Donaueschinger Musiktage müssen abgesagt werden

Das traditionsreichste und älteste Festival für Neue Musik sollte am 15. Oktober beginnen

Die Donaueschinger Musiktage 2020 finden nicht statt. Die Entscheidung trafen die Veranstalter des traditionsreichsten und ältesten Festivals für Neue Musik am Montagabend (12. Oktober) in Abstimmung mit der Leitung des Festivals.

Angesichts des Beherbergungsverbots und der sich drastisch verschlechternden Corona-Infektionszahlen sahen sich die Verantwortlichen zu diesem Schritt gezwungen. Die Sicherheit der Künstler*innen, der Mitwirkenden vor und hinter der Bühne und die Gesundheit des Publikums hatten bei dieser Entscheidung oberste Priorität. Besucher*innen können sich die gekauften Karten erstatten lassen.

Eines der weltweit bedeutendsten Festivals für Neue Musik
Die Donaueschinger Musiktage sollten vom 15. bis 18. Oktober stattfinden. Auf dem Programm standen29 Werke, davon 25 Uraufführungen. 1921 wurden die Donaueschinger Musiktage aus der Taufe gehoben – im kommenden Jahr feiern sie ihren 100. Geburtstag. Sie gelten als eines der weltweit bedeutendsten Festivals für Neue Musik. Veranstalter der Donaueschinger Musiktage ist die Gesellschaft der Musikfreunde Donaueschingen in Zusammenarbeit mit der Stadt Donaueschingen und dem Südwestrundfunk (SWR).

Uns blieb keine andere Wahl
Björn Gottstein, Künstlerischer Leiter der Donaueschinger Musiktage: „Angesichts der rasanten Entwicklung der vergangenen Tage blieb uns keine andere Wahl. Es ist frustrierend und tut unglaublich weh, die Musiktage so kurz vor Festivalbeginn absagen zu müssen. Mein Mitgefühl gilt allen Musiker*innen, Komponist*innen und Künstler*innen, die so viel in dieses Festival investiert haben, und allen Mitarbeitern des Festivals, die seit Wochen wirklich alles getan haben, um die Konzerte auch unter diesen schwierigen Bedingungen durchführen zu können.“

Probenmitschnitt des Eröffnungskonzerts in SWR2
SWR2 sendet am Freitag, 16. Oktober um 20 Uhr einen Probenmitschnitt des Eröffnungskonzerts. Das SWR Symphonieorchester spielt unter der Leitung von Titus Engel sechs Orchesterminiaturen von Klaus Lang, Mica Levi, Cathy Milliken, Lula Romero, Oliver Schneller und Michael Wertmüller – allesKompositionen für kleines Orchester, die schon im Hinblick auf ein Festival unter besonderenHygienebedingungen entstanden.

Künstlerplakat der Donaueschinger Musiktage von Shilpa Gupta. © SWR/Shilpa Gupta

Donaueschinger Musiktage 2020 in Corona-Zeiten
22 Uraufführungen und vier Klanginstallationen
15. - 18.10.2020

Neue Musik ist stets ein Spiegel ihrer Zeit. Dies trifft in diesem Jahr auf das Programm der Donaueschinger Musiktage ganz besonders zu. Zur Einhaltung der aktuellen Hygienebestimmungen wurden Orchesterbesetzungen verkleinert, Konzertprogramme verändert, Wiederholungskonzerte terminiert, Ticketzahlen reduziert, Laufwege festgelegt sowie viele weitere Maßnahmen ergriffen. Auf diese Weise kann trotz Pandemie ein vielseitiges Programm mit 22 Uraufführungen, vier Klanginstallationen und zwei Ensembledebüts präsentiert werden. Das vollständige Programm der Musiktage ist ab 1. September, 9 Uhr online. Gleichzeitig startet der Kartenvorverkauf.

Orchesterminiaturen, Debüts und ein virtuelles Konzert

Das SWR Symphonieorchester unter der Leitung von Titus Engel eröffnet die Musiktage mit fünf Orchesterminiaturen von Oliver Schneller, Lula Romero, Michael Wertmüller, Klaus Lang und Cathy Milliken, die sich den Bedingungen erhöhter Hygiene-Ansprüche stellen. Die MAM.manufaktur für aktuelle musik gibt ihr Donaueschingen-Debüt im Projekt der jamaika- stämmigen Engländerin Elaine Mitchener. Inspiriert von der jamaikanischen feministischen Schriftstellerin Sylvia Wynter hat die Sängerin gemeinsam mit dem vietnam-stämmigen Choreografen Dam Van Huynh Aufträge an Komponisten aus dem Bereich der Neuen Musik und des Jazz vergeben. Ebenfalls erstmals zu Gast bei den Musiktagen ist das polnische Ensemble Kwadrofonik, das mit vier Werken unterschiedlicher Provenienz zu erleben ist – von der Auseinandersetzung mit polnischer Philosophie bei Nigel Osborne bis zur Zersetzung des Klangs bei Artur Zagajewski. Im Konzert des Ensemble Musikfabrik unter der Leitung von Mariano Chiacchiarini diskutieren Diedrich Diederichsen und Theresa Beyer in Peter Ablingers „Concerto für Fagott, zwei Musikwissenschaftler*innen und Ensemble“ live auf der Bühne parallel zu Vivaldi- Paraphrasen über Neue Musik. Das Abschlusskonzert mit dem SWR Experimentalstudio und dem SWR Symphonieorchester unter der Leitung seines Chefdirigenten Teodor Currentzis präsentiert neben Werken von Alexej Sioumak, Alexander Retinsky und Marko Nikodijevic als Besonderheit ein Kammerorchesterwerk der englischen Filmmusikkomponistin Mica Levi, die 2017 als Filmmusikkomponistin des Jahres ausgezeichnet wurde. Das Konzert findet in einem bei den Proben produzierten Video als virtuelles Konzert statt.

Bild: SWR/Ralf Brunner

200 Lautsprecher und erleuchtende Momente

Der Pianist Nicolas Hodges beschreitet mit Rebecca Saundersʼ Studie „to an utterance“ für Klavier solo neue Wege des Instruments und sucht in James Clarkes Stück nach neuen Möglichkeiten der Sonate. Wojtek Blecharz lässt in seiner Konzertinstallation „Symphony No. 3“ in einer laborartigen Situation mit 200 tragbaren Lautsprechern ein lebendiges Klangrelief entstehen, das Performer und Besucher in gleichem Maße an dem musikalischen Ergebnis teilhaben lässt. In der NOWJazz-Session lassen der Pianist und Synthesizerspieler Thomas Lehn und der Computermusiker und Komponist Marcus Schmickler im Duo erleuchtende Momente entstehen, bei denen die elektronische Musik eine grundsätzliche Erweiterung erfährt.

Unterschiedliche Wege der Klangkunst

Im öffentlichen Raum von Donaueschingen sind vier Installationen zu sehen, die unterschiedliche Wege der Klangkunst aufzeigen. Mike Cooper und Christian Skjødt in der Alten Hofbibliothek und im Fischhaus widmen sich dem Wasser und seinen Bewegungsmustern. Sergej Maingardt und Jens Standke erkunden in der Realschul-Sporthalle die Möglichkeiten der virtuellen Realität. Jan Jelinek untersucht im Hölderlin-Jahr im Museum Art.Plus den Roman „Hyperion“. Die Sängerin und Laptopmusikerin Holly Herndon stellt in einer Lecture-Performance ihre aktuellen Forschungsergebnisse und Ansätze zum Thema Stimme und künstliche Intelligenz vor.

INTERVIEW 

Wir sprachen mit Björn Gottstein anlässlich der Donaueschingen Musiktage 2019. Björn Gottstein ist seit 2015 Künstlerischer Leiter der Donaueschinger Musiktage

Was kann curAltor, die Künstliche Intelligenz, was Björn Gottstein, der Kurator aus Fleisch und Blut, nicht kann?

Es geht bei dem Projekt eigentlich nicht um einen Wettbewerb Mensch gegen Maschine. Es geht darum, dass wir die Basis, auf der wir Entscheidungen treffen, hinterfragen. Auch der curAItor braucht Kriterien. Er benötigt Referenzwerke und Analyseverfahren. Dann aber hört der curAItor ganz anders als wir Menschen. Es ist ein technischeres, strukturorientiertes Hören. Der curAItor lässt sich auch nicht von Stimmungen und anderen Äußerlichkeiten beeinflussen. Und das Ergebnis, die drei Klavierwerke, die er für das Festival ausgewählt hat, ist stimmig und interessant. Ich hätte vielleicht nicht diese drei Werke ausgewählt. Was ich jetzt aber weiß, ist, was ein Kurator aus Fleisch und Blut kann: Widersprüche gelten lassen, Risiken eingehen, Kontroversen anstoßen.

Ist es pure Faszination oder macht es Sie auch nachdenklich?

Nein, es macht mich nicht nachdenklich. Wir leben seit Langem mit Maschinen zusammen. Die Maschinen haben eine unglaubliche Macht über uns. Sie sagen uns, wann wir aufbrechen müssen, um pünktlich zum nächsten Termin zu kommen. Sie sagen uns, welches Buch wir als nächstes lesen sollten. Ich finde, daran ist per se nichts verwerflich. Aber es ist doch wichtig, diesen Prozess kritisch zu begleiten, die Mechanismen und die Möglichkeiten zu hinterfragen. Und dazu leistet der curAItor einen Beitrag.

© Angela Bulloch

Ich war dieses Jahr mit meinem 12-jährigen Sohn zum ersten Mal auf der gamescom in Köln. Es war ein ganz anderer Kosmos, der mir im Gegensatz zu meinem Sohn weitestgehend verschlossen blieb. Das habe ich bisher in Donaueschingen nicht gefühlt. Auf was muss ich mich zukünftig einstellen, wenn die Computerspiele Einzug in Donaueschingen halten?

Ich glaube den Vibe, den man auf der gamescom und vielleicht auch auf technisch ausgerichteten Festivals wie der Ars Electronica in Linz spürt, den wird es in Donaueschingen so nicht geben. Das kann auch nicht unsere Aufgabe sein, der jugendbewegten Spielkultur nachzueifern. Wichtig aber ist, dass sich Komponist*innen mit diesen technischen Mitteln auseinandersetzen. Denn zum einen sind darin ja neue technische Möglichkeiten enthalten, neue Klang- steuerungsverfahren, neue Erzählmodelle. Zum anderen wäre es ja traurig, wenn sich so wichtige und innovative Entwicklungen, wie die Computerspielszene es ist, sich nicht auch in der Kunst niederschlagen. Bei Marko Cicilianis Konzertinstallation wird es jedenfalls nicht um pulssteigernde Adrenalinstöße gehen, und es gibt meines Wissens auch keinen Endboss, den man besiegen muss.

Wie viel Künstliche Intelligenz verkraftet die Musik, der Zuhörer?
Wie Künstler mit Technik umgehen – das ist für mich auch ein Lackmustest unserer gesellschaftlichen Werte. Bislang ist die Kunst immer etwas gewesen, das den Menschen vor anderen – vor Tieren und Maschinen – auszeichnet. Das Schöpferische, Kreative ist immer Teil unseres Selbstverständnisses gewesen. In dem Moment, wo wir die Technik am Schöpfungsprozess teil- haben lassen bzw. ihn ihr ganz überlassen, stellen wir diese Gewissheit aufs Spiel. Computer können besser Schach spielen als Menschen, sie können bald besser Autofahren, und jetzt sollen sie auch noch besser komponieren können. Das heißt auch, dass wir uns immer wieder neu behaupten und definieren müssen.

Jahr für Jahr wird Klangkunst im Öffentlichen Raum während der Musiktage in Donaueschingen gezeigt. Über die Jahre eine große Auswahl an verschiedensten Insze- nierungen und Klangwerken. In Unna gibt es für das Thema Licht ein eigenes, erfolgreiches Museum für Lichtkunst. Ist eines für Klangkunst nicht überfällig?

Das stimmt, dass der Klangkunst die großen Institutionen fehlen. Zwar hat sich im Bereich der Ausbildung in den letzten Jahren etwas getan, aber es fehlt doch das große Festival, das große Museum, das große Forschungszentrum.Klangkunst ist ja kein Appendix der Neuen Musik, sondern eigentlich eine eigene Gattung.

Teodor Currentzis, seit der Saison 18/19 charismatischer Chefdirigent des SWR Symphonieorchesters, hat im Frühjahr das SWR Experimentalstudio in Freiburg besucht. Mit „Für mich ist das hier wie Disneyland“ brachte er seine Freude und seine Begeisterung für das legendäre Klanglabor zum Ausdruck. Wann ist er „reif“ für Donaueschingen?

Natürlich sind wir miteinander im Gespräch. Teodor Currentzis hat ja ein großes Faible für Neue Musik und auch für Experimente im Konzertsaal. Wenn im Südwestrundfunk dieser Musiker, das SWR Experimentalstudio und die SWR-Ensembles mit ihrer großen Erfahrung im Bereich Neue Musik aufeinandertreffen, verspricht das einiges. Es ist klar, dass er in den nächsten Jahren auch einmal in Donaueschingen dirigieren wird.

Das Gespräch führte Kai Geiger.

BJÖRN GOTTSTEIN

SWR2-Redakteur für Neue Musik, folgte 2015 als Künstlerischer Leiter dem im November 2014 verstorbenen Armin Köhler, der die Geschicke der Donaueschinger Musiktage 22 Jahre lang gelenkt hatte. Björn Gottstein ist seit 2013 als Redakteur für Neue Musik bei SWR2 tätig und verantwortete seitdem die Konzertreihe "attacca". Er war außerdem einer der künstlerischen Leiter des Stuttgarter ECLAT-Festivals. Der 46-jährige, in Aachen geborene Musikwissenschaftler arbeitete zunächst als freier Journalist und seit 2009 auch als Veranstalter. In dieser Tätigkeit thematisierte er Fragestellungen wie die nach Musik und Armut (Audio Poverty, 2009), Musik und Transzendenz (Lux Aeterna, 2011) und nach der musikalischen Interpretation (Faithful, 2012). Als Journalist und als Kurator galt sein Interesse stets auch den Randbereichen der Neuen Musik und dem Genre-übergreifenden Experiment. Gottstein war Kritiker der Tageszeitung "taz" und schrieb außerdem für viele der maßgeblichen nationalen und internationalen Musikzeitschriften. Als freier Autor hat er außerdem für alle großen ARD-Anstalten, für den Deutschlandfunk und Deutschlandradio gearbeitet. 2006 erschien sein Buch "Musik als Ars Scientia" (Pfau-Verlag). Er unterrichtete an der TU Berlin, bei den Darmstädter Ferienkursen, an der Hochschule für Musik Basel und an der Universität der Künste Berlin. Er war Mitglied zahlreicher Jurys, darunter des Giga-Hertz- Preises des ZKM und des Kompositionspreises der Landeshauptstadt Stuttgart. Außerdem engagierte sich Gottstein kulturpolitisch, als Vorstandsvorsitzender der "Initiative Neue Musik" leitete er von 2009 bis 2013 die Geschicke der freien Musikszene in Berlin.

alle Fotos © SWR Donaueschinger Musiktage