INTERVIEW

Wir sprachen mit Björn Gottstein, seit 2015 Künstlerischer Leiter der Donaueschinger Musiktage

Nach einem noch programmatisch maßgeblich vom verstorbenen Festivalleiter Armin Köhler geprägten ersten Festivaljahr unter Ihrer Leitung werden die Donaueschinger Musiktage 2016 Ihre Handschrift tragen. Was verändert sich?

Das Jahr 2016 ist ein Gemeinschaftsjahr. Armin Köhler und ich tragen gewissermaßen gemeinsam die Verantwortung für die Programmgestaltung. So werde ich als Festivalleiter aber natürlich erste Akzente setzen können. Das Prinzip der Neuen Musik ist das einer permanenten Erneuerung. Neue Musik, mit einem großen N, möchte auch immer neue Musik, also mit kleinem n sein, also wirklich neu, unerhört, über Grenzen hinausgehend. Das ist selbst dort der Fall, wo wir im Konzertsaal ein traditionelles Ensemble, sagen wir: ein Sinfonieorchester erleben. Der Münchner Komponist Klaus Schedl wird, mithilfe des Freiburger Experimentalstudios, die Ästhetik der Dronemusik auf das Orchesterprinzip übertragen. Ähnlich ist es bei Franck Bedrossian, der in Zusammenarbeit mit dem Pariser IRCAM seine Vision des „son saturé“, als eines gesättigten, schwarzen Klangs verfolgt. Ein ganz besonderes Projekt ist in diesem Jahr das Radioprojekt „Good Morning, Deutschland“ des Frankfurter Komponisten Hannes Seidl. Seidl wird mit Flüchtlingen aus der Donaueschinger Flüchtlingsunterkunft gemeinsam Musik machen, Musik hören und über Musik sprechen. Das ist ein Projekt, das sich am Rande dessen bewegt, was wir üblicherweise mit einem Neue-Musik-Konzert verbinden. Ich freue mich besonders auf diese Arbeit, weil es nicht nur der Form nach neue Wege geht, sondern auch ein besonders für Donaueschingen mit seinen fast 3.000 Flüchtlingen besonders aktuelle Situation aufgreift.

Was sind die Schwerpunkte, Akzente, die Sie in den nächsten Jahren in Donaueschingen zur Aufführung bringen wollen.

Die Neue Musik erlebt zurzeit einen immensen Wandel. Dieser Wandel ist gleichermaßen durch die Generationen als auch von der technischen Entwicklung bedingt. Komponisten, die heute um die 40 Jahre alt sind, geben sich nicht mit dem, was die Neue Musik erreicht hat, zufrieden. Sie hinterfragen die Institutionen und auch die Gewohnheiten der Neuen Musik. Sie schreiben Kompositionen für Youtube und integrieren die neuen Technologien ganz selbstverständlich in ihre Werke. Diesen Wandel zu begleiten, das ist die wichtigste Aufgabe der kommenden Jahre. Wenn wir auf die Programme der Neue-Musik- Festivals schauen, dann müssen wir sicher etwas ändern im Bereich der Internationalität. Was geschieht heute in Argentien oder in Südkorea? Gleiches gilt für die der ästhetischen Offenheit: wir brauchen auch Impulse von Theaterregisseuren und der Popkultur. Auch werden immer noch zu wenig Komponistinnen aufgeführt. Das sind Aspekte, die die Programmgestaltung der kommenden Jahre prägen soll.

Wie wichtig sind neue Formate, Vermittlungsformen für die Neue Musik wie der in 2015 erstmalig veranstaltete Festivalkongress upgrade?

Der Festivalkongress upgrade, der 2015 erstmals in Donaueschingen stattfand und der sich Vermittlungsfragen widmet, war ein ungemein spannendes Experiment. Die Zusammenarbeit mit Jugendlichen, Pädagogen, Komponisten und professionellen Musikern hat zu unglaublich tollen Ergebnissen geführt. Die Musiktage werden sich sicher nicht in diesem Maße der Vermittlung widmen. Aber der Diskurs ist wichtig, dass wir uns vergewissern, welche Bedeutung und welchen Stellenwert in der Welt die Werke haben. Bereits im letzten Jahr haben wir mit kurzen Komponistengesprächen begonnen, die es dem Publikum ermöglicht, die Persönlichkeit eines Künstlers im Gespräch zu erleben und dadurch vielleicht auch einen anderen Zugang zu dessen Werk zu bekommen. Es wird in diesem Jahr erstmals einen Vortrag bei den Donaueschinger Musiktag geben. Diese Reihe der Donaueschinger Lectures soll in den kommenden Jahren das diskursive Potenzial der Neuen Musik unter Beweis stellt. Den Anfang macht in diesem Jahr der englische Philosoph Roger Scruton, der sich eingehend mit Neuer Musik befasst hat und bisweilen auch einen durchaus kritischen Blick auf das Genre wirft. Es soll also nicht nur gemütlich zugehen.

Zeitgenössische, Neue Musik erfreute sich in Asien großer Beliebtheit, Einige europäische Festivals und Messen haben inzwischen Satelliten Veranstaltungen im Ausland, um neuen »Märkten« näher zu sein? Ist dies ein Thema für die Donaueschinger Musiktage?

Es stimmt, dass die Neue Musik in vielen Ländern außerhalb Europas einen hohen Stellenwert genießt. Wir erleben es an den vielen Studenten aus dem Nahen und dem Fernen Osten, aus dem Libanon, aus Israel, aus Südkorea, Japan oder China, die nach Europa kommen, um sich dieser Disziplin zu widmen. Es ist eine tolle Öffnung, weil diese Komponisten oft ganz andere Fragestellungen und Blickwinkel mitbringen. Ob wir deshalb auch die „Donaueschinger Musiktage Miami Beach“ oder „Donaueschinger Musiktage Hong Kong“ brauchen, lasse ich einmal dahingestellt. Einerseits unterliegen wir im Bereich der Neuen Musik nicht in dem Maße dem Markt, wie es die bildende Kunst tut. Gleichzeitig möchte ich den Eindruck vermeiden, dass wir systematisch Kultur exportieren. Vielleicht ist die Streckenführung der Tour de France ein gutes Vorbild. Dort beginnt die Veranstaltung alle zwei Jahre mit einem Prolog im Ausland. Das wäre vielleicht eine schöne Möglichkeit, die Musiktage international zu positionieren.

BJÖRN GOTTSTEIN

SWR2-Redakteur für Neue Musik, folgte 2015 als Künstlerischer Leiter dem im November 2014 verstorbenen Armin Köhler, der die Geschicke der Donaueschinger Musiktage 22 Jahre lang gelenkt hatte. Björn Gottstein ist seit 2013 als Redakteur für Neue Musik bei SWR2 tätig und verantwortete seitdem die Konzertreihe "attacca". Er war außerdem einer der künstlerischen Leiter des Stuttgarter ECLAT-Festivals. Der 46-jährige, in Aachen geborene Musikwissenschaftler arbeitete zunächst als freier Journalist und seit 2009 auch als Veranstalter. In dieser Tätigkeit thematisierte er Fragestellungen wie die nach Musik und Armut (Audio Poverty, 2009), Musik und Transzendenz (Lux Aeterna, 2011) und nach der musikalischen Interpretation (Faithful, 2012). Als Journalist und als Kurator galt sein Interesse stets auch den Randbereichen der Neuen Musik und dem Genre-übergreifenden Experiment. Gottstein war Kritiker der Tageszeitung "taz" und schrieb außerdem für viele der maßgeblichen nationalen und internationalen Musikzeitschriften. Als freier Autor hat er außerdem für alle großen ARD-Anstalten, für den Deutschlandfunk und Deutschlandradio gearbeitet. 2006 erschien sein Buch "Musik als Ars Scientia" (Pfau-Verlag). Er unterrichtete an der TU Berlin, bei den Darmstädter Ferienkursen, an der Hochschule für Musik Basel und an der Universität der Künste Berlin. Er war Mitglied zahlreicher Jurys, darunter des Giga-Hertz- Preises des ZKM und des Kompositionspreises der Landeshauptstadt Stuttgart. Außerdem engagierte sich Gottstein kulturpolitisch, als Vorstandsvorsitzender der "Initiative Neue Musik" leitete er von 2009 bis 2013 die Geschicke der freien Musikszene in Berlin.

alle Fotos © SWR Donaueschinger Musiktage