Laurenz Bogen und Michael Paping | © Michael Schrodt, mschrodt.de

JAZZGIPFEL
KONSTANZ„Bundesliga im Jazz“

Von allen Seiten und aus allen Ecken ertönen Trompeten, Saxofone, Posaunen, Tuba, Schlagwerk ... Es herrscht ein aufgeregtes Gewusel in den Gängen des Ellenrieder Gymnasiums. Es ist wieder Jazzgipfel-Zeit. Schüler aus den vier Konstanzer Gymnasien, dem Ellenrieder-Gymnasium, dem Humboldt-Gymnasium, der Geschwister-Scholl-Schule und dem Suso-Gymnasium haben Probe. Das Beste ist gefragt. Der diesjährige Künstlerische Leiter, der Jazzpianist und Jazzprofessor der Hochschule für Musik Freiburg, fordert: „Jetzt müsst ihr mal richtig kommen, dass man auch in der letzten Reihe ein gutes Gefühl hat.“ Es sind noch zwei Wochen bis zum Konzert, bis zum Jazzgipfel.

Workshop Jazzgipfel 2019 © Roland Baumgärtner

2005 von Martin Kneer, Musiklehrer am Humboldt-Gymnasium, ins Leben gerufen, seit 2006 vom Jazzclub Konstanz unterstützt, ist der Jazzgipfel ein einmaliges Format in Deutschland. Bestandteil sind die Jazzbands der Schulen, die nach Alter und Können gemischt zusammen proben und auf den Jazzgipfel, dem großen Konzert, mit Leidenschaft und Freude hinarbeiten. Der Jazzclub Konstanz unterstützt, in dem es jährlich einen bekannten Jazzmusiker als Workshopleiter engagiert. Der Dozent bringt Musik ein, die von ihm selbst geschrieben und arrangiert wird. „Mit einem renommierten Jazzmusiker zu proben und gemeinsam zu spielen vermittelt den Mitwirkenden immer ein hohes Maß an Authentizität und Professionalität“, so Martin Kneer. Der Jazzclub möchte sich mit seinem Engagement gegen die „Vergreisung“ der Jazzszene stellen, und die Schülerinnen und Schüler sowie die staunenden, begeisterten und stolzen Eltern für den Jazz begeistern und so auch ein Stück der eigenen Jazzclub-Zukunft sichern.

Ralf Schmid ist gebürtiger Konstanzer, war Schüler des Humboldt-Gymnasiums und im Schulorchester des Ellenrieder-Gymnasiums. Doch zu seiner Zeit gab es so was wie den Jazzgipfel noch nicht. Er ist in seinem Element. Als Hochschullehrer in allen pädagogischen Tricks bewandert, motiviert und stachelt er die jungen Musikerinnen und Musiker zu Höchstleistungen an: „Mehr groovig als romantisch“, „ Um den 170er Schlag pro Minute zu erreichen, müsst ihr auf 178 üben“, „Blast noch weicher, leicht fliegen wie ein Silberfaden“, ruf er in den Raum, hört zu, lächelt, wird ernst, ermahnt, schreitet ein, stoppt die Probe und: „Rücksichtslos nochmals alles durchspielen!“. Und immer wieder singt er mit einem „Badubadubadu“ den Rhythmus vor und mit. Die Mühen und langen Proben werden sich für die Schüler, die begleitenden Musiklehrer, den Dozenten und das Publikum gelohnt haben. Am Ende stand wie in den Jahren davor ein fulminantes, begeisterndes Konzert. Zwei Mal volles Haus. Ralf Schmid steht vorne, geplättet und begeistert von der hohen Qualität, dem Kön- nen und dem Spaß „seiner Musiker“ und der hervorragenden Arbeit in den Schulen. Und dann kommt es: „Ich kenne die Situationen in den Schulen in Freiburg ganz gut. Aber das hier! Ich bin nur froh, dass Freiburg im Fußball in der Bundesliga spielt. Denn das hier in Konstanz ist Bundesliga im Jazz.“

Wir sprachen mit Ralf Schmid, der Musiklehrerin des Ellenrieder-Gymnsiums, Enikö Driller, und den beiden Schülern Laurenz Bogen und Michael Paping, die in diesem Jahr Abitur machen.

Michael Paping | © Michael Schrodt, mschrodt.de

Wir sprachen mit den beiden Schülern LAURENZ BOGEN UND MICHAEL PAPING

Wie war der Jazzgipfel?

Laurenz Bogen: Der Jazzgipfel war dieses Jahr unter anderem wegen des neuen Veranstaltungsortes wie eine neue Veranstaltung für mich. Es war aber auch dieses Jahr wieder eine runde Sache, die mir und hoffentlich auch allen anderen viel Freude bereitet hat.

Michael Paping: Für mich ist der Jazzgipfel immer ein musikalisches Highlight. Er wird durch die unterschiedlichen Special Guests und die verschiedenen Stücke natürlich jedes Mal anders. Dieses Mal hat vor allem das Zusammenspiel mit Ralf Schmidt bei einem unserer Stücke Spaß gemacht und auch die gemeinsamen Auftritte in der schulübergreifenden Band waren sehr cool.

Was habt ihr aus dem Jazzgipfel und den Jazzgipfeln der letzten Jahre für euch mitgenommen?

Michael Paping: Dass es extrem viel Spaß macht, in der, im Vergleich zu anderen Konzerten, relativ lockeren Atmosphäre mit anderen Leuten zusammenzuspielen. Außerdem habe ich sehr viel verschiedene Musik gespielt, auch in sehr unterschiedlichen Besetzungen. Außerdem fand ich es schön zu sehen, wie sich aus zuerst unbekannten Stücken immer mehr herauskristallisiert hat, was geil an ihnen ist und wie sie grooven.

Laurenz Bogen: Einiges. Zuerst einmal ist es sehr hilfreich, mit den professionellen „Special Guests“ zu arbeiten und in Kontakt zu kommen. So bewerbe ich mich zum Beispiel momentan für ein Studium bei Johannes Lauer, der vor zwei Jahren Dozent war, in Leipzig. Da wurde mir die Kontaktaufnahme auf jeden Fall deutlich erleichtert, auch wenn die Musikwelt generell eine sehr kleine ist. Man lernt natürlich bei den Jazzgipfeln auch vieles dazu, sammelt erste Bühnenerfahrungen vor größerem Publikum und springt das ein oder andere Mal über seinen Schatten – das alles aber in familiärer, freundlicher Umgebung. Das ist für junge Musiker natürlich äußerst hilfreich.

Michael Paping | © Michael Schrodt, mschrodt.de

Wie seid ihr auf den Jazz gekommen?

Laurenz Bogen: Da gab es für mich jetzt nicht wirklich diesen einen Moment. Es war wohl hauptsächlich familiärer Einfluss. Ich mache jedoch auch einiges an anderer Musik – den Überbegriff Jazz sehe ich kritisch.

Michael Paping: Mein Vater hat angefangen, mit der Familie von Laurenz zusammen in einer kleinen Besetzung Jazz zu spielen. Irgendwann habe ich dann dort mitgespielt. Wirklich regelmäßig habe ich dann aber erst in der Concert Band am Ellenrieder gespielt, später dann auch in unserer eigenen Band, mit der wir auch bei der Jazzgipfel Matinee aufgetreten sind.

Hört ihr noch andere Musik?

Michael Paping: Im Moment höre ich eigentlich nur klassische Musik, am liebsten Barock. Als Kind habe ich auch viel Wise Guys gehört, zwischendurch auch mal etwas mehr Jazz, aber inzwischen bin ich mit den klassischen Werken voll und ganz zufrieden. Es stört mich natürlich überhaupt nicht, wenn irgendwo auch modernere Musik läuft, aber so richtig genießen kann ich vor allem die Musik der wirklich großen Komponisten.

Laurenz Bogen: Ich bin Querbeethörer.

Habt ihr musikalische Vorbilder, Idole?

Laurenz Bogen: Zu viele, um sie jetzt alle zu nennen. Sehr prägnant war sicherlich die Band „Snarky Puppy“, eine der spannendsten Formationen aus Amerika, die ich seit mehreren Jahren aktiv mitverfolge.

Michel Paping: Wirkliche Idole habe ich keine, aber es gibt schon Trompeter*innen, die ich für sehr gut halte, wie z. B. Maurice André, der leider nicht mehr lebt, oder Alison Balson. Natürlich darf da auch nicht Maynard Ferguson fehlen, dessen Aufnahmen von „Gonna Fly Now“ in meinen Augen legendär sind.

Jazzgipfel 2019 | v.l.n.r. Ralf Schmid, Martin Kneer, Jakob Glässer, Enikö Drilller und Georg Herrenknecht

Ihr kommt beide aus musikalischen Familien – hat das heute noch Einfluss auf euch oder seid ihr musikalisch autonom?

Michael Paping: Inzwischen bin ich musikalisch eigentlich sehr unabhängig von meiner Familie und mache auch nicht regelmäßig Musik mit ihnen. Wenn man dann aber doch mal zusammen spielt, kann man doch noch von ihnen lernen. Trotzdem muss man sagen, dass ich ohne die Förderung von meiner Familie in jeglicher Hinsicht nicht da wäre, wo ich heute bin.

Laurenz Bogen: Das ist bis heute einer meiner größten Einflüsse.

Laurenz, Du komponierst. Wie hast du damit angefangen, wer hat dir das beigebracht, wer oder was inspiriert dich?

Laurenz Bogen: Das ist für mich eine sehr natürliche Sache. Ich glaube jeder, der Musik macht, hat auch das Zeug zum Komponieren. Je mehr ich über Musik lerne, desto besser werde ich auch im komponieren, das hängt für mich unmittelbar zusammen. Unterricht im Komponieren hatte ich noch nie, auch wenn man da sicher auch einiges lernen kann. Inspiratio- nen können von überall her kommen, manchmal gehen meine Kompositionen von der Musik aus, manchmal gibt es ein spezielles Thema, mit dem ich mich gerade auseinandersetzen möchte. Am häufigsten geht natürlich alles Hand in Hand.

Auf Schulkonzerten, wo schon eigene Stücke von dir aufgeführt wurden, wirst du schon mal als „musikalisches Wunderkind“ bezeichnet. Lob oder Peinlichkeit?

Laurenz Bogen: Weder noch. Man fühlt sich natürlich geschmeichelt, gleichzeitig ist mir bewusst, dass ich noch einen sehr weiten Weg vor mir habe, und habe auch mehr als genug MusikerInnen, auch in meinem Alter, zu denen ich aufschaue.

Enikö Driller mit Laurenz Bogen und Michael Paping | © Michael Schrodt, mschrodt.de

Ihr macht in diesem Jahr Abitur. Musik als Studium? Was wird aus der Musik und euch?

Michael Paping: Tatsächlich hatte ich ein reines Musikstudium schon relativ früh ausgeschlossen, weil Musik für mich ein sehr großes Hobby, aber eher kein Beruf ist. Gerade in stressigen Zeiten oder während ich Probleme mit meinen Lippen hatte, war es gut, dass nicht meine Existenz daran hing, dass ich Trompete spielen musste. Trotzdem habe ich natürlich vor, weiterhin viel Musik zu machen und auch in Ensembles zu spielen.

Laurenz Bogen: Musik wird in meinem Leben hoffentlich weiterhin eine Hauptrolle spielen.

Wofür werdet ihr eurer Schulzeit, dem Ellenrieder dankbar sein?

Laurenz Bogen: Das Ellenrieder hat auch dank dem ungeheuren Aufwand meiner Musiklehrerin Enikö Driller sehr starke Musikformationen, die mich in meinem musikalischen Interesse und Können stark geprägt und gefördert haben. Ohne dieses Angebot wäre ich musikalisch heute auf jeden Fall nicht da, wo ich bin, und dafür bin ich sehr dankbar.

Michael Paping: Dass ich so viele Möglichkeiten bekommen habe, mich musikalisch zu entwickeln, sei es klassisch, im Jazz, im Chor, selbst als Chorleiter oder mit der Betreuung von jüngeren Musikern in der Schule. Ich wüsste nicht, wo ich ohne die breite Förderung, die ich in der Schule genossen habe, heute musikalisch stünde

Ralf Schmid | © Victor Naine

Interview mit RALF SCHMID

Wie war der Jazzgipfel?

Großartig! Ein durchdachtes und über Jahre entwickeltes Format, in dem junge Menschen sich selbst als Musiker*innen entdecken. Mehr davon!

Wie wichtig sind solche Angebote schon in der Schulzeit? Was kann in den Schulen schon gelegt, gefördert werden?

Genau das, was in Konstanz gemacht wird: Spielmöglichkeiten für alle und eine Ensemblestruktur, die alle Niveaus abdeckt. Gezielte Förderung, wenn die jungen Musiker*innen das wollen. Und vor allem professionelle Betreuung. Die großartige Energie und Kompetenz der Lehrer*innen ist der Schlüssel zum Erfolg des Gipfels!

Wie sah das musikalische Schulleben zu Ihrer Schulzeit in Konstanz aus?

Naja ... es gab immer wieder die Gelegenheit, in Schulkonzerten zu spielen, aber eher unter eurozentristischen Vor- zeichen. Ich habe davon sehr profitiert, da ich tollen klassischen Unterricht hatte und Anreize hatte, die Stücke konzert- reif einzustudieren. Aber Jazz und Pop gab es eher nicht in der Schule, sondern selbst organisiert in Proberäumen der Musikschule oder der ehemaligen Che- risy Kaserne.

Wussten Sie schon während der Schulzeit, dass Sie Musik studieren möchten? Wie kamen Sie dazu?

Das war erst nach der Schulzeit, ich habe in Konstanz noch zwei Jahre Zivildienst gemacht. In dieser Zeit haben wir immer wieder mit unserer Band wochenweise in Club Med-Feriendörfern rund ums Mittelmeer gespielt. In Tunesien haben wir großartige Musiker aus Paris getroffen, die dort ein Konzert vorbereiteten und mich unglaublich inspiriert haben. Am Schluss dieser Woche wusste ich, dass ich Musiker werden wollte.

Haben Sie in den Tagen des Jazzgipfels Talente entdeckt, wo ihr Gespür sagt, von denen wird man noch hören?

Klar, aber es ist immer schwer voraus- zusagen, wer sich wie entwickelt. Am beeindruckendsten waren für mich die Ensembles im Zusammenspiel, herausragend das SuJazzSo Orchester.

Ralf Schmid | © Steffen Thalemann

Seit einiger Zeit spielt das Schulorchester und auch die Concertband vom Ellenrieder-Gymnasium Eigenkompositionen von Laurenz Bogen, der auch beim Jazzgipfel dabei war und in diesem Jahr Abitur macht. Ungewöhnlich?

Laurenz hat mich wirklich sehr beeindruckt! Komponist, Multiinstrumentalist und Arrangeur ... das ist schon
außergewöhnlich. Ich freue mich auf alles Weitere von ihm!

Wie wird, kann, muss sich das Schulfach Musik Ihrer Ansicht nach verändern, um sich den neuen Entwicklungen in der Musik, den neuen Medien, der Digitalisierung in der Musik zu stellen? Muss es das?

Musiker haben zu allen Zeiten mit den Möglichkeiten ihrer Zeit Klänge erzeugt. Dazu gehören heute Instrumente aus Holz, Metall ebenso wie elektronische Klangerzeuger oder digitale Controller. Ich glaube, das Wichtigste ist, dass Pädagogen Tools aussuchen und anbieten, die Möglichkeiten zu musikalischer Tiefe in sich tragen. Danach sollen die Schüler selbst aussuchen, mit welchen davon sie musikalisch kreativ werden wollen.

Sie selbst haben Ihren Studenten vorgeworfen, dass sie die Musik nicht mehr hören, sondern nur noch schauen würden. Was geht dadurch aus Ihrer Sicht verloren, was gewinnt man?

Wenn man Audiovisualität als Ganzes denkt, kreiert und rezipiert, gewinnt man! Die visuelle Komponente kann aber sehr ablenken und das Hören in die Tiefe verhindern. Und das Wichtigste daran: Computer- und Handylautsprecher sind nicht gerade prädestiniert für ein Klangbad.

DAS GESPRÄCH FÜHRTE KAI GEIGER.

www.ralfschmid.de
www.pyanook.de