INTERVIEW mit Pierre Bertrand.

Sie leiten das diesjährige deutsch-französische Festivalorchester beim CLASSICAL BEAT Festival, das extra für das Festival zusammengestellt wurde. Wie bereiten Sie sich gegenseitig auf das neue Unbekannte vor, Sie sich auf die Musiker, diese sich auf Sie und das Stück „Far East Suite“, das zur Aufführung kommt?

Pierre Bertrand: Wir arbeiten seit vie- len Monaten intensiv mit dem Festivalteam des CLASSICAL BEAT Festivals zusammen. Die „Far East Suite“ ist ein Meisterwerk von Duke Ellington und Billy Strayhorn, das ich 2018 mit meiner Gruppe „La Caja Negra“ in einer eher orientalischen Jazz-Neufassung veröffentlicht habe. Für das Festival werde ich meine Version der „Far East Suite“ für eine Mini-Bigband aus jungen deutschen und französischen Musikerinnen und Musikern adaptieren.

Wie kamen Sie auf die Idee, die „Far East Suite“ 1964 von Duke Ellington und Billy Strayhorn, die abgebrochene Reise vom Nahen Osten nach Asien, neu zu bearbeiten, diese 2018 aufzunehmen und jetzt mit den Festivalorchester zur Aufführung zu bringen?

Pierre Bertrand: Die 1964 entstandene Fassung der „Far East Suite“ folgte auf eine dreimonatige Tournee von Duke Ellingtons Orchester im Herbst 1963 in den mittleren und Nahen Osten. Sie ist eine Art musikalisches Reisetagebuch. Ich war schon immer von dieser Arbeit fasziniert gewesen, und als ich 2009 mein erstes Album, „Caja Negra“, mischte, kam mir die Idee, dass einige Titel aus der Suite von der Gruppe gecovert werden könnten (die Stücke Amad, Blue Pepper ...). Ich konnte hören, wie meine Band sie spielte! Als ich dann weiter darüber nachdachte, kam mir die Idee, die gesamte Suite zu überarbeiten und anzupassen, und ich brauchte fast acht Jahre, um mich für die Arrangements zu entscheiden, die der Einspielung aus dem Jahr 2018 und den Konzerten beim CLASSICAL BEAT Festival zugrunde liegen.

Was ist für Sie CLASSICAL BEAT und wie viel CLASSICAL BEAT steckt in Ihrer Interpretation der „Far East Suite“, die am Festival in Hamburg, Travemünde und Eutin zur Aufführung kommt?

Pierre Bertrand: Ich habe noch keine klare Vorstellung davon, was CLASSICAL BEAT für mich bedeutet, wie ich die „Far East Suite“ in diesem Sinne interpriere, wie dieses Festival sein wird. Aber ich habe das Gefühl, dass es etwas Großes werden wird!

Sie komponieren immer wieder Stücke, die das Reisen, das Sich-Bewegen von Ort zu Ort zum Inhalt haben. In „Méditerranéo“ eine musikalische Reise ums Mittelmeer, in „Paris 24h“ Alltagsszenen aus Paris, in „Caja Negra“ ein Spaziergang zwischen dem Mittelmeer, Afrika und Lateinamerika. Was fasziniert Sie an dem Thema Reisen?

Pierre Bertrand: „La Caja Negra“ bedeutet „Black Box“, wie die eines Flugzeugs. Ein Flugzeug reist in alle Länder und seine Black Box zeichnet alles auf. Der Name der Gruppe symbolisiert die vielen musikalischen Einflüsse, die meine Musik charakterisieren, und die vielen Einflüsse, die die Musiker der „Caja Negra“ selbst mitbringen: Musiker des Jazz, des Flamenco, der südamerikanischen Musik, der indischen und orientalischen Musik. „Caja Negra“ ist seit zwölf Jahren viel gereist (Argentinien, Uruguay, Kolumbien, Mexiko), was noch zusätzliche Anregungen und Inspiration mit sich bringt, den wir im Kontakt mit den auf den Reisen angetroffenen Musikerinnen und Musikern erworben haben. Die gesamte Mu- sik von „La Caja Negra“ basiert immer auf beliebten Tanzrhythmen, die auf Reisen entdeckt wurden.

Es stehen immer Geschichten und Begegnungen hinter den Reisen. Liegen den Stücken Erzählungen oder selbst geschriebene Notizen, ein Reisetagebuch zugrunde?

Pierre Bertrand: Es gibt Dokumentationsarbeiten, die zwangsläufig mit meiner Arbeit als Musiklehrer in Paris, weniger mit den Reisen, verbunden sind. Meine Heimat Paris ist so reich an verschiedensten musikalischen Einflüssen und Gruppe aus allen Ländern und vor allem reich an großartigen Musikern, dass ich dort die erstaunlichsten Begegnungen gemacht habe. Treffen, die mich dazu motiviert haben, mein Wissen über populäre Musik zu erweitern, zu vertiefen und dann zu reisen.

Sie waren selbst als Gastdirigent, als Leiter der Paris Jazz Big Band und der Nice Jazz Orchestra in der gan- zen Welt unterwegs oder tätig, u.a. in Mexiko, Venezuela, Argentinien oder Dänemark. Wie „musikalisiert“ man Orte, Gerüche, das lebendige Treiben?

Pierre Bertrand: Primär mache ich dies am Publikum, an den Menschen fest, wie sie auf meine Musik reagieren. Das Publikum zeigt ein unterschiedliches Verhalten und hat manchmal sogar ein sehr unterschiedliches Alter, je nach Land. Das Publikum in Südamerika zum Beispiel kann sehr teilhabend sein. Es hat großen Spaß, mitten in den Solis der Musiker einzusteigen und mitzusingen. Das passiert in Europa eher nicht. In Europa sind wir zurückhaltender, vielleicht auch, weil wir über Jahrhunderte gelehrter Musik verfügen und das Hören von Musik als heilig betrachten.

Haben Sie sich über die Jahre ein Archiv an Tönen, Rhythmen und Klängen angelegt, die Ihre Eindrücke, Wahrnehmungen und Begegnungen festhalten?

Pierre Bertrand: Eine Archivierung erfolgt eher in Form von Komposition und Aufnahme als in Einzelelementen. Das ändert sich gerade, da ich vermehrt Musik für den Unterricht schreibe, wo es um Harmonien, Kontrapunkt und die Orchestrierung, klare Töne, Zeichen und Anleitungen geht. Dadurch wird vieles fassbarer und vielleicht entsteht eine Art Archiv daraus.

Mit dem Festivalorchester gehen Sie im Anschluss an das Festival selbst auf Reisen in Ihr Heimatland Frankreich. Was bedeutet das für Sie? Was möchten Sie den Musikern über das Reisen, auf der Reise mit auf den Weg geben?

Pierre Bertrand: Wir starten in Travemünde, dem magischen Tor zum Meer, um in verschiedenen französischen Städten zu spielen und den Menschen vor Ort zu begegnen und mit unserer Musik, dem deutsch-französischen Gedanken, zu begeistern. Wir bleiben beim Thema Reisen: La Rochelle, Nan- tes, Nizza, Paris. Es sind einige ziemlich magische Orte dabei, um großartige Bilder zu schießen, Eindrücke zu sammeln und diese ja vielleicht zu archivieren. Es geht mir aber auch um das Miteinander, die Gemeinschaft auf dieser Reise, die Förderung unseres musikalischen Nachwuchses.

Sie starten in La Rochelle und machen anschließend in Nantes Halt, der Hauptstadt der Region Pays de la Loire, der Partnerregion des Landes Schleswig-Holstein. Was bedeutet für Sie deutsch-französische Freundschaft?

Pierre Bertrand: Deutsch-französische Freundschaften sind sehr alt. Da die Franken germanische Völker waren, sind wir mehr als nur Freunde. Wir gehören zur selben Familie. Als geografischer Mittelpunkt und aus der Geschichte bestand und besteht Frankreich aus einer multikulturellen Gesellschaft vieler Nationalitäten. Das macht unser Land auch aus. Die Begegnung der Künstler zwischen Frankreich und Deutschland muss sich nun beschleunigen. Die Initiative des CLASSICAL BEAT Festivals mit diesem deutsch-französischen Jugendorchester ist Teil dieser Dynamik. Eine Dynamik, die in etablierten, professio- nellen Orchestern und unter unabhängigen Künstlern fortgeführt und etab- liert werden muss.

Kommen Sie zum ersten Mal nach Schleswig-Holstein?

Piere Bertrand: Ich komme leider eher selten nach Deutschland. In den letzten Jahren hauptsächlich nach Bremen zu Jazzahead!. So werde ich Neuland betreten und die Region „bereisen“, erkunden und für mich entdecken.

Auf was freuen Sie sich?
Pierre Bertrand: Die Emotionen!

Das Gespräch führte Kai Geiger.