Ralf Schmidt © Gregor Hohenberg

PYANOOK
Ralf Schmids futuristisches
Klavierprojekt

Die Mischung analoger und digitaler Klänge ist in modernen Kompositionen längst kein Novum mehr, doch nur wenige Künstler haben diese musikalische Symbiose so breit und tief in ihrem Schaffen verankert wie der Pianist Ralf Schmid in seinem neuesten Projekt PYANOOK. Während in akustischen Stücken oft auf Postproduktionsebene Technologie eingesetzt wird, um bestehende Klänge zu modifizieren oder zu erweitern, setzt Schmid diese von Anfang an schon bei der Komposition und Aufführung seiner Stücke ein. Dazu nutzt er eine besonders bahnbrechende Innovation der modernen Musiktechnologie: mi.mu-Gloves. Mit ihnen kann er den Klang dessen, was er auf dem Klavier spielt, sofort digital manipulieren – allein durch Handgesten. Diese Interaktion von instrumentaler Virtuosität und sensibel eingesetzter Technologie führte Schmid nicht nur zu einem Album, vielmehr war sie die Grundlage seines Alter-Ego.

Ralf Schmid © Gregor Hohenberg

PYANOOK ist Ralf Schmids künstlerische Auseinandersetzung mit der Technologie. Er setzt sich nur eine Grenze: Die gesamte elektronische Klangerzeugung basiert auf dem zeitlosen Timbre des Flügels. Die erstmals von der renommierten britischen Musikerin Imogen Heap vorgestellten Musikhandschuhe sind tragbare Tech-Produkte, die Bewegung und Klang verbinden. Sie verwenden Sensoren, die verschiedene Handgesten in programmierbare Soundeffekte umwandeln. Die Handschuhe ermöglichen es Musikern, ihre Musik auf eine natürlichere und ausdrucksvollere Weise zu kreieren.

Der deutsche Komponist hatte bereits in der Vergangenheit mit digitalen Werkzeugen gearbeitet, doch erst während eines längeren Aufenthalts in einer Künstlerresidenz in Oslo beschäftigte er sich intensiv damit, wie er mit Hilfe der Technologie sein eigenes Instrument, das Grand Piano, noch erweitern könnte. Der Handschuh war dafür die perfekte Lösung. Mit PYANOOK erschließt Schmid ganz neue Horizonte für analoge Instrumente und Live-Performances. Die Aufgabe, das Album auf die Bühne zu bringen, beschränkt sich dabei nicht nur auf Lesen, Spielen und Interpretieren von Notenblättern. Die Kompositionen werden mit jeder Bewegung des Pianisten lebendig und untrennbar mit ihm und seinem Körper verbunden Zu seiner intensiven Performance, bei der er seinen gesamten Oberkörper rhythmisch zur Erzeugung der Musik einsetzt, kommt eine faszinierende Lichtshow und Visuals von Pietro Cardarelli. Ausgelöst durch die Bewegungen der Handschuhe interagieren Schmid und Cardarelli audiovisuell in Echtzeit.

Ralf Schmidt © Gregor Hohenberg

INTERVIEW
Wir sprachen mit Ralf Schmid über die Produktion und wie man ein solches musikalisch visuelles Projekt auf CD bringt.

Wie lief die erste Pyanook-Einspielung?

Wunderbar. Unvergesslich. Die Ruhe einer italienischen Kleinstadt, eine ganze Woche Produktionszeit, zwei gute Flügel, das war schon die halbe Miete. Aber so etwas gelingt nur im Team. Mit Michele Locatelli hatte ich nicht nur einen alten Weggefährten und Freund, sondern auch einen erfahrenen und klugen Produzenten dabei.

Sie produzieren im Teatro die Filarmonici in Ascoli Piceno auf. Warum gerade dort?

Dieses frisch restaurierte Operntheater bot eine einzigartige Atmosphäre. Mein Partner Pietro Cardarelli, der Pyanooks Visual Art gestaltet, kommt aus Ascoli und hat eine sehr gute Infrastruktur dort. Wir haben sehr aufwendig produziert und brauchten einiges an Equipment und natürlich viele Helfer. Und die kulinarische Unterstützung war großartig.

Wie kommt das Visuelle von Pietro Cardarelli (Visual Act), wie presst man das Gesamterlebnis von Pyanook auf CD?

Auf CD ist die visuelle Komponente natürlich nicht pressbar. Aber wir haben bei Proben und Konzerten gefilmt und es wird nach und nach vieles im Netz zu sehen geben.

Ralf Schmid © Gregor Hohenberg

Elektro-Musik ist en Vogue! Nils Frahm, Max Richter oder Olafur Arnalds füllen inzwischen große Konzertsäle, Hallen oder treten bei renommierten Veranstaltungen wie dem Montreux Jazz Festival oder den Proms Konzerten in London auf. Was machen Sie anders und wohin strebt Pyanook?

Pyanook ist meine künstlerische Auseinandersetzung mit Technologie. Als Pianist entdecke ich Magie, Choreografie, Poesie in der Interaktion von Mensch und Maschine. Ich arbeite ja mit sehr speziellen elektronischen Elementen, z.B. Datenhandschuhen, die ein sehr organisches digitales Musizieren ermöglichen.

Sie sind Musiker und haben eine Professur für Jazz-Klavier an der Hochschule für Musik in Freiburg. Sie schauen gerne über die Tasten hinaus. Für die Kompositionen und die technische Umsetzung Ihrer Soundinszenierungen für Pyanook haben Sie sich zuletzt mit einem Sportwissenschaftler der Uni Freiburg getroffen? Über was haben Sie sich mit ihm ausgetauscht?

Mit Sportwissenschaftlern habe ich mich nicht getroffen, aber trotzdem hatte ich viel mit der Universität Freiburg zu tun. Studierende und Dozierende des Bereiches „Wearables“ haben speziell für Pyanook neue digitale Tools entwickelt, die wir im Frühjahr gemeinsam vorgestellt haben. Da ging es um Monitoring von Atem, Raumbewegung, Herzschlag etc. und deren Einsatzmöglichkeiten für musikalische Prozesse. Ich konnte Musik mit Augenbewegungen oder -zwinkern steuern. Das war hochspannend!

Seit Mai 2018 veranstalten Sie Aug- mented-Reality-Labor-Veranstaltungen an der Hochschule in Freiburg. Zuletzt unter dem Titel „Augmented reality on your personal smartphone“. Wie muss man sich das vorstellen und wie wird die Veranstaltungsreihe angenommen?

Die „Pyanook Labs“ finden im Humboldtsaal in Freiburg statt. Mit der Firma MARBLE AR, die inzwischen als Vorzeige-Start-up in Kali- fornien residiert, haben wir Augmented-Reality-Szenarien ausprobiert, bei denen das Publikum über das Smartphone in ein visuell erweitertes Konzerterlebnis eintauchen konnte. Bei der letzten Veranstaltung war der Hum- boldtsaal nahezu voll. Die Leute beginnen, dieses experimentelle Format anzunehmen. 

Das Gespräch führte Kai Geiger.