Das nach einem Entwurf des Architekten Peter Behrens zwischen 1921 und 1925 erbaute ehemalige Hauptlagerhaus der Guteho nungshütte Oberhausen, heute zentrales Depot des LVR-Industriemuseums, © LVR-Industriemuseum/Jürgen Ho mann

NORDRHEIN-WESTFALEN


geburtstag feiern mit lászl , oskar, mies und anni.
100 jahre bauhaus im westen
September 2018 bis März 2020

Das Bauhaus war revolutionär. Die „weltweit einflussreichste Bildungsstätte für Architektur, Kunst und Design“ (Monika Grütters) des 20. Jahrhunderts inspiriert und prägt uns bis heute. Es geht um die „Gestaltung von Lebensvorgängen“ (Walter Gropius), um den neuen Menschen, die neue Welt. Bauhaus ist noch immer Mythos.

Weimar, Dessau und Berlin sind die Statio- nen der „berühmtesten Reformschule“, Gro- pius war ihr Gründungsdirektor. Weniger bekannt: Impulse aus dem Rheinland und aus Westfalen beeinflussten Entstehung und Entwicklung des Bauhauses. Die Bauhaus- Idee drückte auch NRW ihren Stempel auf.

Karl Ernst Osthaus und Henry van de Velde in Hagen, Peter Behrens in Düsseldorf und Gropius auf der Kölner Werkbundausstel- lung bahnten Idee und Praxis des Bauhauses den Weg.

Ludwig Mies van der Rohe baute in Krefeld: Dort entstand ein industriekulturelles Netzwerk der Avantgarde, das bis weit in die Nachkriegszeit Bestand hatte. Hier wirkten u.a. Johannes Itten, Lilly Reich und Georg Muche. Das von der Kulturstiftung des Bundes geförderte Projekt MIK - Mies in Krefeld präsentiert die Verbindung von Bauhaus und Krefeld an einem für das Jubiläum geschaffenen Ort: Der „Pavillon“ des Düsseldorfer Künstlers Thomas Schütte ist eine begeh- bare Skulptur in der Nähe von Haus Lange und Haus Esters, die Mies wie die Verseidag-Fabrik in Krefeld konzipierte.

Heinrich Neuy, 1981, © Willy Ahlmer

Im Siegerland verblüfft das Landhaus Ilse, zeitgenössischer Nachbau des „Hauses am Horn“, Musterhaus der ersten Bauhaus-Aus- stellung in Weimar von 1923.

Zahlreiche Bauten in NRW atmen den Geist des Bauhauses – mit Eigensinn. Mit den Industriebauten des UNESCO-Welterbes Zollverein in Essen schufen Fritz Schupp und Martin Kremmer monumentale Wahr- zeichen des Neuen Bauens: eine „zechen- schwarze Moderne“ antwortet dem weißen Bauhaus.

Weitere eindrucksvolle Zeugnisse des Neuen Bauens in NRW sind die Weiße Stadt in Köln von Wilhelm Riphahn und Caspar Maria Grod, die Tonhalle Düsseldorf von Wilhelm Kreis oder auch die Villa Plange in Soest von Bruno Paul.

© Deutscher Kunststoff-Museumsverein

In Nordrhein-Westfalen befinden sich zudem bedeutende Sammlungen von Anni Albers, Josef Albers, Wassily Kandinsky und László Moholy-Nagy, den großen Stars der Bauhaus-Avantgarde - ebenso wie ein eigenes Bauhaus-Museum, das dem Künstler und Bauhaus- Schüler Heinrich Neuy gewidmet ist.

Den großen politischen Rahmen für das his- torische Experiment, „die Welt neu zu denken“, bildete die erste Demokratie Deutschlands, die Weimarer Republik. Unter dem Motto „Gestaltung und Demokratie. Neubeginn und Weichenstellungen im Rheinland und in Westfalen“ widmen sich daher ab September 2018 zahlreiche Ausstellungen und Veranstaltungen Politik, Architektur, Design, Kunst, Fotografie, Tanz und Theater.

100 jahre bauhaus im westen basiert dabei auf einem Verständnis von „Bauhaus“, das nicht nur eine Schule für Kunst, Design und Architektur meint, sondern das „große Laboratorium der Moderne“.

Museen Haus Lange und Haus Esters, Krefeld, Ludwig Mies van der Rohe, 1927–1930, Kunstmuseum Krefeld © Volker Döhne VG Bild-Kunst

Die Welt neu denken

Unter dem Bauhaus-Motto „Die Welt neu denken“ lädt Nordrhein-Westfalen ein zu ei- ner landesweiten, bislang beispiellosen Ausstellungs- und Ereignisreihe zu den Reformideen, den Anstößen, den Zeugnissen und den Wirkungen des Bauhauses. Das in sechs Themencluster gegliederte Spektrum reicht vom Kunstgewerbe bis zur Industriearchitektur, von der Mode bis zum Städtebau, von der Sehnsucht nach Demokratie bis zum Exil.

Politik und Gesellschaft

Der „Enthusiasmus für das Neue“ (Hannah Arendt) basiert auf den großen Versprechen der Weimarer Republik: Frieden, Partizipation und Emanzipation. In der Stadt wie auf dem Land werden nach dem Ersten Weltkrieg tradierte Weltbilder und eingeübte Rollen fraglich. Die Verfassung garantiert u.a. die Freiheit der Künste, der Sozialstaat fördert den Woh- nungsbau. Beides gibt Gestaltungsraum für einen radikalen Neubeginn. Mit ihren Stärken und Schwächen ist die Wei- marer Republik gerade heute wieder Thema gesellschaftspolitischer Auseinandersetzung.

Architektur und Städtebau

Der mit Osthaus befreundete Gropius fordert Anfang 1911 in Hagen: „Der Arbeit müssen Paläste errichtet werden“. Der Industriebau des mächtigen Wirtschaftsraumes zeugt mit Fabriken, Zechen und Siedlungen von zuneh- mender Rationalisierung, aber auch von Demokratisierung. Bis in den Kirchenbau eines Rudolf Schwarz oder Otto Bartning reicht die Übersetzung der Bauhaus-Idee. Die Bau-Moderne ist nach dem Zweiten Weltkrieg stark ökonomischen Anforderungen unterworfen, was die Kritik am „Funktionalismus“ der Bauwirtschaft befördert. Heute bewegt vor allem in den Großstädten die Frage nach bezahlbarem Wohnraum.

Gestaltung und Design

Im Industrieland an Rhein und Ruhr eröffnen neue Materialien und Produktionsfor- men Gestaltungsmöglichkeiten, die auch den Konsum beflügeln. Mannesmann-Stahlrohre revolutionieren den Möbelbau. Neue Anwen- dungsfelder für Kunststoff und Glas, neue Verfahren der Farbgebung locken in die Region. Umgekehrt hat die Reformschule in Weimar und Dessau große Anziehungskraft auf hiesige Gestalterinnen und Gestalter. Auch die Mode leistet ihren Beitrag zum Erscheinungsbild des neuen Menschen in der Industriegesellschaft.

Fotografie und Medien

Die moderne Massendemokratie der Weimarer Republik ist ohne neue Aufnahmetechniken, Stile, Formate und Wahrnehmungserfahrungen nicht denkbar. Sie bestimmen auch das Verhältnis von Bild und Schrift. Im Bauhausjahr zeigt sich an vielen Orten in NRW, wie sich die Wahrnehmung von Städten, Landschaften und Menschen verändert und das „Zeitalter der Medien“ neue Formen der Kommunikation und ein neues Sehen etabliert.

Künstlerinnen und Künstler

Bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts sind vor allem im Rheinland Künstler wie Heinrich Campendonk, Heinrich Nauen oder Jan Thorn Prikker ihrer Zeit voraus. Mit dem Jungen Rheinland entsteht 1919 ein auch politisch engagierter Künstlerbund. Bauhaus 100 im westen entdeckt Künstlerinnen wie Anni Albers oder Lilly Reich neu, zeigt aber auch, wie 1933 zahlreiche Protagonisten der Moderne Deutschland verlassen müssen: In die USA, nach Palästina tragen sie bedeutende Impulse. Doch was es bedeutet, im Exil zu leben, ist auch eine Frage des bereits erworbenen Ruhms

Tanz und Theater

Die Bühne gehört als „orchestrale Einheit“ zum Ausbildungsprogramm des Bauhauses. Sie spricht mit Tanz und Theater die „Empfindungswelt“ an: Raum und Körper, Licht und Bewegung kommen zusammen und sollen „ursprüngliche Freude“ vermitteln (Gropius). Das Theater der Klänge inszeniert mehrere Aufführungen wie das Mechanische Ballett oder das Triadische Ballett nach Oskar Schlemmer, weitere Produktionen sind in Vorbereitung. Und auch das Internationale Tanzfest steht ganz im Zeichen des Bauhaus-Jubiläums: Im November 2019 sind performative Aktionen in Museen geplant.

Alle Ausstellungen und Veranstaltungen:
bauhaus100-im-westen.de