Feichter, Fabian Der unendliche Kreis 2018 Kunststoff, Metall Je 41 x 20 x 28 cm

Fellbach

14. Triennale Fellbach
1.6. - 29.9.2019
40.000 -Ein Museum der Neugier

Kleinheit ist ein besonderes Maß. Es impliziert bezogen auf Kunst Transportabilität, Nähe zum menschlichen Körper, das Handgemachte oder zumindest maßstäblich Greifbare und eine Modellhaftigkeit, die Verhältnisse thematisiert. Talismane, Totems, Fetische, Spielzeuge, Horkruxe oder Attribute, Kleinplastiken wurden und werden sehr häufig nahe am Menschen benutzt oder im Wohnumfeld aufgestellt. Es entsteht so eine für Kunstwerke heute ungewöhnliche Nähe zwischen Objekt und Besitzer bzw. Betrachter, die sich auf den Bedeutungsgehalt auswirkt. Das Archetypische bzw. Prototypische liegt in dieser Maßstäblichkeit. Sie erfordert eine Hinwendung, ein genaues Hinsehen, oder erzwingt dieses sogar.

Die Idee des „Close Up“ macht dabei einen besonderen Sinn, weil aus der Nähe von Fellbach die ältesten bekannten Kunstwerke der Menschheit stammen, die vor rund 40.000 Jahren entstandenen kleinen eiszeitlichen Skulpturen von der Schwäbischen Alb. Es ist jedoch keineswegs ausgemacht, dass die Kleinskulpturen dort auch entstanden sind. Auf jeden Fall liegt damit aber in dieser Gegend ein Schlüssel zum Verständnis von Kunst. Nach der Entwicklung des Homo sapiens in Afrika und seit etwa 100.000 Jahren „out of Africa“ treffen um 40.000 vor unserer Zeit die ersten anatomisch modernen Menschen im heutigen Europa ein. Und heutige Theorien gehen davon aus, dass nicht der Klimawandel allein Motivationsschub für die Wanderungen war, sondern technologische und kulturelle Veränderungen ebenso motivierend gewesen sein dürften. Ausgehend von welchen Orten und Kontinenten sich auf diesem Weg Kunst zu entwickeln beginnt, kann heute erst andeutungsweise anhand weniger Funde rekonstruiert werden. Kunst ist offenbar eine menschliche Grundkonstante, die sich räumlich parallel entwickelt und den Menschen begleitet. Nicht zuletzt wird das z. B. durch Funde ebenfalls ca. 40.000 Jahre alter eiszeitlicher Höhlenmalerei im heutigen Indonesien belegt. 

M'barek, Pauline Relikte 2017 Abgegossene Sandlöcher aus Gips 7 Stück Je 80 x 50 x 50 cm

Aspekte von Dreidimensionalität und Polarität werden heute auch in der Kunst durch eine Multidimensionalität, Nichtlinearität und Multipolarität erweitert. Und dennoch ist die Frage des Menschlichen, des Menschseins damit nicht verschwunden. Im Gegenteil: die Zeichen der Zeit stehen auf Diversität und Hegemonie, auf Masse und Individuum, auf Kanon und Vielfalt, auf Idealismus und Materialismus, auf Animation und Realismus, auf Technik und Natur, auf Irrtum und Wahrheit, Utopie und Dystopie. Alles gleichzeitig, parallel, verknüpft und im Glauben an oder Hass auf Vielfalt. Kaum verwunderlich, dass ideologisch nutzbare Metaphern wie die der „Heimat“ alltagskulturelle Urstände feiern. Dass auch die Kunstwelt in diesem Zusammenhang die „Folklore“ wiederentdeckt, verwundert nicht, denn sie zeigt einen Aspekt der Identitätsdiskussion.

Die aus dieser Gemengelage abgeleitete Idee von der Kunst als einem Abbild und Ausdruck der Neugier und des Antriebs, wie er im Untertitel des Projektes „Museum der Neugier“ ausgedrückt wird, soll ein Leitfaden der Triennale 2019 sein. Die Ausstellung widmet sich der Herleitung und der Zukunftsperspektive heutiger Kunst als Bedeutungsträger für den Menschen. Historische Objekte, teils als Abgüsse und Kopien, werden dabei integriert. Künstler und Künstlerinnen als ExpertInnen für ein anthropologisches Movens, das Erstellen eines Werkes im Zusammenspiel von Gedächtnis und Hand anzuerkennen, trotz und unter Einbezug heutiger Überlegungen zur Automatisation, Digitalisierung, Post-Humanisierung „Embodied Mind“ und „Outer Space“, soll exemplarisch thematisiert werden. 

KÜNSTLER*INNEN

Die teilnehmenden Künstler*innen
Nevin Aladağ (*1972) – Jennifer Allora & Guillermo Calzadilla (*1974 & *1971) – Paweł Althamer & Youssouf Dara (*1967 & *1978) – Nairy Baghramian (*1971) – Taysir Batniji (*1965) – Tim Berresheim (*1975) – Jenna Bliss (*1984) – Katinka Bock (*1976) – Matti Braun (*1968) – Marcel Broodthaers (*1924 †1976) – Mel Chin (*1951) – Lygia Clark (*1923 †1988) – Alice Creischer / Andreas Siekmann / Stephan Mörsch (*1960 / *1961 / *1974) – Attila Csörgö (*1965) – Mariechen Danz (*1980) – Jeremy Deller (*1966) – Simon Denny (*1982) – Stephan Dillemuth (*1954) – Martin Disler (*1949 †1996) – Aleksandra Domanović (*1981) – Ayşe Erkmen (*1949) – Cerith Wyn Evans (1958) – Fabian Feichter (*1986) – Andreas Fogarasi (*1977) – Axel Foli (*1973) – Bruno Gironcoli (*1936 †2010) – Nancy Graves (*1939 †1995) – Asta Gröting (*1961) – Flaka Haliti (*1982) – CMUK // Ute Hörner & Mathias Antlfinger (*1964 & *1960) – Judith Hopf (*1969) – Marguerite Humeau (*1986) – Euridice Zaituna Kala (*1987) – KAYA (Kerstin Brätsch & Debo Eilers) (*1969 & *1974) – Irina Kirchuk (*1983) – Norbert Kricke (*1922 †1984) – Nikolaus Lang (*1941) – Thomas Lanigan-Schmidt (*1948) – Sonia Leimer (*1977) – Pauline M’Barek (*1979) – Ana Mendieta (*1948 †1985) – Nishiko (*1981) – Katja Novitskova (*1984) – Lydia Ourahmane (*1992) – Manfred Pernice (*1963) – Grayson Perry (*1960) – Laure Prouvost (*1978) – Michael Rakowitz (*1973) – Viola Relle & Raphael Weilguni (*1992 & *1989) – Ugo Rondinone (*1964) – Martha Rosler (*1943) – Eric Sidner (*1985) – Vasan Sitthiket (*1957) – Michael E. Smith (*1977) – Tobias Spichtig (*1982) – Studio Ossidiana (Alessandra Covini & Giovanni Bellotti) (*1988 & *1987) – Johann Thurfjell (*1970) – Anna Uddenberg (*1982) – Ma Wen (*1973) – Guan Xiao (*1983) – Haegue Yang (*1971) 

sowie 

Paläolithische Objekte von der Schwäbischen Alb, den Zizenhausener Totentanz, den „Meilenstein“ (Leugenstein des Kaisers Philippus Arabs, Fundort Friolzheim, Baden-Württemberg) und Abgüsse von mehreren tausend Jahre alten Keilschrift-Täfelchen.