchez, der 2014 allein auf dem Schlagzeug die Filmmusik zu „Birdman“ von Alejandro González Iñárritu einspielte, zu eben diesem Film (9.8.2019). Tags darauf begleitet das Brussels Jazz Orchestra Stummfilme aus den USA (10.8.2019). Der israelische Pianist Yaron Herman kehrt nach seinem großen Erfolg im März 2018 mit seinem Trio in die Elbphilharmonie zurück (28.8.2019). Und der Saxofonist Joshua Redman improvisiert mit dem Kornettisten Ron Miles, Scott Colley (Bass) und Dave King (Drums) über die Musik, die er im vergangenen Jahr auf dem Album „Still Dreaming“ veröffentlicht hat (29.8.2019).

Jazz at the Phil

Der Große Saal der Elbphilharmonie ist auch der Schauplatz der Reihe „Jazz at the Phil“. Hier gibt die Pianistin Hiromi mit ihrem fantastischen Hochenergie-Spiel ihr Solodebüt in Hamburg (12.11.2019). Brad Mehldau (12.3.2020) und Chick Corea (27.3.2020) treten im Abstand von gut zwei Wochen mit ihren grandios besetzten Trios auf. Und auch zwei groß besetzte Ensembles locken die Fans: Wynton Marsalis bringt sein Jazz at Lincoln Center Orchestra an die Elbe, eine unfassbar ausgeschlafene Bigband (12.2.2020). Wolfgang Muthspiel, kosmopolitischer Gitarrist mit österreichischen Wurzeln, hat ein Large Ensemble um sich geschart, zu dem 15 Musiker zählen, darunter ein Streichquartett. Top-Solist ist der charismatische Trompeter Ambrose Akinmusire. Die Band spielt Muthspiel-Kompositionen in Arrangements von Guillermo Klein (4.10.2019)

Wynton Marsalis © Clay McBride

Führende Jazz-Musikerinnen und der Sound aus New York

Drei Bandleaderinnen, deren Projekte jeweils in enger Beziehung mit New York stehen, bringen ihre Musik auf die Bühne des Kleinen Saales der Elbphilharmonie. Im Herbst tritt dort die Gitarristin Mary Halvorson mit Code Girl auf. Die Band vereint zwei Bläser, Bass und Schlagzeug mit der fulminanten Stimme der indisch-amerikanischen Sängerin Amirtha Kidambi und natürlich mit Halvorsons nie um eine überraschende Wendung verlegenen Gitarrenspiel (15.10.2019). Die polnisch-deut- sche Saxofonistin Angelika Niescier, ein Ideenreaktor erster Güte, stellt ihr Trio mit Chris Tor- dini (Bass) und Gerald Cleaver (Schlagzeug) vor (31.1.2020), und die Schweizer Pianistin Sylvie Courvoisier liefert mit ihrem langjährigen Trio mit Drew Gress (Bass) und Kenny Wollesen (Schlagzeug) lauter Lehrstücke über die Frei- heit, nicht nur in der Musik (22.3.2020).

Die Königsklasse des Jazz: Klaviertrios

Als die Pianistin und Komponistin Carla Bley in den 60er-Jahren Jazz zu spielen begann, war sie damit als Frau noch ziemlich allein auf weiter Flur. Das ist heute ganz anders. Zu welchen Schönheiten Carla Bleys Musik mittlerweile gereift ist, lässt sich beim Eröffnungskonzert der Reihe „Jazz Piano“ im Kleinen Saal der Laeiszhalle erleben, das sie mit ihrem grandiosen Trio mit Andy Sheppard (Saxofon) und Steve Swallow (Bass) gibt (30.9.2019). Auch die fünf weiteren Konzerte der Jazz-Piano-Reihe werden von Klaviertrios bestritten. Fred Hersch, ein Stilist am Klavier, dem man zudem ein aller- bestes Händchen bei der Auswahl seiner mu- sikalischen Partner nachsagt, kommt mit John Hébert (Bass) und Eric McPherson (Schlagzeug) (28.10.2019). Shai Maestro zählt zu den vielen tollen Musikern aus Israel, die seit einiger Zeit dem Jazz lauter frische und unkonventionelle Impulse geben. Er spielt mit Jorge Roeder (Bass) und Ofri Nehemya (Schlagzeug) (20.11.2019). Die Berlinerin Julia Kadel, ein aufs schönste unberechenbarer Freigeist, gastiert mit Kalle Enkelmann (Bass) und Steffen Roth (Schlag- zeug) (27.1.2020). Und ein britisches Wunder an Flexibilität und Erfindungsreichtum am Kla- vier namens Django Bates ist mit seinem Trio Belovèd zu erleben (mit Petter Eldh, Bass, und Peter Bruun, Schlagzeug) (6.3.2020).

Anthony Braxton in town

Der Saxofonist Anthony Braxton, einer der Heroen des Avantgarde-Jazz, nimmt im Juni 2020 am Symposion „50+ Years of Creative Music: Anthony Braxton – Komponist, Multiinstrumentalist, Musiktheoretiker“ der Universität Hamburg teil. Am zweiten Kon- gresstag musiziert er in Begleitung der Harfe- nistin Jacqueline Kerrod im Kleinen Saal der Elbphilharmonie (19.6.2020). Braxtons Musik steckt voller unerhörter Klänge und musikalischer Vorgänge und löst auf ihre Art die schöne, zeitlos gültige Definition ein, die der amerikanische Autor Whitney Balliett einst dem Jazz gab: „It’s the sound of surprise“.