Uraufführung von Brigitta Muntendorfs "Ballett für Eleven" bei den Donaueschinger Musiktagen 2018, Fotocredit: SWR/Ralf Brunner

Donaueschinger Musiktage 2019
Große Bandbreite gegenwärtiger Stile und Ästhetiken in 20 Uraufführungen und sechs Klanginstallationen
17. - 20.10.2019

Neue Musik erkundet unentwegt neue Aus- drucksformen. Neben den Konzerten mit dem Sinfonieorchester und den großen Ensembles aus Paris, Wien und Hamburg stehen bei den Donaueschinger Musiktagen von 17. bis 20. Oktober 2019 vor allem Formate im Mittelpunkt, die den klassischen Konzertsaal verlas- sen, als Computerspiel angelegt sind oder im Schwimmbad unter Wasser stattfinden. Künstliche Intelligenz als Konzertkurator spielt ebenso eine Rolle wie Computerspiele und ein
virtuelles Festival im Festival. 

INTERVIEW

Wir sprachen mit Björn Gottstein, seit 2015 Künstlerischer Leiter der Donaueschinger Musiktage

Was kann curAltor, die Künstliche Intelligenz, was Björn Gottstein, der Kurator aus Fleisch und Blut, nicht kann?

Es geht bei dem Projekt eigentlich nicht um einen Wettbewerb Mensch gegen Maschine. Es geht darum, dass wir die Basis, auf der wir Entscheidungen treffen, hinterfragen. Auch der curAItor braucht Kriterien. Er benötigt Referenzwerke und Analyseverfahren. Dann aber hört der curAItor ganz anders als wir Menschen. Es ist ein technischeres, strukturorientiertes Hören. Der curAItor lässt sich auch nicht von Stimmungen und anderen Äußerlichkeiten beeinflussen. Und das Ergebnis, die drei Klavierwerke, die er für das Festival ausgewählt hat, ist stimmig und interessant. Ich hätte vielleicht nicht diese drei Werke ausgewählt. Was ich jetzt aber weiß, ist, was ein Kurator aus Fleisch und Blut kann: Widersprüche gelten lassen, Risiken eingehen, Kontroversen anstoßen.

Ist es pure Faszination oder macht es Sie auch nachdenklich?

Nein, es macht mich nicht nachdenklich. Wir leben seit Langem mit Maschinen zusammen. Die Maschinen haben eine unglaubliche Macht über uns. Sie sagen uns, wann wir aufbrechen müssen, um pünktlich zum nächsten Termin zu kommen. Sie sagen uns, welches Buch wir als nächstes lesen sollten. Ich finde, daran ist per se nichts verwerflich. Aber es ist doch wichtig, diesen Prozess kritisch zu begleiten, die Mechanismen und die Möglichkeiten zu hinterfragen. Und dazu leistet der curAItor einen Beitrag.

© Angela Bulloch

Ich war dieses Jahr mit meinem 12-jährigen Sohn zum ersten Mal auf der gamescom in Köln. Es war ein ganz anderer Kosmos, der mir im Gegensatz zu meinem Sohn weitestgehend verschlossen blieb. Das habe ich bisher in Donaueschingen nicht gefühlt. Auf was muss ich mich zukünftig einstellen, wenn die Computerspiele Einzug in Donaueschingen halten?

Ich glaube den Vibe, den man auf der gamescom und vielleicht auch auf technisch ausgerichteten Festivals wie der Ars Electronica in Linz spürt, den wird es in Donaueschingen so nicht geben. Das kann auch nicht unsere Aufgabe sein, der jugendbewegten Spielkultur nachzueifern. Wichtig aber ist, dass sich Komponist*innen mit diesen technischen Mitteln auseinandersetzen. Denn zum einen sind darin ja neue technische Möglichkeiten enthalten, neue Klang- steuerungsverfahren, neue Erzählmodelle. Zum anderen wäre es ja traurig, wenn sich so wichtige und innovative Entwicklungen, wie die Computerspielszene es ist, sich nicht auch in der Kunst niederschlagen. Bei Marko Cicilianis Konzertinstallation wird es jedenfalls nicht um pulssteigernde Adrenalinstöße gehen, und es gibt meines Wissens auch keinen Endboss, den man besiegen muss.

Wie viel Künstliche Intelligenz verkraftet die Musik, der Zuhörer?
Wie Künstler mit Technik umgehen – das ist für mich auch ein Lackmustest unserer gesellschaftlichen Werte. Bislang ist die Kunst immer etwas gewesen, das den Menschen vor anderen – vor Tieren und Maschinen – auszeichnet. Das Schöpferische, Kreative ist immer Teil unseres Selbstverständnisses gewesen. In dem Moment, wo wir die Technik am Schöpfungsprozess teil- haben lassen bzw. ihn ihr ganz überlassen, stellen wir diese Gewissheit aufs Spiel. Computer können besser Schach spielen als Menschen, sie können bald besser Autofahren, und jetzt sollen sie auch noch besser komponieren können. Das heißt auch, dass wir uns immer wieder neu behaupten und definieren müssen.

Jahr für Jahr wird Klangkunst im Öffentlichen Raum während der Musiktage in Donaueschingen gezeigt. Über die Jahre eine große Auswahl an verschiedensten Insze- nierungen und Klangwerken. In Unna gibt es für das Thema Licht ein eigenes, erfolgreiches Museum für Lichtkunst. Ist eines für Klangkunst nicht überfällig?

Das stimmt, dass der Klangkunst die großen Institutionen fehlen. Zwar hat sich im Bereich der Ausbildung in den letzten Jahren etwas getan, aber es fehlt doch das große Festival, das große Museum, das große Forschungszentrum.Klangkunst ist ja kein Appendix der Neuen Musik, sondern eigentlich eine eigene Gattung.

Teodor Currentzis, seit der Saison 18/19 charismatischer Chefdirigent des SWR Symphonieorchesters, hat im Frühjahr das SWR Experimentalstudio in Freiburg besucht. Mit „Für mich ist das hier wie Disneyland“ brachte er seine Freude und seine Begeisterung für das legendäre Klanglabor zum Ausdruck. Wann ist er „reif“ für Donaueschingen?

Natürlich sind wir miteinander im Gespräch. Teodor Currentzis hat ja ein großes Faible für Neue Musik und auch für Experimente im Konzertsaal. Wenn im Südwestrundfunk dieser Musiker, das SWR Experimentalstudio und die SWR-Ensembles mit ihrer großen Erfahrung im Bereich Neue Musik aufeinandertreffen, verspricht das einiges. Es ist klar, dass er in den nächsten Jahren auch einmal in Donaueschingen dirigieren wird.

Das Gespräch führte Kai Geiger.

BJÖRN GOTTSTEIN

SWR2-Redakteur für Neue Musik, folgte 2015 als Künstlerischer Leiter dem im November 2014 verstorbenen Armin Köhler, der die Geschicke der Donaueschinger Musiktage 22 Jahre lang gelenkt hatte. Björn Gottstein ist seit 2013 als Redakteur für Neue Musik bei SWR2 tätig und verantwortete seitdem die Konzertreihe "attacca". Er war außerdem einer der künstlerischen Leiter des Stuttgarter ECLAT-Festivals. Der 46-jährige, in Aachen geborene Musikwissenschaftler arbeitete zunächst als freier Journalist und seit 2009 auch als Veranstalter. In dieser Tätigkeit thematisierte er Fragestellungen wie die nach Musik und Armut (Audio Poverty, 2009), Musik und Transzendenz (Lux Aeterna, 2011) und nach der musikalischen Interpretation (Faithful, 2012). Als Journalist und als Kurator galt sein Interesse stets auch den Randbereichen der Neuen Musik und dem Genre-übergreifenden Experiment. Gottstein war Kritiker der Tageszeitung "taz" und schrieb außerdem für viele der maßgeblichen nationalen und internationalen Musikzeitschriften. Als freier Autor hat er außerdem für alle großen ARD-Anstalten, für den Deutschlandfunk und Deutschlandradio gearbeitet. 2006 erschien sein Buch "Musik als Ars Scientia" (Pfau-Verlag). Er unterrichtete an der TU Berlin, bei den Darmstädter Ferienkursen, an der Hochschule für Musik Basel und an der Universität der Künste Berlin. Er war Mitglied zahlreicher Jurys, darunter des Giga-Hertz- Preises des ZKM und des Kompositionspreises der Landeshauptstadt Stuttgart. Außerdem engagierte sich Gottstein kulturpolitisch, als Vorstandsvorsitzender der "Initiative Neue Musik" leitete er von 2009 bis 2013 die Geschicke der freien Musikszene in Berlin.

alle Fotos © SWR Donaueschinger Musiktage