Anni Albers, Mit Vertikalen, Baumwolle und Leinen, 154,9 x 118,1 cm © 2017 The Josef and Anni Albers Foundation/Artists Rights Society (ARS), New York/DACS, London. Photograph by Tim Nighswander/Imaging4Art | © VG Bild-Kunst, Bonn 2018

DÜSSELDORF | KUNSTSAMMLUNG NORDRHEIN-WESTFALEN, K20

Anni Albers
9.6. – 9.9.2018

Anni Albers (1899–1994), Bauhaus-Künstlerin, Ehefrau von Josef Albers und eine der anerkanntesten Textilkünstlerinnen des 20. Jahrhunderts rückte das Weben ins Zentrum ihres künstlerischen Schaffens. Sie revolutionierte damit eine uralte Kulturtechnik, die sie mit einer modernen künstlerischen Praxis verband. Die Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen präsentiert nun in der Ausstellung „Anni Albers“ vom 09. Juni bis 09. September 2018 das facettenreiche Werk einer Künstlerin, die sich die Technik des Webens zu eigen machte und als vollwertige Form der Kunstproduktion etablierte, ohne dabei die nützlichen oder industriellen Aspekte zu vernachlässigen.

Die im Jahr 1899 in Berlin in eine wohlhabende, bürgerliche Familie geborene Anni Albers entschied sich bereits früh für ein Leben als Künstlerin und studierte ab 1922 an der innovativen Bauhaus-Schule in Weimar. Das Bauhaus, eine Verbindung von Kunstakademie und Schule für Kunstgewerbe, verfolgte die Professionalisierung von Kunst, Handwerk und Design und die enge Kooperation zwischen Künstler und Werkmeister. Wie viele ihrer Mitstudentinnen trat auch Anni Albers in die sogenannte »Frauenklasse« ein, die Werkstatt für Textilien. Obwohl sie das Weben gewissermaßen durch den Mangel an Alternativen begann, wurde sie schnell ein wichtiges Mitglied dieser Werkstatt, wo die Handweberei ebenso eine Rolle spielte wie die Entwicklung von Stoffen für die maschinelle Produktion. Nach der Schließung des Bauhauses im Jahr 1933 zog Albers gemeinsam mit ihrem Ehemann – dem Künstler Josef Albers – in die Vereinigten Staaten, um am gerade gegründeten experimentellen Black Mountain College zu lehren. An diesem progressiven Ort des Lernens, an dem Kunst, Tanz und Musik ebenso ihren Platz hatten wie Soziologie, Philosophie, Wirtschafts- wissenschaft und Mathematik, erlebte das Paar produktive Jahre. Anni Albers richtete eine Weberei ein und war eine ebenso strenge wie inspirierende Lehrerin. Hier und ab 1950 in New Haven CT, wo Albers bis zu ihrem Tod im Jahr 1994 lebte, entstanden Bildgewebe von hoher künstlerischer Qualität. Viele dieser »pictorial weavings« sind inspiriert durch Reisen nach Mexiko und Peru, wo das Künstlerpaar die gewebten und getöpferten Zeugnisse der präkolumbischen Kultur studierte, und auch sammelte.

Als das Handweben Ende der 1960er Jahre zu mühsam wurde, hatte Albers bereits ein neues Medium für sich entdeckt, die Drucktechnik. Dabei konnte sie auf ihre vielfältigen Überlegungen zu Textur, Farbe und Oberflächenqualitäten auf- bauen und vertraute Phänomene wie Knoten, Musterbildung und Farbmischung in einer neuen Technik untersuchen. Parallel arbeitete sie an einem Buch, das 1965 unter dem Titel „On Weaving“ veröffentlicht wurde und „Grundbegriffe und Methoden des Textilen“ vorstellt und diskutiert. Zehn Texte sowie eine lange Sequenz von Illustrationen verdeutlichen eindrucksvoll die außerordentliche Komplexität dieser uralten Technik, in der Hand, Auge, Maschine und der planende Geist perfekt zusammenspielen müssen, damit neue, der Zeit gemäße Formen und Qualitäten erdacht werden können.

Anni Albers, Study for an unexecuted wallhanging, 1926. Gouache with pencil on photo offset paper, 15 x 9 3/4 in. (38.1 x 24.8 cm). © 2017 The Josef and Anni Albers Foundation/Artists Rights Society (ARS), New York/DACS, London. Photograph by Tim Nighswan

Dieser gesamte Kosmos ihres Schaffens wird in einer umfassenden Retrospektive – entstanden in Kooperation mit der Tate Modern, London – in der großen Ausstellungshalle des K20 am Grabbeplatz präsentiert. Zu sehen sind: Ihre »pictorial weavings« (Leihgaben aus europäischen und amerikanischen Museumssammlungen), die Raumteiler und Stoffe für den Wohnbereich, die zeichnerischen Entwürfe für die maschinelle Produktion, die farbintensiven Drucke, die Schmuckstücke aus einfachsten Materialien, ihre Auftragsarbeiten, zahlreiche Studien aus dem Bereich der Lehre sowie die Textilmuster, die das unstillbare Interesse an neuen Fasern und Webstrukturen belegen. Ihre illustrierten Textsammlungen stehen dabei, einem Herzstück gleich, im Zentrum der Ausstellung. Sie werden durch Kunstwerke und Materialien, die die Künstlerin beeinflussten und die ihre Idee des gewebten Fadens als Form einer universellen Sprache inspirierten, ergänzt – darunter beispielsweise präkolumbische und peruanische Textilien aus der Sammlung des Künstlerpaars. Angesichts des erstaunlichen Zusammenklangs dieser Werke werden die außergewöhnliche Vielseitigkeit des Beitrags ihrer Schöpferin zur Moderne und ihr nachhaltiger Einfluss auf die Kunst und das Design des 20. und 21. Jahrhunderts nachvollziehbar und erlebbar. Das Weben kann, das war Anni Albers Überzeugung, wie jedes andere Handwerk »in der Produktion nützlicher Objekte münden oder sich auf die Ebene der Kunst erheben«.